Phantasiewelten

Jede rechtradikale Äußerung ist ein Bekenntnisfall für Christen
Foto: privat
Gerade Kirche und Diakonie verfügen über wichtige Ressourcen im Kampf gegen Neonazis. Sie müssen genutzt werden.

Der Staat kommt seiner finanziellen Verantwortung in der zivilgesellschaftlichen Bekämpfung der extremen Rechten inzwischen nach: Es gibt Bundes- und Länderprogramme sowie lokale Aktionspläne. Doch all das kann nur ein Zusatz zu den eigentlichen Aufgaben sein: Es kommt darauf an, die Regelinstitutionen in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zu stärken - Schule, Polizei, Sozialarbeit, Beratungsstellen. Allein durch zeitlich befristete Projekte können Rechtsextreme nicht zurückgedrängt werden.

Gerade Kirche und Diakonie verfügen hier über wichtige Ressourcen: die sozialpädagogische Familienhilfe, die Straffälligenhilfe, die vielen Sozial- und Gemeindepädagoginnen in Beratungsstellen, Jugendeinrichtungen und Kirchengemeinden. Alle diese Mitarbeitenden von evangelischen Einrichtungen können wertvolle Beiträge leisten. Um sich noch besser einsetzen zu können, sind aber für sie Angebote in Aus-, Fort- und Weiterbildung nötig.

Handlungsbedarf gibt es nicht erst bei offen neonazistischen Äußerungen - die alltägliche Ausgrenzung und Diskriminierung bedarf ebenfalls der Intervention. Gerade die Arbeit in Gemeinde und Diakonie leistet einen wichtigen Beitrag, wenn sie die gesellschaftliche Integration junger Menschen fördert oder ehemalige Strafgefangene resozialisiert - und diese damit von den Phantasiewelten der extremen Rechten fern hält.

Ein Bekenntnisfall

Die neonazistische Ideologie steht in einem fundamentalen Widerspruch zum christlichen Menschenbild. Für weite Teile der rechtsextremen Szene ist die Kirche ein Feindbild. In den einschlägigen Zeitschriften wird brachiale Kritik am als jüdisch beschriebenen Christentum propagiert. Zudem ist neonazistische Ideologie aufgeladen mit Versatzstücken einer neuheidnischen Mythologie. Um den Hals baumelnde Thorshämmer und T-Shirts mit der Aufschrift "Odin statt Jesus" mögen auf Außenstehende lächerlich wirken, doch in ihnen wird Manchen ein ernsthaftes Sinnangebot gemacht. Der Kern dieser Heilsideologie ist die Erlösung durch Tod und Vernichtung des Anderen. Die eigenen Gewaltphantasien werden auf Wikinger und nordische Götter projiziert, die sich immer wieder in der Bildsprache der Szene finden.

Doch macht man es sich zu leicht, wenn man mit dem Finger nur auf andere zeigt: Nach einer repräsentativen Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung sind die Mitglieder der beiden großen Kirchen in ihren Einstellungen signifikant antisemitischer als die Konfessionslosen.

Rechtsextremes Denken verherrlicht Krieg und Gewalt, es ist rassistisch und antisemitisch, es propagiert die Ungleichwertigkeit der Menschen. Jegliche rechtsextreme Äußerung ist deshalb für Christinnen und Christen ein Bekenntnisfall. Das heißt keineswegs, dass mit Rechtsextremen nicht das Gespräch gesucht werden sollte. Nein, plumpe "Nazis raus!"-Rufe helfen nicht weiter. Wir dürfen niemanden aufgeben. Es gibt immer wieder Menschen, denen es gelingt, sich aus der neonazistischen Lebenswelt zu lösen. Ein solcher Wandel passiert nicht über Nacht; er ist mit Lebenskrisen verbunden, und er bedarf häufig der Unterstützung. Wer die Szene verlassen will, sollte dabei bei uns Unterstützung erhalten.

Johannes Stockmeier

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