zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Unbeugsames gallisches Dorf

Keine Calvinisten: die evangelisch-reformierte Gemeinde in Frankfurt am Main

Doris Stickler

Während in Deutschland zahlreiche Kirchengemeinden ihr reformiertes Profil verloren haben, wird es in Frankfurt am Main bewusst gehegt. Schon das Gemeindezentrum ist Architektur gewordene reformierte Theologie, wie die Frankfurter Journalistin Doris Stickler festgestellt hat.

Architektur gewordene Theologie: das neue Gemeindezentrum der evangelisch-reformierten Gemeinde. (Foto: Helmut Stettin)
Architektur gewordene Theologie: das neue Gemeindezentrum der evangelisch-reformierten Gemeinde. (Foto: Helmut Stettin)

Darf man in der Kirche eigentlich rauchen? Juristen stochern bei der Frage im rechtlichen Graubereich. Bei Theologen färbt sich die Antwort mit der Konfession. In den heiligen Hallen der Katholiken qualmt es nur aus Weihrauchschalen. Reformierte haben mit Tabakschwaden kein Problem - zumindest, was den Glauben anbelangt. Der reformierte Theologe Karl Barth (1886-1968) hat das auf humorvoll-provozierende Art demonstriert. Die Pfeife des passionierten Rauchers dampft - wenn auch nicht im Gottesdienst - auch im Gotteshaus. Das taten bislang auch die Zigaretten von Udo Köhnen. Mittlerweile raucht der Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt zwar vor der Tür. Mit einer Trennung zwischen sakral und profan hat das aber nichts zu tun. Diese Unterscheidung ist Reformierten völlig fremd.

Wer das Gemeindezentrum betritt, sieht es sofort: Es gibt kein Kreuz, keinen Altar, kein Bild, keine künstlerisch gestalteten Kirchenfenster. Solche Neutralität kann selbst eingefleischte Protestanten irritieren. Das vor drei Jahren erbaute Domizil erachtet Pfarrer Köhnen als "gelungene Synthese zwischen Architektur und reformierter Theologie". 

            Kein Kreuz, kein Altar, kein Bild.

Das Gebäude wirkt durchlässig und transparent, verwischt die Grenzen zwischen innen und außen. Am deutlichsten zeigt das die spiralförmig in und durch das Haus führende Wand. Über das Gesicht ihrer Bleibe hat die Gemeinde zwei Jahre lang debattiert, etliche Modelle wurden begutachtet und verworfen. Einen derart produktiven Prozess hatte Köhnen bis dahin noch nicht erlebt. Und auch kein Architektenbüro, das sich "mit theologischen Inhalten so intensiv und begeistert auseinandersetzte". Herausgekommen ist ein in Beton, Holz und Glas gegossenes Bekenntnis - für Außenstehende mit Übersetzungsbedarf.

Wenn Pfarrerin Susanne Bei der Wieden Besucher über die 2600 Quadratmeter führt, gerät der Rundgang schnell zum Crashkurs in Glaubenskunde. Wie oft durch die Abwesenheit des Kreuzes Gespräche über dessen Bedeutung entbrannten, kann sie schon nicht mehr zählen. Gleiches gilt für den Gottesdienstraum, der nur durch die auf einem ganz normalen alten Tisch liegende Bibel als solcher zu identifizieren ist. Mögen manche Gäste die lichtdurchflutete, sich über zwei Stockwerke erstreckende Rotunde auch als "Parlamentssaal" verspotten. In der Gemeinde kommt man bestens ohne die üblichen Attribute zurecht. Dreh- und Angelpunkt ist hier das Wort, das keine mit dem Nimbus der Heiligkeit versehenen Räume braucht.

Calvinistische Glaubenswurzeln

Während in Deutschland zahlreiche Kirchengemeinden ihr reformiertes Profil verloren haben, wird es in Frankfurt am Main bewusst gepflegt. Die calvinistischen Glaubenswurzeln prägen auch Liturgie und Abendmahl. Die Menschen greifen selbst zu Kelch und Brot. Zudem lehnen viele bei Beerdigungen die Aussegnung wie das Gebet für die Verstorbenen ab. Ihrer Überzeugung nach bedürfen Tote unter der Obhut Gottes nicht länger menschlicher Zuwendung.

Präsesdiakon Günter Leyerzapf gehörte früher einer lutherischen Gemeinde an und hat die gar nicht so feinen Unterschiede schätzen gelernt. Am meisten fasziniert ihn die "Eigenständigkeit jedes Einzelnen". "Das von Calvin propagierte Priestertum der Laien wird hier konsequent gelebt." Die Gemeinde sei der eigentliche Souverän, die letzten Entscheidungen treffe das mit jeweils sechs Diakonen und sechs Ältesten besetzte Leitungsgremium. Die Pastoren - Leyerzapf nennt sie "theologische Facharbeiter" - hätten etwa in der Diakonie gar nichts zu sagen. Und wenn sie es hätten? Bei der Wieden und Köhnen unterstützen ohnehin den seit Jahrzehnten verfolgten Kurs: "Die Diakonie wäre das Letzte, was leiden würde."

Von all den Abstrichen in jüngster Zeit blieb das soziale Engagement denn auch unberührt. Die Gemeinde finanziert zwei Kindergärten, zwei Schwestern, die alte und kranke Menschen pflegen und seelsorglich begleiten, sowie eine Familientherapeutin, die in Notlagen geratene Personen berät. Außerdem teilt sie sich mit dem Evangelischen Regionalverband Frankfurt seit über 30 Jahren die Trägerschaft für ein Alten- und Pflegeheim.

Wenngleich sich manche der rund 3.000 Mitglieder um das Vermächtnis Calvins wenig scheren, schweißten gewaltige Umwälzungen die reformierte Schar noch stärker zusammen. Der Bau des neuen Gemeindezentrums war nach Köhnens Einschätzung "nicht nur ein räumlicher Neubeginn". Vormals auf fünf Bezirke verteilt, wurde überall das "volle Programm mit Pfarrer, Küster, Musiker und was man sonst noch so hat", gefahren. Wegen abweichender Gottesdienstordnungen erkundigte er sich bei Vertretungen "immer erst mal nach den jeweiligen Gepflogenheiten".

Der Entschluss, vier Standorte aufzulösen und sich auf einen zu konzentrieren, keimte in der Gemeinde selbst. Bei der Wieden ist "stolz, dass der Schritt nicht auf äußeren Druck geschehen ist". Entsprechend engagiert wurde die Zusammenlegung vorangetrieben. Der nicht ganz schmerzfreie Prozess wurde dann prompt vom Zufall belohnt. Die "Indienststellung" des neuen Hauses fiel auf den 450. Geburtstag der Gemeinde.

"Wir arbeiten noch am Zaubertrank!"

Seit 2005 betet und arbeitet man nun unter einem gemeinsamen postmodernen Dach, das mehrheitlich auf Zustimmung stößt. "Eine kleine Anzahl Meckerer gibt es immer", räumt Köhnen ein. Die jetzt in der Frankfurter City ansässige Gemeinde vergleicht der Pfarrer gerne mit jenem berühmten gallischen Dorf: "Wir arbeiten allerdings noch am Zaubertrank." Dieser Assoziation pflichtet Kollegin Bei der Wieden prinzipiell bei - mit einer Korrektur. Im Gegensatz zu der gallischen Enklave sei man nämlich "nachbarschaftlich eingebunden".

Kooperiert wird mit anderen Gemeinden, mit sozialen Organisationen, politischen Gruppen, der Universität sowie mit der jüdischen Gemeinde, deren Synagoge nur ein paar Häuser weiter liegt. Die Verbundenheit mit dem Judentum hat bei Reformierten Tradition. Das Alte Testament wird von ihnen hoch geschätzt, es gibt die gemeinsame Ablehnung von Bildern sowie Parallelen in der Geschichte der Verfolgung und Vertreibung. So fanden im Zuge der Konversionswellen des 18. und 19. Jahrhunderts auch überproportional viele Juden die neue Glaubensheimat im reformierten Bekenntnis. 

In der Frankfurter Gemeinde, in der vor dem Naziwahn rund die Hälfte der Menschen jüdische Wurzeln besaßen, feiert man den Buß- und Bettag im Gedenken an die Pogromnacht von 1938 seit vielen Jahren am 9. November. Um das Verhalten der Mitglieder während des Nationalsozialismus zu erforschen, wird gegenwärtig ein Dissertationsprojekt finanziert.

Ein reger Kontakt existiert naturgemäß zur Evangelischen Französisch-reformierten Gemeinde, mit der man gemeinsam das Kirchenblatt publiziert. In den zentralen Motiven des Glaubens nahezu deckungsgleich, siedelt Pfarrer Matthias von Kriegstein den "gravierendsten Unterschied im längeren Anfahrtsweg" an. Im Gegensatz zu seinen wallonischen Glaubensahnen hätten die niederländischen Protestanten auf ihrer Flucht einen Umweg in Kauf nehmen müssen und Frankfurt erst ein Jahr später erreicht. Im Laufe der Zeit zeichneten sich jedoch unterschiedliche Profile ab. Die etwa zehnmal so große evangelisch-reformierte Gemeinde steht zwischen der soziologisch gesehen freikirchlichen Struktur der "Franzosen" und der volkskirchlich parochialen Form der meisten lutherischen und unierten Gemeinden Frankfurts.

Die Autonomie birgt Risiken

Einen Sonderstatus in der hessen-nassauischen Kirche  nehmen beide reformierten Gemeinden ein. Sie erhalten zwar Kirchensteuermittel und verfügen über Sitz und Stimme in der Landessynode. Als selbstständige Personalgemeinden regeln sie jedoch Angelegenheiten wie Haushalt, Kirchenordnung oder Pfarrerwahl selbst. So sind Bei der Wieden und Köhnen Pfarrer der Landeskirche, unterliegen aber nicht deren Hierarchie. Die Urlaubsanträge beispielsweise schicken sie an die Präsesältesten. Diese Autonomie hat freilich auch ihren Preis: "Wenn die Gemeinde durch Fehlentscheidungen an die Wand gefahren wird, ist sie weg", stellt Köhnen unumwunden klar.

Zurück zum Alltag, den das reformierte Verständnis als Verzahnung von Lehre und Leben definiert. Neben der Diakonie und einer weltverantwortlichen Haltung, die sich unter dem Stichwort "Bewahrung der Schöpfung" subsumieren lässt, schreibt man in der Freiherr-vom-Stein-Straße die Bildung ganz groß. Das Spektrum des "reformierten Forums" reicht von Bibelstunden über Seminare zur Kirchengeschichte bis zu Vorträgen mit philosophisch-theologischen Themen. Nur "angstfreies Batiken" bieten wir nicht an, witzelt Köhnen.

Ziemlich ins Schwarze trifft seit drei Jahren das "Lunchbreak"-Projekt. Das nur einen Steinwurf von den Büro­türmen und der Börse entfernte Gemeindezentrum lockt jeden Mittwoch die Schlips- und Kragenträger an. Die finanzkrisengeschüttelte Gegenwart katapultierte die Zahl jener, die nach beständigeren Werten suchen, deutlich nach oben. Zur Freude des Pfarrers erreichen die "Gespräche abseits der Arbeitswelt bisweilen ein enormes theologisches Niveau".

"Die Prädestinationslehre lehnen wir ab."

Die Lehre Calvins spielt dabei eine ebenso gewichtige Rolle wie im Gemeindeleben insgesamt. Man nimmt sich aber auch die Freiheit, manche seiner Ansichten scharf zu kritisieren. "Wir sind reformiert, aber keine Calvinisten", bringt es Bei der Wieden auf den Punkt. Der Schweizer Theologe werde "weder zum Heiligen noch zur Ikone" stilisiert. Und Dogmen wie die "Prädestinationslehre lehnen wir ab".

Auch gegen Kirchenmusik, die in manchen reformierten Gemeinden eine untergeordnete Rolle spielt, hat in Frankfurt niemand etwas einzuwenden. Im Gegenteil. Die Gemeinde gönnt sich einen hervorragenden Organisten.

Mit jener wohlwollend-distanzierten Haltung durchschreitet sie auch das Calvin-Jahr. 2009 wird daher nicht allein dem 500. Geburtstag des Reformators, sondern gleichermaßen dem 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn-Bartholdy gedacht. Der Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn war reformierter Christ, lebte auch in Frankfurt und beeinflusste mit seiner Musik die Gemeinde. Was den Reformator anbelangt, "ackern wir nicht den ganzen Calvin ab", so Bei der Wieden. Mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain habe man die Tagung "Calvins Prädestinationslehre im interreligiösen Gespräch" organisiert. Auf dem Programm stehe zudem eine wirtschaftsethische Vortragsreihe, in der neben Theologen auch ein Hedgefonds-Manager und der Dekan der "Frankfurt School of Finance and Management" das Wort erhalten.

"Wir werden zeigen, dass Calvin noch immer etwas zu sagen hat, verschweigen aber auch seine Schattenseiten und Fehlurteile nicht." Einen Personenkult setzt man wegen des runden Geburtstags jedenfalls nicht in Gang. Die mit Calvin verzierten Tassen, Kugelschreiber und Weinflaschen, die die Evangelische Kirche in Deutschland vertreiben lässt, hinterlassen in Frankfurt eher gemischte Gefühle. Für Köhnen sind das "Scherz­artikel", die er mit reformiertem Denken nicht in Verbindung bringen kann. Derartige Vermarktungsstrategien im Kontext der Religion hält er ohnehin für fragwürdig.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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