zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Mild lutherisch

Sieben Irrtümer über die Württemberger und ihre evangelische Landeskirche

Jürgen Wandel

Der Schwabe spricht nicht nur Dialekt, er denkt auch dialektisch. Er betrachtet zuerst die eine Seite einer Sache oder eines Menschen, dann die andere, denkt nach, wägt ab und bekennt schließlich: "So isch's no au wieder", frei übersetzt: "Da haben Sie auch recht."

In der Stuttgarter Stiftskirche ist der Reformator Johannes Brenz begraben, "Luthers Mann in Süddeutschland". (Foto: dpa/Herbert Kehrer)
In der Stuttgarter Stiftskirche ist der Reformator Johannes Brenz begraben, "Luthers Mann in Süddeutschland". (Foto: dpa/Herbert Kehrer)

Die sind alle katholisch:

Norddeutsche sind oft er­staunt, wenn sie einem Schwaben begegnen, der evangelisch ist. Denn viele "aus dem großen Vaterland" - von "Saupreußen" würden Schwaben nie sprechen - sehen in Süddeutschland nur Katholiken. Doch damit liegen sie leicht daneben.

Das Herzogtum Württemberg wurde 1534 evangelisch, wie zuvor schon die meisten freien Reichstädte im Südwesten, und blieb es. Bis Napoleon alles durcheinanderwirbelte. Dem evangelischen Altwürttemberg verleibte er Ge­biete ein, die zu Vorderösterreich gehörten und beim alten Glauben geblieben waren. Eine Hochburg des Katholizismus ist Oberschwaben, die Gegend zwischen Ulm und dem Bodensee. Von den Altwürttembergern wird sie - auch wegen ihrer politischen Ausrichtung - "schwarzer Erdteil" genannt. "Die Kanzel hoch und niedrig der Verstand, das ist schwäbisch Oberland", spotteten einst die evangelischen Un­terländer.

Doch mittlerweile pflegen die württembergischen Landeskirche und die Diözese Rottenburg-Stuttgart freundschaftliche Beziehungen. So isch's no auch wieder.

Das sind verkappte Calvinisten:

Wenn Delegierte der LWB-Vollversammlung in Stuttgart einen evangelischen Gottesdienst besuchen, werden sie irritiert sein: Hier wird keine lutherische Messe gefeiert, sondern ein einfacher Predigtgottesdienst - wie bei den Reformierten. Sind Württembergs Protestanten also doch getarnte Calvinisten, wie Lutheraner nördlich des Mains argwöhnen?

Gemach, ge­mach, oder auf gut schwäbisch: "No gschtät". Martin Luther hat die württembergische Gottesdienstform, den "oberdeutschen" Predigtgottesdienst, der vom mittelalterlichen Prädikantengottesdienst herkommt, ausdrücklich gutgeheißen! Außerdem: Das heillos zerstrittene Luthertum wäre Ende des 16. Jahrhunderts zerfallen, hätte der Tübinger Universitätskanzler Jakob Andreä den Laden nicht mit dem "Konkordienbuch" zusammengehalten.

Zugegeben, Aufklärung und Pietismus haben das "lutherische Spanien", wie Württemberg im 16. und 17. Jahrhundert genannt wurde, geschleift. Und so wurde den Württembergern evangelische Weite wichtiger als konfessionalistische Enge. Ohne sie wäre nach 1945 nicht die EKD entstanden, die lutherische, unierte und reformierte Landeskirchen umfasst. Und was sind nun Würt­tembergs Protestanten? Mit dem früheren Bischof Theophil Wurm gesprochen: "mild lutherisch". So isch's no au wieder.

Das sind Eigenbrötler:

Württembergs Protestanten sind nicht eigenbrötlerisch, aber eigen. Ihre Landeskirche ist lutherisch, gehört aber nicht, wie acht Mitgliedskirchen der EKD, zur Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutsch­lands (VELKD). Dafür ist sie im Lutherischen Weltbund aktiv.

Württembergs Lutheraner pflegten schon seit dem 19. Jahrhundert, als andere lutherische Kirchen Calvinisten noch das Abendmahl versagten, enge Beziehungen zu reformierten und unierten Kirchen. Sie unterstützen mit Geld und Leuten die Basler Mission und das evangelisch, nicht nur lutherisch ausgerichtete Gustav-Adolf-Werk.

Und doch sind die Württemberger nicht, wie dreizehn EKD-Mitgliedskirchen, der Union Evangelischer Kirchen (UEK) beigetreten. Dafür gibt es theologische und praktische Gründe. Und es zeigt sich auch hier der schwäbische Sinn für Dialektik: So isch's no au wieder.

Das sind alles Pietisten:

Ein Württemberger, der in der evangelischen Kirche aktiv ist, gilt jenseits der Landesgrenze als Pietist. Dieses Etikett hat Der Spiegel auch Erhard Eppler verpasst.

Nun haben die Pietisten Württemberg ja auch sehr ge­prägt, das Land und seine evangelische Kirche. Und ihre Vertreter stellen in der Landessynode, die - in Deutschland einmalig - vom Kirchenvolk gewählt wird, die stärkste Gruppe. Die "Stundenleute", wie die Pietisten im Ländle genannt werden, haben die Mentalität der evangelischen Schwaben beeinflusst, das Schaffige, Sparsame, Spartanische. In katholischen Dörfern kann man dagegen oft besser essen und feiern. Und so sagt der Volksmund: "Katholisch isch guet lebe, evangelisch guet sterbe."

Der Pietismus hat freilich auch Gegenkräfte hervorgebracht. Christoph Blumhardt (1842-1919), der keine Berührungsängste gegenüber den "vaterlandslosen Gesellen" von der SPD hatte und deswegen sein Pfarramt verlor, war einer der Väter des Religiösen Sozialismus. Und er beeinflusste Karl Barth, den großen Theologen des 20. Jahrhunderts. Das "Leben Jesu" des Tübinger Stiftsrepetenten David Friedrich Strauss (1808-1874) gab wichtige Anstöße für die historisch-kritische Erforschung der Bibel. Und im Zweiten Weltkrieg bauten Pfarrer der Landeskirche, viele durch Barths Theologie beeinflusst, eine "Pfarrhauskette" auf. Gemeinsam mit ihren Frauen versteckten sie Juden, leiteten sie, wenn es brenzlig wurde, weiter, und verhalfen den Verfolgten, wenn möglich, zur Flucht in die nahe gelegene Schweiz. So isch's no au wieder.

Die sind geizig:

Bei den Kollekten für die Hilfsorganisation "Brot für die Welt" sind die Württemberger nach den Bayern Zweitbeste. In ihrer 2,3 Millionen starken Landeskirche kamen 2009 7,4 Millionen Euro zusammen, die größte Mitgliedskirche der EKD, die hannoversche, brachte es mit ihren drei Millionen Mitgliedern nur auf 4,9 Millionen Euro. So isch's no au wieder.

Die sind engstirnig:

Der Lutherische Weltbund dürfte auch in Stuttgart über den Umgang mit Schwulen und Lesben streiten. Vielleicht können die württembergischen Delegierten die Wogen ja etwas glätten, indem sie von den Erfahrungen erzählen, die ihre Kirche mit einem offen schwulen Bischof gemacht hat, mit König Karl (1823-1891). Dass er sei­nem Liebhaber, dem Amerikaner Charles Woodcock, mehr Zeit widmete als den Regierungsgeschäften, sorgte für Är­ger.

Aber die Kirchen fuhren mit dem "milden" Herrscher gut: Die Lutheraner bekamen erstmals eine Landessynode, die Freikirchen mehr Rechte, und den Katholiken ersparte Karl einen Kulturkampf wie in Preußen oder im be­nachbarten Baden. So isch's no au wieder.

Können alles außer Hochdeutsch:

Das stimmt: "Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff, das ist bei uns die Regel, das fällt uns gar net auf." Die meisten schwäbischen Geistesgrößen gingen aus dem Tübinger Stift hervor, dem Studien- und Wohnheim für evangelische Theologiestudenten, das - 1536 gegründet - bis heute von Staat und Kirche gemeinsam unterhalten wird.

Allerdings muss man zugeben: Hegel, Schiller und viele andere Schwaben konnten erst jenseits der Landesgrenze Karriere machen. So isch's no au wieder.

Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2010.

 

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