Jede Stunde neu anfangen

Der Schweizer Theologe Karl Barth erfährt in den USA eine erstaunliche Renaissance
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Kapelle der US-Universität Princeton. Foto: AP
Vor 125 Jahren wurde Karl Barth in Basel geboren. Er gehört zu den bedeu­tends­ten ­Theologen des 20. Jahr­hun­derts. Was amerikanische Theologen heute an Barth fasziniert, schildert ­Matthias ­Gockel, der an der Theo­logischen Fakultät der Universität Jena wirkt

Wer die Website des Karl-Barth-Archivs Basel besucht, kann den berühmten Schweizer Theologen im Originalton hören - in verschiedenen Sprachen. Außerdem gibt es dort aktuelle Informationen und Anmerkungen zur theologischen Großwetterlage. Da­bei sticht die internationale Dimension hervor.

Die Mehrsprachigkeit der historischen Tonaufnahmen ist kein Zufall. Man erfährt von einer vielfältigen und lebendigen Barth-Forschung, besonders in den USA, in Großbritannien, Japan und Korea. Das überrascht, denn Barths Theologie galt gerade in den USA lange Zeit als "neoorthodox", so dass sie dem heutigen Menschen nichts mehr zu sagen habe. Und woher rührt das neu erwachte Interesse an Barth? Um dies zu beantworten, ist ein Blick auf die Anfänge seiner Ausstrahlung im englischsprachigen Raum aufschlussreich.

Barths erstes englisches Werk war die Übersetzung der Aufsatzsammlung Das Wort Gottes und die Theologie. Sie erschien 1928 und enthielt seine wichtigsten Vorträge als Pfarrer in der Schweiz und Professor in Deutschland (seit 1921), die ihm das Etikett eines "dialektischen Theologen" eintrugen. Barths Sätze ließen aufhorchen, denn sie schlugen ungewohnt kritische Töne gegenüber der eigenen Zunft an.

Der Grund war nicht bloß das damalige Unbehagen an Kirche und Gesellschaft, sondern eine Neubesinnung auf die biblische Botschaft. Besonders wichtig war die Einsicht, dass das Wort Gottes nicht die Überhöhung menschlicher Werte und Überzeugungen darstellt, sondern ein neues Ereignis verkündet: die Gegenwart Gottes in­mitten der Begrenztheit der Welt - nicht als willkommenes Trostpflaster, sondern als heilsame Unterbrechung des Gewohnten.

Dialektischer Theologe?

Das erste Fanal dieser Neuausrichtung war die zweite Auflage von Barths Kommentar zum Römerbrief. Sie erschien auf Englisch erst 1933, elf Jahre nach der deutschen Ausgabe. Im Vorwort zur Übersetzung wies Barth darauf hin, dass sich seine Theologie inzwischen weiter entwickelt habe. Er bat das Publikum, seine Aussagen nicht zu verwechseln mit denen Emil Brunners (1889-1966), der als Mitstreiter Barths galt.

Es war die Zeit, in der die Gegensätze zwischen den beiden "dialektischen Theologen" öffentlich wurden. Brunner meinte, der Mensch werde dadurch, dass ihm die Zweideutigkeit seiner Existenz bewusst sei, zur Frage nach Gott geführt. Barth meinte dagegen, dieses Bewusstsein sei ein Teil der natürlichen Religiosität des Menschen und führe dazu, die entscheidende Frage nach Gott und Gottes Offenbarung in Jesus Christus zu vermeiden.

An diesem Punkt stieß Barth auf ­Widerstand. Denn viele evangelische Theo­logen sahen in der natürlichen Religiosität des Menschen einen geeigneten Anknüpfungspunkt für die christliche Botschaft.

Und im Nordamerika der Fünfziger- und Sechzigerjahre beriefen sich liberale Theologen eher auf Dietrich Bonhoeffers Idee eines säkularen Christentums. Dennoch zog Barths Theologie aufgrund der kontinuierlichen Übersetzung seiner (unvollendet gebliebenen) Kirchlichen Dogmatik weite Kreise. Vier Jahre nach seinem Tod, im Oktober 1972, wurde bei einem Kolloquium in Toronto die Karl Barth Society of North America gegründet.

Ihr Ziel war die Förderung einer "kritischen und konstruktiven Theologie" mit besonderer Berücksichtigung von Barths Beitrag, dessen Erforschung damals noch in den Kinderschuhen steckte. Man verpflichtete sich zur Unterstützung der Schweizer Karl-Barth-Stiftung bei der Erfassung der Schriften Barths, mit dem Ziel einer Gesamtausgabe (bis heute 47 Bände). Aber es dauerte noch 25 Jahre, bevor 1997 am Princeton Theological Seminary mit dem Center for Barth Studies eine nordamerikanische Forschungsstelle etabliert wurde, die mit der Basler Zentrale kooperiert.

Undogmatische Dogmatik

Die Teilnehmer des Kolloquiums von 1972 waren sich einig, dass Barths Theologie gerade aufgrund der Fragen, die sie aufwirft, interessant sei und entgegen manchen Vorurteilen - die bis heute zu hören sind - keine fertigen Antworten biete. Dies wird durch die Rekonstruktion der theologischen Entwicklung Barths deutlich, die seit zwei Jahrzehnten einen Schwerpunkt der Forschung bildet.

Der gewichtigste Beitrag dazu stammt von Bruce L. McCormack, der in Princeton lehrt und dessen Buch über die Entstehung und Entwicklung von Karl Barths Theologie von 1909 bis 1936 mit dem Karl-Barth-Preis 1998 ausgezeichnet wurde. Der Amerikaner widerlegt die These, Barths Theologie sei nach der frühen dialektischen Phase gleichsam versteinert. Durch eine akribische Analyse zeigt er, dass auch Barths spätere Theologie einen dialektischen Grundzug aufweist und die fundamentale Differenz zwischen dem Wort Gottes und menschlicher Rede von Gott im Auge behält.

McCormack spricht von einer "undogmatischen Dogmatik", die auf die Wahrheit des Wortes Gottes hinweist, ohne sie zu besitzen: Deswegen kennt evangelische Theologie im Sinne Barths keine unumstößlichen Dogmen, sondern bedarf stets aufs Neue der Selbstprüfung. Und diese Art der Theologie ist für die heutige Zeit attraktiv. Denn sie verzichtet auf Überbietungen anderer Wissenschaften und kommt der (post-)modernen Einsicht in die Relativität aller Wahrheitsansprüche entgegen.

Dabei verfällt sie aber nicht der Beliebigkeit und hält an der Universalität der Botschaft des Evangeliums fest. Doch diese Botschaft ist kein geistlicher oder akademischer Besitz. Christliche Theologie ist in derselben Situation wie die kirchliche Verkündigung. Beide sind ihrem Gegenstand nachgeordnet und bestenfalls ein Zeugnis des Wortes Gottes, aber nie mit diesem identisch. Daraus resultiert die grundsätzliche Un­abgeschlossenheit dogmatischen Denkens.

Stete Selbstprüfung

Außerdem ist McCormack davon überzeugt, dass evangelische Theologie im Sinne Barths relevant bleibt, wenn sie den Ortsgemeinden, die in den USA von jeher über eine große Eigenständigkeit verfügen, zentrale Entscheidungen zutraut. Nicht umsonst spricht Barth in seiner Ekklesiologie meistens von der "Gemeinde" und nur selten von der "Kirche".

Das Gravitationszentrum der "Ekklesia", der "Herausgerufenen", liege eben nicht in der Kompetenz theologischer Experten und den Beschlüssen zentraler kirchlicher Verwaltungen, sondern im Leben der Ortsgemeinde, dem gemeinsamen Wirken von Pastorinnen oder Pastoren und Gemeindegliedern. Dies ist im Sinne Barths die entscheidende Voraussetzung für die Ausstrahlung der christlichen Botschaft in der Welt. Eine solche Einschätzung kann sich auf reformatorische Einsichten berufen. Freilich steht sie im Gegensatz zum aktuellen Trend einer hauptsächlich an ökonomischen Kriterien (und umstrittenen Prognosen) ausgerichteten Reorganisation der kirchlichen Struk­turen im deutschen Protestatismus.

Ein dritter Punkt, den McCormack für die Aktualität Barths anführt, ist die Verbindung von Dogmatik und Ethik, mit der sowohl eine Trennung zwischen Lehre und Leben wie eine Auflösung der Theologie in Ethik vermieden wird. Auch hier kommt das kritische Potenzial der Theologie Barths ins Spiel. Kein politisches oder ethisches Programm gilt ihm als schlechthin christlich. Menschliche Äußerungen in diesem Bereich können aber auf Gottes Gerechtigkeit und Güte hinweisen. Dafür gibt es klare biblische Richtlinien, wie im Hinblick auf Gewaltanwendung. Aber ihre Umsetzung in die jeweilige Situation bedarf der Erläuterung. Immer wieder betont Barth, dass wir es nicht mit einem leblosen Begriffsgott, sondern dem wirklichen und präsenten Gott zu tun haben.

Die Texte der Bibel kristallisieren sich in dem Gedanken, dass Gott einen unverbrüchlichen Gnadenbund gestiftet hat, den menschlicher Ungehorsam nicht aufheben kann. Und auch das ist hochaktuell, wenn man an die Tendenz zur Dämonisierung politischer Systeme wie des Kommunismus oder politischer Gestalten (Milosevic, Hussein, Bush, Ghaddafi - wer ist der nächste Schurke?) denkt. Seit dem ersten Erscheinen seiner Werke auf Englisch erhielt Barth viele Einladungen in die USA.

Doch wegen zahlreicher Verpflichtungen musste er sie stets ausschlagen. So kam es erst nach seinem Ausscheiden als Professor in Basel, Ende des Wintersemesters 1961/62, zu einem längeren USA-Aufenthalt. Im April und Mai 1962 unternahm Barth mit seiner Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum und seinem Sohn Christoph eine siebenwöchige USA-Reise. Dabei besuchte er mehrere theologische Hochschulen und gab drei Pressekonferenzen. Und sein Foto zierte sogar die Titelseite des Nachrichtenmagazins Time. Insgesamt empfand Barth die USA-Reise als "phantastische Angelegenheit". Besonders beeindruckte ihn die Offenheit und Beweglichkeit der Leute, denen er begegnete, und die kulturelle Vielfalt des Landes.

Im Gravitationszentrum

In seinen Vorträgen schrieb er den US-Theologen die Entwicklung einer "Theologie der Freiheit" ins Stammbuch. Mit ihr werde das säkulare Ideal der Freiheit (liberty) - versinnbildlicht in der Freiheitsstatue - "entmythologisiert" und auf die befreiende Freiheit (freedom) Jesu Christi hingewiesen. Außerdem meinte Barth, amerikanische Theologen sollten gegenüber europäischer Theologie keinen "Minderwertigkeitskomplex" entwickeln.

Wichtige Impulse für eine vertiefte Barthrezeption im Nordamerika der Siebziger- und Achtzigerjahre gingen von Hans W. Frei (1922-1988) aus, der an der Yale Divinity School lehrte. Er prägte viele Studenten aufgrund seiner speziellen Verbindung europäischer und nordamerikanischer Traditionen - seine Familie war 1938 in die USA eingewandert - und durch seine beeindruckende Persönlichkeit. Frei teilt das theologische Spektrum in fünf Typen ein.

Typ Eins bezeichnet eine philosophische Theologie, die den christlichen Glauben mit Hilfe allgemeingültiger Kriterien beschreibt und einordnet (foundationalism). Typ Fünf, der andere Pol, ist eine biblische Theologie, die sich als Grammatik des christlichen Glaubens versteht, ohne Anspruch auf allgemeine Geltung (nonfoundationalism). In dieser Typologie wird Barth dem Typ Vier zugerechnet: Er ist an der sprachlichen Ausformung des Glaubens interessiert, aber noch wichtiger ist für ihn der Gegenstand christlicher Gotteserkenntnis und der Wahrheitsanspruch der Offenbarung Gottes in Jesus Christus.

Freis Barth-Interpretation wurde von George Hunsinger weitergeführt, der auf dem Kirchentag in Dresden den Karl-Barth-Preis der Union Evangelischer Kirchen in der ekd erhielt. Der Amerikaner hält Barths Werk in drei Bereichen für aktuell: politische Theologie, dogmatische Theologie und ökumenische Theologie. Vor fünf Jahren gründete Hunsinger, dem die Verbindung von theologischem Denken und politischem Zeugnis wichtig ist, in den USA die "Nationale Religiöse Kampagne gegen Folter".

Preis auf dem Kirchentag

Eine originelle Variante der amerikanischen Barth-Interpretation, zu der es keine Parallelen im deutschsprachigen Raum gibt, bietet das Werk des mennonitischen Theologen John H. Yoder (1927-1997), der zuletzt an der katholischen University of Notre Dame lehrte. "Die wahre Kirche ist die freie Kirche", so lautet Yoders Umschreibung von Barths Kirchenverständnis. Ferner würdigt er Barths "nachkritische" Schriftauslegung (weder historistisch noch fundamentalistisch) und die Betonung des Friedenszeugnisses der Kirche.

Barths Ablehnung des Krieges gründe dabei nicht in einer gesetzlich verstandenen Bergpredigt, sondern sei ein konkreter Ausdruck der Nachfolge Jesu. Die Radikalität dieses "praktischen Pazifismus" werde in Barths Versöhnungslehre deutlich.

Sicher gibt es kontextuell verschiedene Faktoren, die das neu erwachte Interesse amerikanischer Theologen an Barth erklären. Besonders wichtig ist wohl das Einschärfen der Differenz zwischen menschlichen Worten und dem Wort Gottes, die eine heilsame Relativierung theologischer und kirchlicher Alleinvertretungsansprüche darstellt. Au­ßerdem ist Barths Werk einzigartig darin, dass es international breit rezipiert wird, von lutherischen, reformierten, methodistischen, baptistischen und römisch-katholischen Theologinnen und Theologen.

Das Potenzial seiner Theologie ist also noch lange nicht ausgeschöpft. Und die Kreativität der englischsprachigen Forschung kann evangelische Theologie in unseren Breiten zu einem neuen, unbefangeneren Umgang mit Barths Werk anregen und so eine neue, amerikanische Offenheit und Beweglichkeit für ihr Tun gewinnen. Barth selber betonte in seiner Abschiedsvorlesung, dass theologische Arbeit "nie mit freiem Rücken von schon erledigten Fragen, von schon erarbeiteten Resultaten, von schon gesicherten Ergebnissen herkommen … kann, sondern darauf angewiesen ist, jeden Tag, ja zu jeder Stunde neu mit dem Anfang anzufangen".

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Matthias Gockel

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