zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Erlösung hat ihren Preis

Ohne Jesu Blut gibt es kein geheiltes Gottesverständnis

Man kann es als unpassend oder anstößig empfinden - das ändert nichts an dem Befund: Nach den Worten der Bibel lässt sich Jesu Tod gar nicht anders verstehen als eine Sühneopfer.

Wir können uns wahrscheinlich nicht mehr wirklich vorstellen, welch eine gotteslästerliche Ungeheuerlichkeit es war, dass Jesus dem Gelähmten das Wort der Sündenvergebung gesagt hat. So sehr haben wir uns daran wie an eine fraglose Selbstverständlichkeit gewöhnt, dass Gott die Liebe ist, ohne Grenzen, und dass es gleichsam seines Amtes ist, zu vergeben, immer wieder und jedes Mal aufs Neue. Dabei ist es doch das "Wunder ohne Maßen, wenn man's betrachtet recht", wie es in einem der älteren Passionslieder in unserem Gesangbuch  heißt. Woher kommt Jesus dieses Recht zu, schon jetzt auf Erden die Sünden zu vergeben? Woher diese göttliche Vollmacht auch heute noch in der christlichen Kirche? 

               Jesu' Vollmacht

Wir gründen sie darauf, dass "Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift", wie es in dem ältesten biblisch überlieferten Glaubensbekenntnis heißt. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu verdankt sich wohl kaum dem Bedürfnis seiner verstörten Anhänger, seinem schmachvollen Sterben nachträglich einen positiven Sinn abzugewinnen. Und: wie kann man eigentlich von einem "angehängten Sühnemotiv" beim Evangelisten Matthäus sprechen, wenn nur expliziert wird, was in dem "für viele vergossen" des Markus klar impliziert ist?

chon das aber lässt sich gar nicht anders verstehen als im Sinne eines Sühneopfers. Man mag das als unpassend oder anstößig empfinden. Das ändert nichts an dem Befund selbst. Es handelt sich um älteste Tradition. Ich halte mich lieber an den Bericht, wonach den Aposteln durch den auferstandenen Herrn selbst anhand der heiligen Schrift klar geworden ist, dass er zum Heil der Menschen sterben musste.

Auf zwei Kernstellen wird im Neuen Testament häufig Bezug genommen, das Lied vom leidenden Gottesknecht bei Jesaja: "Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten", und das Wort im Psalm 118 vom Eckstein, "vom Herrn geschehen" und "ein Wunder vor unseren Augen". Jedenfalls gehört das Bekenntnis zum "Wort vom Kreuz", zu dem Evangelium, dessen sich der Apostel nicht schämt, zum Urgestein des neutestamentlichen Zeugnisses in allen seinen Schichten, eine "Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben".

                                                       Etwas Neues begonnen

Dieses "gestorben für unsere Sünden nach der Schrift" hat man sich freilich schon in der christlichen Urzeit anhand verschiedener Begriffe und Vorstellungen klar gemacht, ob als Sklavenfreikauf, als Sühneopfer, als Passalamm, als Weizenkorn, das sterben muss, oder als Lebenshingabe für die "Freunde".

Doch ist es überall unverkennbar, dass hiermit etwas Neues, Unerwartetes in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen begonnen hat, was es bisher nicht gab, den einen ein Ärgernis, den anderen eine Torheit. Es war entweder nur als himmelstürmerische Anmaßung zu verstehen, was der Grund für das Todesurteil im Prozess gegen Jesus nach den Synoptikern war, oder aber es erfüllte sich hier die Schrift, was als der entscheidende Wahrheitsbeweis galt.

Wenn von nun an "die Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern" verkündigt wurde, ging das nicht auf einen gedanklichen Vorgang im Herzen der ersten Zeugen zurück, sondern auf ein Geschehen mit Ereignischarakter, auf ein neues Handeln Gottes in Kreuz und Auferstehung Jesu. Allen anderen "Erklärungen" mangelt jede theologische - und wohl auch historische - Plausibilität. 

           Lebensgeheimnis verkannt

Wie weit man bei Aussagen wie der vom "Blut Jesu, das uns rein macht von aller Sünde", das "Haupt voll Blut und Wunden" und den gemarterten Leib des Gekreuzigten vor Augen haben muss, wie es der Passionsandacht der Vätergeneration um Paul Gerhardt und den Grafen Zinzendorf geläufig war, lasse ich dahin gestellt. Es ist uns vielleicht mit Recht fremd geworden. Unsere neueren Passionslieder kommen ohne dies aus. Doch sagen sie gleichermaßen: "Nur unsretwegen hattest Du zu leiden"; und: "Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht". Auch sie bleiben dabei, dass das Heil der Welt nicht ohne weiteres zu haben ist, dass unsere Erlösung einen Preis kostet.

Ohne den Tod Jesu wäre unsere Predigt von der Vergebung nichtig. Wir würden mit Paulus zu sprechen "als falsche Zeugen Gottes befunden". Ohne "Jesu Blut", das heißt doch: ohne sein Sterben für uns, wie immer wir es deuten wollen, gibt es für uns das geheilte Gottesverhältnis nicht, das die Vergebung der Sünden meint, wohl auch nicht die volle Gesundheit eines neuen Lebens. Hier kann es keine notwendigen Abschiede geben, es sei denn, man verkennt das Lebensgeheimnis des Weizenkorns, es sei denn um den Preis der Gewissheit, dass es mit der Vergebung der Sünden stimmt, zu der wir uns in jedem Gottesdienst mit den Worten des Credo bekennen.

Heinz Joachim Held ist Alt-Auslandsbischof der EKD aus Hannover.

Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2010.

 

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