zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Blick in die Weite

Die evangelisch-reformierten Kirchen der Welt haben eine neue Gemeinschaft gegründet

Jörg Schmidt

In ­Michigan haben sich im vergangenen Monat 229 evangelische Kirchen zur  "Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen" (WGRK). Aber ihr gehört auch eine Kirche an, die die Rassentrennung des Apartheidregimes befürwortet und ihre Haltung bis heute nicht bedauert hat. Ein weiteres strittiges Thema ist die Verwicklung in die Globalisierung.

Das Reformiertendenkmal in Genf mit den Redormatoren Wilhelm Farel, Johannes Calvin, Theodor Beza und John Knox. (Foto: epd/ Norbert Neetz)
Das Reformiertendenkmal in Genf mit den Redormatoren Wilhelm Farel, Johannes Calvin, Theodor Beza und John Knox. (Foto: epd/ Norbert Neetz)

In Grand Rapids, bei der Generalversammlung des Reformierten Weltbundes (RWB), dem 217 Mitgliedskirchen mit 75 Millionen Mitgliedern angehören, hat sich der RWB mit dem Reformierten Ökumenischen Rat (RÖR) zusammengeschlossen, der 39 Kirchen mit rund 12 Millionen Mitgliedern umfasst. Die neue Organisation trägt den Namen "Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen" (WGRK).

Der RÖR wurde 1946 als Reformierte Ökumenische Synode gegründet. Drei Jahre später, bei seiner ersten Generalversammlung, zählte er mehr als 20 Mit­gliedskirchen, die eine konservative Ten­denz verband. Sie versuchten, die Apartheid, die Rassentrennung in Südafrika, theologisch zu rechtfertigen und lehnten Homosexualität ab. Der Streit darüber führte immer wieder zu Bei- und Austritten. 1992 zählte der Reformierte Ökumenische Rat noch 26 Mitgliedskirchen, wuchs dann aber wieder auf 39 an.

         "Gemeinschaft" statt "Bund"

Beim Beschluss, sich mit dem großen Reformierten Weltbund zu vereinen, spielten auch die Finanzen eine Rol­le, gehörten doch 27 Mitgliedskirchen des RÖR auch dem RWB an und zahlen so doppelte Mitgliedsbeiträge.

Dass die neue Weltorganisation der Reformierten nur nicht mehr "Bund" heißt, sondern "Gemeinschaft", signalisiert aber auch einen neuen Grad von Verbindlichkeit. Dem RWB hatte man nachgesagt, dass es mit der Gemeinschaft unter seinen Mitgliedskirchen nicht weit her sei. Aber mit der Zeit haben sie ihre geistlichen Ämter gegenseitig anerkannt, und sie haben gelernt, dass sich die Beschäftigung mit ethischen Fragen, die sie in den vergangenen Jahren stark beansprucht hat, gut mit einer stär­keren theologischen Perspektive ver­trägt. Letzteres war gerade den Kirchen des Reformierten Ökumenischen Rates ein wichtiges Anliegen.

Freilich, gerade die Kirchen der Schwarzen und Farbigen Südafrikas schauen mit einem gewissen Misstrauen auf die neue Weltgemeinschaft. Denn ihr gehört auch eine Kirche an, die die Rassentrennung des Apartheidregimes befürwortet und ihre Haltung bis heute nicht bedauert hat, die "Niederdeutsch-Reformierte Kirche" Südafrikas, die 1982 wegen ihrer Rechtfertigung der Apartheid aus dem RWB ausgeschlossen worden war, und ab 2005 dem Reformierten Ökumenischen Rat angehörte.

                                     Rassentrennung befürwortet

Bislang hat sie ihre theologische Begründung der Apartheid nicht als Irrlehre bezeichnet. Doch das hätte sie tun müssen, um in den Reformierten Weltbund zurückkehren zu können. Und das ist auch eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der neuen WGRK. Daher erwarten Beobachter, dass die weißen Südafrikaner diesen Schritt auf ihrer Synode im September vollziehen.

Ein weiteres Thema ist für die Reformierte Weltgemeinschaft, wie die Mitgliedskirchen und ihre Gemeinden mit ihrer Verwicklung in die Globalisierung umgehen und was vor diesem Hintergrund das Wort "Gemeinschaft" bedeutet. Mit dem Thema Globalisierung hat­te sich schon 1997 die Generalversammlung des RWB im ungarischen Debrecen beschäftigt. Sie rief alle Mitgliedskirchen auf, "auf allen Ebenen zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens (processus confessionis)" bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung zu kommen.

Im Nachhinein bestimmte oft die Frage die Diskussion, ob denn der processus nicht in einen status führen müsste, ob also die Reformierten nicht endlich bekennen müssten, dass das Weltwirtschaftssystem, das mit dem Be­griff "Globalisierung" bezeichnet wird, ge­gen Gottes erklärten Willen steht. "Endlich" - meinten Reformierte, vornehmlich aus dem südlichen Teil des Erdballs. Viele aus dem nördlichen Teil äußerten dagegen die Sorge, dass in Form eines Bekenntnisses festgelegt würde, ein "Nein ohne jedes Ja" zu ökonomischen Sachverhalten sagen zu müssen.

In der Erklärung, die dann die Generalversammlung des RWB vor drei Jahren in Accra beschloss sahen viele ein solches Bekenntnis. Und die intensiven Diskussionen im Nachhinein machten deutlich, dass es für viele, nicht nur für Reformierte, jetzt ums Ganze ging: ob endlich eine Auseinandersetzung mit den zerstörerischen Folgen des Weltwirtschaftssystems an die erste Stelle der Tagesordnung des RWB zu rücken ist. Dabei ging es vor allem um den Begriff "Imperium". Mit dem hatte die Accra-Erklärung die Machtkonstellation im Kontext der Globalisierung beschreiben wollen.

         Streit über US-"Imperium"

Und sie hatte darüber hinaus nahe gelegt, die USA als "Imperium" zu verstehen. Kein Wunder, dass die Auseinandersetzung heftig hin und her wogte und die Kombattanten dieselben waren wie nach 1997: Hier der Süden, dort der Norden, hier die Befürworter einer solchen Identifizierung, dort ihre Kritiker. Doch im Vorfeld der Generalversammlung in Grand Rapids wurde dieses Gegeneinander zum ersten Mal überwunden. Seit zwei Jahren existiert ein Projekt zur Frage der Globalisierung, das Kirchen aus dem Norden mit denen des Südens gemeinsam betreiben.

In Deutschland war es die Evangelisch-Reformierte Kirche, die sich mit ihrer Partnerkirche in Südafrika, der "Sich Vereinigenden Reformierten Kirche", den Folgen der Globalisierung und den Konsequenzen stellte. Und im Rahmen dieses gemeinsamen Projektes ist es zu einer Neubeschreibung des Begriffs "Imperium" gekommen. Dieser wird einmal als zusammenfassende Beschreibung der verschiedenen Faktoren gesehen, die die Globalisierung prägen.

"Imperium" wird aber auch - mit dem Theologen Karl Barth - als "herrenlose Gewalt" verstanden und somit einer tiefer gehenden theologischen Reflexion und Diskussion unterzogen. Eindringlich werden die zerstörerischen Konsequenzen des "Imperiums" beschrieben, aber auch sein religiöser Charakter. Und so werden die Reformierten - wie andere Christen - zu einer "geistlichen Introspektion" ermutigt, wie es Peter Bukowski, der Moderator des Reformierten Bundes, ausdrückte, zur Frage, wie Menschen im Norden und im Süden, Opfer, aber auch Täter sind, Opfer eines Systems der Gier, aber auch gierig Handelnde, gefangen in der "Vergötzung von Geld, Gut und Eigentum".

                                            Betonung der
                                                 gemeindlichen Selbständigkeit

Den Reformierten sagt man nach, sie neigten zum "Kongregationalismus", zur übermäßigen Betonung der Selbstständigkeit der Ortsgemeinde gegenüber der Gesamtkirche. Dahinter steht die in vielen reformierten Gemeinden lebendige Vorstellung, dass jede noch so kleine Ortsgemeinde Kirche ist und keiner Ergänzung oder gar Vervollkommnung bedarf, um Kirche zu werden. In der reformierten Tradition wird das gerne in den Satz gefasst: "Jede Gemeinde ist ganz Kirche". Allerdings hat dieser Satz eine notwendige Fortsetzung: "Keine Gemeinde ist die ganze Kirche". In gewissem Sinn fasst dieser Doppelsatz die Grundlage für das zusam­­men, was "presbyterial-synodale Ordnung" genannt wird: Wie jede Gemeinde, von einem Presbyterium kollegial geleitet, selbstständig Kirche ist, so gehört zum Kirchesein auch die überörtliche, von einer Synode kollegial geleitete Gemeinschaft hinzu.

Allerdings wird der zweite Satzteil, der von der Gemeinschaft mit den anderen Kirchen spricht, oft geringer bewertet als der erste. Die Selbstständigkeit, das Kirchesein einer kleinen Gemeinschaft, wird also stark gemacht zu Lasten der Einheit der Kirche, ihrer synodalen Verbundenheit. Und nicht nur auf Weltebene bestätigt ein flüchtiger Blick diese Beschreibung. So war der Reformierte Weltbund in Genf organisatorisch schwach, und der Blick vieler refor­mierter Gemeinden fokussierte sich eher auf die eigenen Angelegenheiten als auf die nationale und internationale Ebene.

Nun ist das allerdings kein reformiertes Spezifikum. Gerade in Zeiten des ökonomischen Drucks werden Ortsgemeinden von der Frage beherrscht, was sich in ihrem unmittelbaren Bereich finanziell noch halten lässt. Und unausgesprochen denken und handeln dann manche so, dass es zu Lasten der Nachbargemeinde und der Nachbarkirche geht. Um so wichtiger ist es da, dass Organisationen wie der Weltkirchenrat (ÖRK), der Lutherische Weltbund (LWB), der Ende Juli in Stuttgart tagt (siehe Seite 24 ff.), und die in Grand Rapids ­geschaffene Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) den Blick in die Weite lenken.

Jörg Schmidt ist Generalsekretär des Reformierten Bundes in Deutschland.

Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2010.

 

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