zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Eine Kirche

Rom und Tübingen im Dialog

Friedrich Seven

Die theologischen Studien zeigen, wie ein ökumenisches Gespräch gerade mit Erfolg geführt werden kann, ohne die Unterschiede aus irenischen Gründen zu verwischen.

Wenn sich katholische Fundamentaltheologen und lutherische Systematiker über Jahre treffen, um über die Grundlagen des christlichen Glaubens zu sprechen, dann möchte man meinen, dass dieser Dialog am Unvereinbaren enden müsse. Doch zeigt das Zwischenergebnis, das Eilert Herms (Tübingen) und Lubomir Zak (Lateranuniversität) vorlegen, wie ein ökumenisches Gespräch gerade mit Erfolg geführt werden kann, ohne die Unterschiede aus irenischen Gründen zu verwischen. Ökumene ist dann wahrheitstauglich, wenn beide Partner bei der Rede vom Gegenstand des Glaubens unterstellen, dass sie denselben Gott meinen. "Aufgrund dieser Voraussetzung kann jede Seite die Lehraussagen der anderen verstehen als eine spezifische Wahrnehmung derselben 'res', um deren angemessene Erfassung und Bezeugung es auch ihr selbst geht."

Beide Gruppen suchen nach Verständigung, und je mehr sie sich im ökumenischen Gespräch um Präzisierungen bemühen, desto tiefer können sie sich ihrer gemeinsamen Wurzeln, aber auch ihrer historisch gewachsenen Unterschiede ansichtig werden und zugleich den weiteren Klärungsbedarf abschätzen.

Die Identität in der Sache und in den Grundlagen ist die gemeinsame Annahme bei den hier vorliegenden Bemühungen, sozusagen die intellektuelle Entsprechung zur sakramentalen Gemeinschaft in der Taufe. Deswegen kann auf Revisionsverlangen verzichtet werden, vielmehr leitet Empathie das Interesse daran, die Position des Anderen mit den Vorgaben der eigenen Theologie darzustellen und näher zu begreifen, sowie umgekehrt die eigene Position durch die Brille des Anderen dargestellt zu sehen.

In fünf Teilen, die jeweils durch Ausspracheprotokolle abgeschlossen werden, kommen so die Erkenntnislehre, die Gotteslehre sowie die Anthropologie und die Ekklesiologie zur Sprache.

Auf diesem Wege wird etwa deutlich, wie auch für den lutherischen Kirchenbegriff die Kirche keineswegs bloß als sekundärer Zusammenschluss von Glaubenden, sondern als Kirche Christi auf Erden selber zum Begriff der Offenbarung dazugehört. In der göttlichen Offenbarung ist es das Wirken Christi, die Menschen in ­seinem Versöhnungswerk als seine Schwestern und Brüder zum Vater zu führen, weshalb die schon Glaubenden selbst an der Vollendung dieses Werks beteiligt sind, weil sie mit ihrer kirchlichen Zeugenschaft alle Menschen in diese Gemeinschaft rufen wollen. Demzufolge braucht auch die Einheit der Kirche nicht als Rückkehr in den Schoß der römische Kirche beschrieben zu werden, sondern als Hinwendung aller zum Herrn. Der lutherische Theologe Christoph Schwöbel kann hierzu ausdrücklich Kardinal Walter Kasper mit den Worten zitieren: "In dem Maße, in dem wir mit Christus eins sind, werden wir auch untereinander eins sein und die der Kirche eigene Katholizität in ihrer ganzen Fülle konkret verwirklichen."

Die Beschäftigung mit dem Gedanken der Unfehlbarkeit legt nahe, diesen Gedanken mit der Zustimmung des glaubenden Subjekts zusammen zu denken, wenn doch im Sinne der Freiheit im Glauben die Einsicht den Gehorsam regiert. Unfehlbarkeit und Gewissheit des Glaubens müssen dabei als zwei verschiedene Werke, aber als Wirkungen des einen Geistes begriffen werden. "Das Wirken des Geistes bringt also die Transmission der Selbstoffenbarung Christi im Überlieferungshandeln des Lehramts zur Wirkung, insofern der in diesem besonderen Amt wirksame Geist derselbe ist, der Glauben als Glaubensgewissheit wirkt."

Bei der mitunter sehr schwierigen Lektüre dieses gleichwohl vorzüglichen anspruchsvollen Buches erfährt der Leser einmal mehr, dass zum Wagnis des Glaubens dessen Ökumenizität gehört.

Eilert Herms/ Lubomir Zak (Hg.): Grund und Gegenstand des Glaubens nach römisch-katholischer und evangelisch-lutherischer Lehre. Mohr Siebeck/ Lateran University Press, Tübingen 2008, 610 Seiten, Euro 49,00.

 

 

Erschienen in zeitzeichen 10/2008.

 

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