zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Behalte den Ball im Auge

Als Deutscher in Deutschland zum Rabbiner ordiniert: Daniel Alter

Natascha Gillenberg

Daniel Alter gehört zu den ersten drei Rabbinern, die vor drei Jahren in Dresden ordiniert wurden - als erste seit der Befreiung Deutschlands von den Nationalsozialisten. Die Berliner Journalistin Natascha Gillenberg hat ihn getroffen.

Daniel Alter (links) und seine Rabbinerkollegen. Ihre Ordination fand vor zwei Jahren in der neuen Synagoge Dresdens statt. (Foto: Matthias Hiekel/dpa)
Daniel Alter (links) und seine Rabbinerkollegen. Ihre Ordination fand vor zwei Jahren in der neuen Synagoge Dresdens statt. (Foto: Matthias Hiekel/dpa)

Gute zwei Jahre ist es jetzt her, dass Daniel Alter in einer feierlichen Prozession die neue Synagoge in Dresden betrat, gekleidet in einen schwarzen Talar und um die Schultern einen weiß-blauen Gebetsschal. Zwei Jahre ist es her, dass ihm der Rabbiner Walter Jacob die Hände auflegte und seinen Ordinationsspruch zitierte: "Sage wenig, aber tue viel und empfange jeden Menschen freundlich." (Sprüche der Väter 1,15). Dass er ihn mit dieser Semicha - wie Juden die Ordination von Rabbiner nennen - in die Nachfolge Mose und der siebzig Ältesten stellte und damit eine Linie von der Offenbarung der Thora am Berg Sinai bis zum heutigen Tage zog. Dass er ihm damit die Autorität zusprach, in einer Gemeinde zu lehren und Entscheidungen zu fällen, die das Religionsgesetz, die Halacha, betreffen. Am 16. September 2006 wurde Daniel Alter ordiniert. Es war die erste Rabbinerordination in der Bundesrepublik seit der Schoah.

Dass Daniel Alter einmal Rabbiner werden würde, war nicht zu erwarten gewesen. "Ich bin nicht religiös aufgewachsen", erzählt er. Der 49-Jährige sitzt in einem kleinen jüdischen Café in Berlin, dunkler Anzug, weißes Hemd, vor sich auf dem Tisch Sonnenbrille und Handy. Manchmal schiebt er das Telefon ein bisschen hin und her, oft aber braucht er beim Erzählen seine Hände, um in großen Gesten seine Erinnerungen lebendig werden zu lassen - vor allem dann, wenn es eine gute Geschichte ist und es etwas zu lachen gibt.

1959 wurde Alter in der Nähe von Nürnberg geboren, in Frankfurt am Main wuchs er auf. Das Hessische macht sich mit einer leichten Färbung bemerkbar und lässt seine Worte weicher klingen - trotz seiner Jahre in Berlin, in Israel und zuletzt in Oldenburg. "Es war immer klar, dass ich Jude bin", sagt Alter, "aber es war eben weniger ein religiöser Faktor." Religion spielte im Hause seiner Eltern keine große Rolle. Dass sie ihn dennoch viel über das Judentum lehren, begreift er erst später. Ein liebevoller Umgang miteinander, Menschlichkeit, Gastfreundschaft - das sind Werte, die Daniel Alter zu Hause vermittelt bekam und die bis heute sein Verständnis davon, was Jüdischsein bedeutet, prägen. Denn im Judentum, sagt er, geht es in erster Linie nicht um die Theorie, sondern um die Praxis.

Als Jugendlicher interessiert sich Alter eher
für Politik, Philosophie - und Fußball.

Als Jugendlicher interessiert Alter sich eher für Musik, für Politik und Philosophie - und natürlich für Fußball. Er trägt lange Haare und Lederjacke, kickt regelmäßig für den jüdischen Turn- und Sportverein Makkabi und ist öfter im Fußballstadion als in der Synagoge zu finden. Die Rabbiner seiner Jugend erlebt Alter "als seriös, aber weltfremd": Sie "waren für mich Menschen, die auf einem anderen Stern lebten." Mit ih­rer Spiritualität kann er nichts anfangen. Und die Gemeindestrukturen empfindet der Ju­gendliche als verstaubt. Vielleicht liegt das daran, dass die Generation seiner Eltern nur unter großen Mühen ihre jü­dischen Gemeinschaften in Deutschland wieder aufbauen können. Fast alle sind Überlebende der Schoah - auch seine Eltern. Der Vater wurde nach Auschwitz und Mauthausen de­portiert, er spricht erst seit we­nigen Jahren darüber. Daniel Alters Lebhaftigkeit weicht der Anspannung, er greift mehrmals zum Handy, als wünsche er sich dringend einen Anruf. Es ist ein schweres The­ma.

"Sie sind in die zerstörten Synagogen gegangen und ha­ben das gemacht, was sie kannten", fährt er fort. "Sie waren men­tal sehr erschöpft und konn­ten ihren Glauben nur schwer weitergeben." Heute empfindet er sehr viel Respekt für ihre Leis­tung, aber als Jugendlicher vermisste Daniel Alter in der Gemeinde oft das Gefühl von Gemeinschaft und Wärme.

Das ändert sich erst einige Jahre später - und tatsächlich ist es seine Leidenschaft für den Sport, die dabei eine wichtige Rolle spielt. Alter ist bereits Ende zwanzig, als er von amerikanischen Freunden auf die US-Base bei Frankfurt eingeladen wird. Hier finden regelmäßig jüdische Gottesdienste statt. Die herzliche, lebendige Atmosphäre beeindruckt Daniel Alter, und auch der amerikanische Rabbiner gefällt ihm. Bisher war die Predigt für ihn die Zeit im Gottesdienst, in der es sich wunderbar über die Ergebnisse der Bundesligaspiele nachdenken ließ. Diesmal findet Alter den "Knopf zum Abschalten", wie er es nennt, nicht rechtzeitig. Die Predigt packt ihn vielmehr. "Keep your eye on the ball", sagt der Rabbiner mit einer Metapher aus dem Baseball, behalte den Ball im Auge. Achte auf das, was Dir wichtig ist, verfolge das, worauf es ankommt.
Es ist das erste Mal, dass Alter merkt, dass eine Predigt etwas mit ihm zu tun hat, dass sie ihn anspricht, ihn zum Nachdenken bringt. Was ist wirklich wichtig in seinem Leben? Wie schafft er es, seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren?

Daniel Alter muss erst noch herausfinden, was und wohin er wirklich will. Das begonnene Jurastudium brach er ab. Nun aber beginnt er, bei der Gestaltung von Gottesdiensten zu helfen, engagiert sich in der Jugendarbeit und hält sich an die jüdischen Speisevorschriften. Und er studiert Judaistik und Pädagogik an der Universität in Heidelberg. Aus wissenschaftlichem Interesse, wie er sagt. Denn Rabbiner zu werden, kann sich Daniel Alter damals nicht vorstellen. Da es keine Ausbildung in Deutschland gibt, müsste er ins Ausland gehen, in die USA, nach Großbritannien oder nach Is­rael. Doch das kommt für ihn nicht infrage. Und in Deutschland wurden seit 1940 keine Rabbiner mehr ausgebildet und ordiniert.

Eine schwierige Zeit

Nach seinem Studium geht Alter nach Berlin und wird Lehrer am jüdischen Gymnasium. Es ist eine schwierige Zeit. Er merkt: Dieser Beruf ist eigentlich nichts für ihn, sondern macht ihn unglücklich. Keep your eye on the ball. Wo gehört er hin in seinem Leben, was ist seine Aufgabe? Daniel Alter knüpft Kontakt zur jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße. Die Tradition der Einheitsgemeinde, unter deren Dach alle Strömungen zusammen kommen, Konservative, Reformierte und Orthodoxe, schätzt er: "Ich habe Respekt vor jeder authentischen Ausprägung des Judentums." Da passt es, dass Bernd Malkomes, sein bester Freund aus Jugendzeiten, über ihn sagt: "Er macht sich nicht zum Maß aller Dinge."

Schließlich lernt Alter seine Frau kennen, "und dann kam Bewegung in mein Leben." Er grinst nun übers ganze Gesicht. Sie ist "sehr schnell" schwanger geworden, die erste Tochter kam zur Welt, eine Weile später die zweite. Man merkt, wie sehr Daniel Alter Familienmensch, wie gern er Vater ist. Aber eigentlich gehören in seinen Augen Ge­schichten über seine Familie gar nicht in das Gespräch mit einer Journalistin. Er verstummt schnell - legt großen Wert auf Privatsphäre. Als Rabbiner ist er schon öffentlich genug.

Daniel Alter ist in der Öffentlichkeit unschwer als Jude zu erkennen. Seine blaue Kippa, mit einer kleinen Klammer im dunklen Haar befestigt, ist für jeden zu sehen - eine bewusste Entscheidung. Mit dem Käppi zeigt er Präsenz und hofft, dass das auch andere Juden ermutigt. Das funktioniert nicht überall; in manchen Gegenden zieht der Rabbiner es vor, seine Kippa unter einer Baseballkappe zu verbergen. Alles andere kann gefährlich werden; er ist schon öfter als "Drecksjude" angepöbelt worden.

Überhaupt empfindet Alter das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland immer noch als sehr verkrampft. Früher hat er öfter Anhalter im Auto mitgenommen. Er kennt die Situation, wie sie dann im Beifahrersitz kleiner und kleiner werden und flüsternd fragen: "Sind Sie ... Jude?" Und wie sie dann ihre Familiengeschichten erzählen vom Großvater, der Juden auf dem Dachboden versteckt habe, oder vom Vater, der in der kommunistischen Partei gewesen sei. Irgendwann hat er aufgehört, Anhalter mitzunehmen.

Keep your eye on the ball. Als das theologisch liberale Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam bekannt gibt, dass es ab 2001 die Ausbildung von Rabbinern in Deutschland aufnehmen will, beschließt Daniel Alter, sich zu bewerben. Fünf Jahre dauert das Studium. Er lernt Sprachen, Predigtlehre, befasst sich mit Seelsorge und Gemeindemanagement, Philosophie, studiert Tora und Talmud. Alter ist bereits Anfang Vierzig. Und so ist es nicht immer leicht, wieder zum Schüler zu werden. Zur Ausbildung gehört, dass er ein Jahr in Jerusalem studiert. Er hat sich bisher noch an keinem Ort zu Hause gefühlt. Doch jetzt: "Wie die Menschen dort lachen! Worüber sie lachen!" Alter ist begeistert. In Jerusalem "ticken die Uhren auf jüdisch". Er entspannt sich, der Druck fällt von ihm ab.

Keep your eye on the ball.

Zurück in Deutschland arbeitet er neben dem Studium in jüdischen Gemeinden. Eine davon ist in Oldenburg, etwas mehr als dreihundert Mitglieder hat sie. Sie wird auch die erste Stelle nach der Ordination. Er predigt dort, ist Seelsorger, betreut Kranke, lehrt in der Erwachsenenbildung. Eine gute Gemeinde muss Wärme ausstrahlen, findet er.

Bernd Malkomes glaubt, dass sein Freund den richtigen Beruf gefunden hat: "Daniel hat eine Grundgüte", erzählt er, "und eine sehr liebevolle Wahrnehmung anderer. Früher war er ein Tausendsassa. Aber heute bin ich beeindruckt von der Tiefe und Ernsthaftigkeit, mit der er sich seinem Beruf widmet."

Mittlerweile lebt Daniel Alter wieder in Berlin. Sein Vertrag in Oldenburg ist ausgelaufen, er sucht eine neue Gemeinde, eine größere, wenn möglich, weil die Familie so etwas wie eine jüdische Infrastruktur braucht: einen Kindergarten und eine Schule für die Töchter. Die Zwischenzeit genießt er, denn die letzten Jahre waren anstrengend: Daniel Alter hält Vorträge, kann sich seinen Büchern widmen, hat Zeit für die Familie. Er kocht gern - "wenn meine Frau mich lässt" - genießt auch gern ein Glas Wein. Seinen Freund Bernd Malkomes hat er zu einem Wellness-Wochenende überredet, weil der sich sonst nie Urlaub nehmen würde. Vielleicht gehen sie auch bald mal wieder zusammen essen. "Daniel ist ein Genussmensch", erzählt Malkomes.

Mal sehen, wohin der nächste Schuss geht. Keep your eye on the ball.


Erschienen in zeitzeichen 10/2008.

 

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