Nichts verstanden

Friede in Israel und Palästina
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Bravermann hat ein Buch geschrieben, in dem die Palästinenser oft verklärt werden und Israel zu einem hässlichen Trugbild verzeichnet wird.

Dieses Buch hat mich aufgeregt. Es steht viel Richtiges darin und ist in seinen Konsequenzen dennoch grundverkehrt. Braverman, der 1948 in den USA geborene Psychologe, hat offenbar keinerlei Ahnung von meinen Problemen - meine ich als Christ, der in Deutschland in der Zeit nach der Shoah aufgewachsen ist und lebt.

Die Forderungen Bravermans sind klar: Der Frieden in Israel und Palästina müsse von außen kommen. Israel selbst sei nicht mehr in der Lage dazu, Frieden zu schaffen. Deshalb müsse der Frieden von der christlichen Welt kommen. Pastoren, ja überhaupt Christen seien es gewesen, die die Rassentrennung in den USA oder in Südafrika als erste angeprangert hätten - letztlich mit Erfolg. Jede christliche Gemeinde müsse wissen, wie sie mit diesem Thema umgehe, wie sie es mit der Wahrheit der palästinensischen Christen halte, die im so genannten Kairos-Aufruf ihre Glaubensbrüder in der ganzen Welt um Hilfe gebeten hätten.

Braverman ist in einer traditionellen jüdischen Familie in den USA groß geworden, die die Juden-Ermordung durch die Deutschen nicht miterlebte. Es war für ihn selbstverständlich, dass er jeden Tag für den Schutz des Staates Israel betete, denn der Staat Israel sei die Erlösung für die Juden nach 2000 Jahren Verfolgung - so hatte er es gelernt. Ein Satz, der bei aller notwendigen Differenziertheit im Detail und trotz vieler kritikwürdiger Aspekte zwar immer noch gilt, aber anscheinend immer weniger für den Juden Braverman. Er erzählt von Erlebnissen in Jerusalem und in der Bethlehem-Region im Jahr 2006, als er zwischen den jüdischen und den christlichen und moslemischen Vierteln wandelte. Plötzlich hatte er gemerkt, dass er sich im palästinensischen Umfeld wohler fühlte.

Nun schreibt er ein Buch, in dem die Palästinenser oft verklärt werden und Israel zu einem hässlichen Trugbild verzeichnet wird. Und er richtet sich mit dem Buch an die christliche Welt, die endlich ihre Verantwortung für die Palästinenser wahrnehmen und nicht länger schweigen dürfe.

Auschwitz, das Sinnbild für die große Schuld der Deutschen, lässt er als Begründung für dieses Schweigen nicht gelten: "Ihr seid nicht besser oder schlechter als andere", so hat er es bei einem Vortrag in Deutschland formuliert, "es gibt nicht nur eine Schuld, es gibt auch eine Gelegenheit, es jetzt richtig zu tun." Und das heißt für ihn, Israel zu kritisieren. Es kann bedeuten: "In der derzeitigen Situation heißt das, die Angst in Kauf zu nehmen, die Ergebnisse einer sechzigjährigen interreligiösen Versöhnungsarbeit zu gefährden, indem sie das Missfallen des jüdischen Establishments erregen."

Was soll das für den Frieden im Heiligen Land bringen? Werden Juden in Israel ihre politische Ansicht gegenüber Palästinensern ändern, wenn Christen - und noch dazu aus Deutschland - sie kritisieren? Ich bin mir aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in Israel sicher: Das Gegenteil wird der Fall sein und den Palästinensern ist damit in ihrer zweifellos schlimmen Lage auch nicht geholfen.

Sicher ist das Buch ein wichtiger Hinweis darauf, dass wir Christen gerade auch für die Christen unter den Palästinensern eine Verantwortung haben. So manche abwertende Beurteilung, beispielsweise des aufrüttelnden Kairos-Aufrufs, muss sich die Kritik Bravermans zu Recht gefallen lassen, dass Christen Israel bisher zu einseitig gestützt und den Palästinensern nicht geholfen hätten. Aber auch, eine Theologie zu betreiben, die vor "Richtigkeiten" strotzt, aber die Konsequenzen für das Leben von Menschen ignoriert. Meist haben die Kritiker palästinensischer Denk- und Lebensart inklusive dieser Leidensgeschichte tatsächlich keine Ahnung, zumindest aber wenig Feingefühl.

Aber Braverman nahm seinerseits von dem komplizierten Verhältnis von Deutschen zu Juden kaum Kenntnis. Das ist nicht zuletzt an dem Literaturverzeichnis zu sehen, das dieses Thema völlig ausblendet. Seit mehr als dreißig Jahren befasse ich mich ausführlich mit dem Schicksal der Menschen in Israel und Palästina, habe auf beiden Seiten Freunde und möchte, dass alle, Juden, Muslime und Christen dort in Frieden und Sicherheit leben können, und zwar in zwei Staaten: Israel und Palästina. Menschen, die sich nur einseitig engagieren oder nur einer Seite die Schuld an der Situation zuschieben, wie wir sie heute vorfinden, haben nichts verstanden. Das gilt für die Autoren der Kairos-Studie ebenso wie für die Philosemiten unter uns. Es gilt auch für Mark Braverman.

Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 336 Seiten, Euro 29,99.

Johannes Friedrich

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