Europa

Nicht zu allem Ja und Amen sagen
Foto: privat
Sollten Sie zu den Europa-Zweiflern gehören, die nicht an den ehernen, alternativlosen Gang der Dinge glauben, dann lassen Sie sich nicht ohne Widerstand an den Pranger stellen, der für miese kleine Egoisten und Ignoranten reserviert ist. Stellen Sie lieber ein paar Fragen...

Europa ist älter als die EU. Das europäische Gemeinschaftsgefühl ist älter als die EU. Im Neunzehnten Jahrhundert gab es keinen Zweifel darüber, was europäisch ist. Zugleich wirkte allerdings das Gift des Nationalismus, das im Zwanzigsten Jahrhundert das europäische System zum Kollaps bringen sollte. Der Neuanfang ging über die Montanunion und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zur Europäischen Union. Die schloss - unter ihren Mitgliedern - erstmals effektiv den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln aus. Es lag nahe, die zunächst engen Grenzen der Union immer weiter hinauszuschieben, ging es doch um die Ausdehnung einer Friedenszone. Die Erweiterungen gehorchten, wie auch die Währungsunion, dem Prinzip, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Dieses Prinzip scheint in Sachen Europa allmählich zum einzigen zu werden. Europapolitiker und Europaenthusiasten vertreten es je nach Krisenstand mal lauter, mal leiser. Immer aber mit rhetorischem Pathos. Das Neue wagen! Das klingt doch ganz anders. Auch wenn es bedeutet, die Folgenabschätzung zu vernachlässigen.

Wer zaudert, dem kommt man mit der Moral. Das europäische Projekt sei viel zu wichtig, um es aufs Spiel zu setzen, und das tue jeder, der nicht will wie die Europaprofis, leichtfertig oder böswillig. Überhaupt wir Deutschen! Wir seien geradezu zum Augen-zu-und-durch verpflichtet. Schließlich waren wir die Verursacher einer Weltkatastrophe. Und überhaupt profitierten wir ganz besonders und völlig schamlos von der EU. Einer europäischen Transferunion freudig zuzustimmen sei wohl das Mindeste, zu dem wir verpflichtet seien.

Aber das wichtigste und durchschlagendste Argument lautet: Wir können nicht mehr zurück. Nicht nur im Großen Ganzen - von denen, die das wollen, ist hier ohnehin nicht die Rede - sondern in keinem einzigen Schritt, der sich als falsch erwiesen hat. Schließlich handele es sich um das größte demokratische Projekt der Neuzeit. Natürlich wird es am Ende nicht mehr die gute alte Demokratie sein, mit säuberlicher Gewaltenteilung, one man, one vote und so weiter. Das wissen die Europaaktivisten, und meistens sagen sie es auch, aber so verbrämt, dass es wie selbstverständlich und fortschrittsfroh daher kommt.

Sollten Sie zu den Zweiflern gehören, die nicht an den ehernen, alternativlosen Gang der Dinge glauben, dann lassen Sie sich nicht ohne Widerstand an den Pranger stellen, der für miese kleine Egoisten und Ignoranten reserviert ist. Stellen Sie lieber ein paar Fragen: Sollte, wer es wirklich ernst meint mit Europa, sich nicht zu allererst Sorgen darum machen, wie Europa funktionieren kann? Würde er wirklich das Konkurrenzprinzip für europäische Staaten negieren und es nur noch für internationale Konzernen gelten lassen? Müsste er nicht überlegen, wie mehr Demokratie in der Union verwirklicht werden kann? Gewiss fallen Ihnen noch eine Reihe von Fragen ein.

Wo eine Ideologie die Diskussion bestimmt, führt der Weg bald in die Irre. Auch dann, wenn uns das Gewollte aus dem Herzen spricht. Ein Kriterium für Ideologie: das Sollen für das Sein nehmen, also das in der Realität Mögliche zu übergehen. Aber vielleicht führt der Ideologieverdacht schon zu weit. Manchmal kommt man der Sache mit einer einfachen Frage näher: Wem nützt es?

mehr zum Thema "Europa"

Helmut Kremers

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Meinung"