zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Zwei Welten

Wissen und Glauben - das geht zusammen

Constanze Broelemann

Urknall oder Schöpfungsbericht? Was hat die Quantentheorie mit dem Logos aus dem Johannesevangelium zu tun? In München diskutierten Physiker und Kirchentagsbesucher über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube.

Bayerische Folklore verlieh dem Münchner Kirchentag ein besonderes Flair. (Foto: epd/Stefan Arend)
Bayerische Folklore verlieh dem Münchner Kirchentag ein besonderes Flair. (Foto: epd/Stefan Arend)

Nicht selten werden glaubende Menschen als bemitleidenswert und naiv eingestuft. Schließlich - so meinen viele - ist die (Natur-)Wissenschaft schon viel weiter und hat mit der "Gotteskrücke" längst aufgeräumt. Doch ganz so einfach ist es nicht. Vielmehr können physikalische Erkenntnis und Glaube nebeneinander stehen - wenn eine klare Grenze zwischen den Disziplinen gezogen wird. Zum einen, weil der Glaube eine persönliche Entscheidung des Menschen ist. Zum anderen, weil Physiker den Glauben weder beweisen noch widerlegen können: "Das Geistige ist naturwissenschaftlich nicht erklärbar", sagen die Experten. Damit fällt der Glaube an einen Gott in einen ganz anderen Bereich als den der Welt der Naturwissenschaften.

In der Messehalle B3 auf dem Ökumenischen Kirchentag in München herrschte eine hoch konzentrierte Atmosphäre. Gespannt folgten die Kirchentagsbesucher den Statements der Physiker zum Thema "Universum und Schöpfung - Zeichen der Hoffnung?". Für eineinhalb Stunden war die Welt der Physik in die Messehalle eingezogen. Urknall, Sternenstaub und Quanten standen zur Diskussion: Es ging um nicht weniger als die Frage, ob Glaube und naturwissenschaftliche Erkenntnis zu einander in Konkurrenz stehen müssen. Physiker sind diejenigen, die der Religion gegenüber am positivsten eingestellt sind: "Wir kennen unsere Grenzen", sagte Thomas Grömitz, Physiker aus München.

Dennoch: Auf außerweltliche Erklärungsversuche wird in allen Naturwissenschaften komplett ver­zichtet, erklärte Harald Lesch, Astrophysiker aus München. "So wenig Metaphysik wie möglich", sei das Motto. Physikern ge­he es darum, wie die Welt funktioniert und nicht um die Frage nach dem Warum. Beobachtungen und Experimente werden in der Raum-Zeit-Existenz gemacht. "Es gibt die Welt, die da ist" und "es geht überall mit rechten Dingen zu", nannte Lesch die Voraussetzungen für Physik-Treibende. Mögliche jenseitige Existenzformen stehen nicht im Fokus der Forscher.

Naturwissenschaftliches Arbeiten be­deutet, dass jede These, die aufgestellt wird, an der Erfahrung scheitern können muss, so Harald Lesch. Es ist wie mit einem Haus, das im Sumpf steht, erläuterte Physiker Grömitz: Das Dach bilden die Theorien, das Fundament sind unsere Beobachtungen. Hält das Fundament nicht, sinkt das Haus samt Dach tief in den Morast.

Quantensprung im Denken

Als Anfang allen Seins gilt den Physikern der Urknall oder Big Bang. Und was war vor dem Urknall? Mit wem oder was hat alles angefangen? Wohin dehnt sich das Universum aus? Diese Fragen hätten die Forscher natürlich auch. Aber: Ohne Beweis keine Antwort. "Wir sind Kausalitäts-Junkies", so Lesch.

Mit der Entwicklung der Quantentheorie ist das Zeitalter der modernen Physik eingeläutet worden. Zugleich wurde von einem Quantensprung im Denken gesprochen. Ein komplett neu­es Verständnis von Materie war das Ergebnis der modernen Physik. Die bis dahin geltenden naturalistischen Vorstellungen von Wirklichkeit wurden widerlegt. "Die Quantentheorie relativiert die Objektivität der Physik", sagte As­tro-Physiker Harald Lesch.

In der Quantenphysik gibt es die Information, dass sich Materie in Strukturen auflöst. "Dass die Wirklichkeit mehr als das Sichtbare ist", brachte es Thomas Grömitz auf den Punkt. An dieser Stelle schlug er eine - wenn auch nur mögliche - Brücke von Quantenphysik zu Schöpfungsbericht.

Die biblischen Berichte von der Entstehung der Welt bezeichnete er als "Versuch der Menschen der damaligen Zeit, etwas zu formulieren, was nicht formulierbar ist." "Heute wissen wir mehr", betonte der Physiker. Möglicherweise passe die Entwicklung des materiellen Inhalts zu der biblischen Aussage "Am Anfang war das Wort". Grömitz nahm das griechische Wort logos aus dem Johannesevangelium als Verbindungsstück von Schöpfungsbericht zu Physik. Neben Wort könne logos ja auch Rechnung oder - naturwissenschaftlich gesprochen - Information bedeuten. Al­so "Am Anfang war die Information". Diese Information wäre in der Sprache der Physik, dass sich Materie in Strukturen auflöst.

Und das passt, nach Meinung des Physikers zu der Idee vom logos, aus dem sich alles weitere entwickelte. Es könne sich hierbei um eine Analogie zu der physikalischen Feststellung handeln, dass ein Ganzes mehr als die Summe der Teile ist. Dass die Wirklichkeit eben mehr ist, als das, was sichtbar ist. "Möglicherweise generiert die Materie selbst das, was wir als das 'Geistige' bezeichnen", sagte der Physiker Grömitz.

In der Quantenphysik geht es um ein Wirken von Möglichkeiten. In anderen Worten heißt das, dass die Zukunft offen ist, erläuterte Grömitz. Hoffnung zu haben, ist demnach auch physikalisch gesehen nicht unrealistisch.

Seitens des Publikums wurde die Forderung laut, dass sich der Glaube in einem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild bewähren müsse.
Man kann glauben, dass die Existenz in Raum und Zeit nicht das Ende ist, sagten die Physiker. Dass es einen Plan, ein Ziel oder einen Sinn gibt, den wir vielleicht in der Zukunft verstehen werden. Ob jemand glaubt oder nicht, bleibt aber seine persönliche Entscheidung.
"Was wir als Wissenschaftler messen - und berechnen können, sind immer nur Ausschnitte - Annäherungen an die Wirklichkeit", betonte Grömitz.

Ob es eine letzte große Wahrheit im Sinn eines Schöpfergottes gibt, darüber gibt physikalisches Wissen keine Auskunft. "Von meiner Arbeit kann ich vielleicht zu religiösen Gedanken angeregt werden, die haben aber nichts mit Physik zu tun", sagte der Astro-Physiker. "Ein persönlicher Gott, wie Jesus Christus, übersteigt die Grenzen der Physik", ist Grömitz überzeugt.

Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2010.

 

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