zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Sonne in einem stillen Wasser

Mystik und Protestantismus - eine schwierige Beziehung

Peter Zimmerling

Für einen evangelischen Theologen ist der Weg zur Mystik keineswegs selbstverständlich. Peter Zimmerling, Praktischer Theologe an der Universität Leipzig, über die Mystik in protestantischer Geschichte und Gegenwart -  und über die Wiederentdeckung einer intensiven Form der Spiritualität.

Odilon Redon (1840 - 1916): Das Kirchenfenster/ Der geheimnisvolle Garten, um 1905 (Ausschnitt). (Foto: akg-images)
Odilon Redon (1840 - 1916): Das Kirchenfenster/ Der geheimnisvolle Garten, um 1905 (Ausschnitt). (Foto: akg-images)

Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit der Mystik war ein doppelter: Bei der Arbeit über Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, dem Erfinder der Losungen, stieß ich immer wieder auf Bezüge zur Mystik. Der andere Ansatzpunkt war mehr existentieller Natur: Ich begann mich zu fragen, ob es intensivere Formen des Glaubens gebe, als ich sie bis dahin kennen gelernt hatte; ich sehnte mich nach vertiefter Erkenntnis Gottes.

Damals fing ich an, die Werke von Mystikerinnen und Mystikern wie Gerhard Tersteegen und Teresa von Avila zu lesen. Gleichgesinnte fand ich in der ökumenischen "Gesellschaft der Freunde christlicher Mystik", die 1987 von Wolfgang Böhme, dem langjährigen Akademiedirektor der Badischen Landeskirche, und Josef Sudbrack gegründet wurde.
"Mystik" ist ein Containerbegriff, der unklare Konturen und viele mögliche Inhalte besitzt. Für mich stellt Mystik die erfahrungsbezogene Seite der Theologie dar. Gleichzeitig handelt es sich um eine Intensivform von Spiritualität.

Immer wieder wurde in Vergangenheit und Gegenwart die Auffassung vertreten, Mystik sei eine Form von Meta-Religiosität, die in allen Religionen gleichermaßen vorkomme, ohne in der jeweiligen Religion aufzugehen. Mystik wäre dann der allen Religionen gemeinsame spirituelle Kern. Eine Mystik der Religionen bleibt jedoch eine Abstraktion. Mystische Spiritualität an sich gibt es nicht, sondern immer nur als Intensivform der jeweiligen Religion, in der sie beheimatet ist - also in der Gestalt einer christlichen, islamischen, buddhistischen oder anderer Mystik. Damit soll nicht bestritten werden, dass zwischen den mystischen Spiritualitäten der unterschiedlichen Religionen mehr oder weniger große gemeinsame Schnittmengen existieren.

Vertiefte Erkenntnis Gottes

Die Skepsis gegenüber mystischen Erfahrungen reicht weit in die Geschichte des Protestantismus zurück. Die Zentralstellung der Lehre von der Rechtfertigung "allein aus Gnaden" führte zum Vorrang des Wortes in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gott will sich in der Predigt dem Menschen mitteilen. Er kommt von außen, extra nos, auf den Menschen zu. Gegenüber dem mystischen "Gott in mir" - zum Beispiel seinem Reden im Herzen - waren die Reformatoren skeptisch.

Erst recht verfochten bedeutende Vertreter der liberalen Theologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Unvereinbarkeit mystischer Gedanken und Erfahrungen mit dem evangelischen Glauben. Adolf von Harnack behauptete: "Die Mystik ist die katholische Frömmigkeit überhaupt, soweit diese nicht bloß kirchlicher Gehorsam, das heißt fides implicita ist." Für ihn bestand im Gegensatz zur katholischen Mystik mit ihrer Konzentration auf das innerliche Erleben Gottes das Zentrum des protestantischen Glaubens im Ethos, im Handeln in der Welt.

Die Ablehnung der Mystik seitens weiter Teile des Protestantismus wurde durch die Theologie Karl Barths und seiner Freunde nach dem Ersten Weltkrieg auf die Spitze getrieben. Sie warf der Mystik vor, die Grenze zwischen Gott und Mensch zu verwischen. Vor allem kritisierte sie die mystische Lehre vom göttlichen Funken in der Seele. Am radikalsten hat dabei Emil Brunner die Mystik verworfen. Für ihn ist sie "ein schlechthin antichristliches Phänomen urmenschlicher Selbstvergötzung, demgegenüber es nur eine Alternative gibt: die Mystik oder das Wort". Die Ablehnung der Mystik durch die Theologie Barths war auch kirchenpolitisch motiviert. Während des Dritten Reiches beriefen sich die Deutschen Christen bei ihrem Versuch, das Christentum mit der nationalsozialistischen Ideologie zu versöhnen, auf Aussagen des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart.

Gerade der ältere Pietismus nimmt eine positive Stellung gegenüber der Mystik ein. Das wird am deutlichsten an Gerhard Tersteegen, dem größten evangelischen Mystiker. Seine Mystik weist folgende Kennzeichen auf: die Betonung der Erfahrung, den biblischen Rückbezug und die Orientierung an Jesus Christus. Indem der Barockpietismus mystischen Aspekten in der evangelischen Spiritualität zur Durchsetzung verhalf, ging es ihm nicht um die Etablierung irgendwelcher Sonderlehren. Vielmehr war er der Überzeugung, dass in mystisch geprägter Frömmigkeit das Vorbild für lebendige Spiritualität überhaupt liege.

Unterschwelliger Strom

Darum lehnte Tersteegen jede Konzentration auf spektakuläre mystische Geist-Erfahrungen ab: "Gesichte, Offenbarungen, Einsprachen, Weissagungen und manche andere außerordentliche Dinge können zwar einem Mystiker auch ungesucht begegnen, gehören aber so gar nicht zum Wesentlichen der Mystik, daß vielmehr alle erfahrenen Mystiker in Ansehung solcher außerordentlichen Sachen die wichtigsten Erinnerungen [Warnungen] geben" (aus: Weg der Wahrheit).

Dass ein unterschwelliger Strom mystisch geprägten Glaubens die ganze weitere Geschichte des Protestantismus begleitete, zeigt sich auch im 20. Jahrhundert. Dag Hammarskjöld und Dietrich Bonhoeffer sind nur die beiden prominentesten Beispiele, wobei Hammarskjöld erst nach seinem Tod aufgrund seines geistlichen Tagebuchs "Zeichen am Weg" als Christusmystiker bekannt wurde und Bonhoeffer sich zeit seines Lebens aufgrund theologischer correctness von der Mystik abzugrenzen versuchte, obwohl sein Glaube deutlich eine mystische Dimension erkennen lässt.

1955 lesen wir in Hammarskjölds Tagebuch: "Einheit in einer Selbstaufgabe ohne Selbstauslöschung, mit des Gefühles Klarheit und des Verstandes Wärme. Wie nahe in Sonne und Wind, wie fern - . Wie anderes, als was die Weisen Mystik nennen." Es sind große Paradoxien, in denen Hammarskjöld seine mystische Gotteserfahrung in Worte zu fassen versucht. Sie erscheint ihm wie eine coincidentia oppositorum, wie ein Zusammenfallen aller Gegensätze: Selbstaufgabe ohne Selbstauslöschung. Bonhoeffer schreibt in "Widerstand und Ergebung", dass ihm anhand des Liedes "Ich steh an deiner Krippe hier" die Berechtigung mystischer Frömmigkeit aufgegangen sei: Nicht nur das Wir der Gemeinde, auch das Ich und Christus gehörten zum Glauben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Rahmen der evangelischen Theologie zunächst zögernd und seit dem Ende der Sechzigerjahre verstärkt zu einer Neubewertung der Mystik. Damit war eine Rehabilitierung der Kategorie der Erfahrung für den Glauben verbunden. 1968, in seinem letzten Lebensjahr, fragte Karl Barth selbstkritisch, ob in der katholischen und orthodoxen Mystik nicht der im Geist "sich selbst vergegenwärtigende und applizierende Gott" am Werk gewesen sein könnte.

                   Luthers reformatorisches Grunderlebnis 
                   war eine mystische Erfahrung.

Inzwischen stellt sich auch Martin Luthers Verhältnis zur Mystik differenzierter dar als bisher angenommen. Der Reformator nahm nach neueren Erkenntnissen der Forschung Anliegen mystischer Spiritualität positiv auf, interpretierte diese aber im Sinne seiner reformatorischen Erkenntnisse neu. Schon sein reformatorisches Grunderlebnis war kein bloßer Bewusstseinsakt, sondern erfasste seine ganze Person und schloss - analog zu mystischen Erfahrungen - den emotionalen Bereich mit ein. Das wird am Selbstzeugnis seiner reformatorischen Entdeckung aus der Vorrede zu den lateinischen Werken von 1545 erkennbar: "Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes als die zu begreifen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben ... Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten ... Nun, mit wie viel Hass ich früher das Wort 'Gerechtigkeit Gottes' gehasst hatte, mit umso größerer Liebe pries ich dieses Wort als das für mich süßeste; so sehr war mir diese Paulusstelle [Röm 1,17] wirklich die Pforte zum Paradies."

Eine noch größere Nähe zur Mystik lassen Luthers Ausführungen zum "fröhlichen Wechsel" in der reformatorischen Hauptschrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" erkennen. Der Reformator formuliert darin seine rechtfertigungstheologischen Entdeckungen in der Sprache der mittelalterlichen Brautmystik. "Ist nun das nicht eine fröhliche Wirtschaft, da der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem Übel, zieret mit allen Gütern?"

Den seligen Tausch zwischen Christus und dem Christen hat Luther an vielen Stellen in seinen Werken beschrieben. Immer jedoch wird die auch für mystische Frömmigkeit zentrale Einheit zwischen Christus und dem Christen durch den Glauben bewirkt. "Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifeln. Dann sprich zu ihm: Du, o Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast, was mein ist, angenommen, und mir gegeben, was dein ist. Was du nicht warst, nahmst du an und gabst mir, was ich nicht war."

Martin Luther betrachtete sogar die literarische Renaissance der Mystik als reformatorisches Anliegen, als er die "Theologia Deutsch", ein Traktat der mittelalterlichen deutschen Mystik 1516 und noch einmal 1518 herausgab. All diese Beobachtungen belegen, dass Luthers Verhältnis zur Mystik viel positiver gesehen werden muss, als das in der Vergangenheit häufig geschah.

             Renaissance
                          mystischer Frömmigkeitserfahrungen

Wir erleben in unserer Gesellschaft gegenwärtig eine Renaissance unterschiedlichster mystischer Frömmigkeitsformen. Angesichts dieser Situation ist es eine wichtige Aufgabe, herauszufinden, welche Aspekte mystischer Erfahrung in das evangelische Glaubensverständnis integriert werden können. Bis vor wenigen Jahren stand das Wort einseitig im Zentrum protestantischer Spiritualität. Intellekt und Willen dominierten den Glauben. Andere Formen geistlicher Erfahrung kamen kaum in den Blick. Angesichts eines nüchternen Arbeitsalltags reicht vielen Menschen heute ein rationalistisch oder voluntaristisch geprägtes Glaubensverständnis nicht mehr. Sie wollen den Glauben auch auf sinnliche und emotionale Weise erfahren. Von daher wird die Offenheit vieler evangelischer Christen für mystische Spiritualität verständlich. Wenn die Verkündigung des Evangeliums mystisch geprägte spirituelle Erfahrungen zu inspirieren und zu korrigieren vermag, ist gegen solche Erfahrungen nichts einzuwenden.

Auf dem Hintergrund des neuen Interesses an mystischen Traditionen ist eine andere wichtige Frage, wie verhindert werden kann, dass die Mystik zu einer Angelegenheit weniger religiöser Spezialisten verkommt. Evangelische Spiritualität ist von Haus aus alltagsverträglich. Hinter diese Errungenschaften darf auch eine Renaissance der Mystik im Protestantismus nicht zurückfallen. Nötig ist darum eine Mystik für jedermann. Auf dem Weg dahin sind niederschwellige Angebote nötig, die mystische Erkenntnisse und Entdeckungen im Alltag ermöglichen. 

Ich denke hier etwa an die Lektüre mystischer Schriften, aber auch an angeleitete Meditationsformen unterschiedlicher Provenienz wie Schriftmeditation, Meditation des Jesusgebets, Exerzitien im Alltag, Ignatianische Einzelexerzitien aus der Einsicht heraus, dass entsprechende Angebote im Rahmen evangelischer Spiritualität, dass Kontemplation und Übung die voraussetzungslose Annahme des Menschen durch Gott nicht verdunkeln, sondern dass sie im Gegenteil der rechte Weg dafür sind, diese im Leben eines Menschen zur persönlichen Erfahrung werden und zur Entfaltung kommen zu lassen. Ausdrücklich empfahl Luther den Weg der Stille als einen Weg zu Gott: "Gleichwie die Sonne in einem stillen Wasser gut zu sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie in einem bewegten, rauschenden Wasser nicht deutlich gesehen werden. Darum, willst du auch erleuchtet und warm werden durch das Evangelium, so gehe hin, wo du still sein und das Bild dir tief ins Herz fassen kannst, da wirst du finden Wunder über Wunder."

LITERATUR:

Dietlind Langer / Peter Zimmerling / Marco A. Sorace (Hrg.): Gottesfreundschaft. Christliche Mystik im Zeitgespräch. Kohlhammer, Stuttgart 2008, 390 Seiten, Euro 44,-.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

Auch unterwegs

Zeitzeichen

für Smartphones

und Tablets

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen, oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeheft.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Exklusiv für unsere Abonnenten

10 % bei Einkäufen
im chrismonshop