zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Ein geistvoller Evangelist

Vor hundert Jahren wurde der Theologe Helmut Thielicke geboren

Lutz Mohaupt

Helmut Thielicke war zeitweise einer der in der Bundesrepublik einflussreichsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts - ein guter Prediger, origineller Systematiker, brillanter Stilist. Dennoch geriet er allzu rasch in Vergessenheit. Eine Würdigung von Lutz Mohaupt, langjährigem Hamburger Hauptpastor.

Helmut Thielicke im Dezember 1968. (Foto: AP)
Helmut Thielicke im Dezember 1968. (Foto: AP)

"Ohne Menschenlob und mit einer ganz anderen Rühmung" möge bei seinem Abschied von dieser Erde gepredigt werden, schrieb mir Helmut Thielicke nach seinem 75. Geburtstag.

So war er: einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts, aber begabt mit einem frommen Herzen. Denn es wäre viel Rühmendes über ihn zu erzählen gewesen: von akademischen Hörsälen, die aus den Nähten platzten, wenn er das Katheder betrat; von Tausenden, die an seinen Lippen hingen, wenn er mit weit ausholender Geste und einer Sprachkraft sonderglei­chen predigte; von einer großen Zahl dicker wissenschaftlicher Wälzer ebenso wie von Predigtbänden und Reiseberichten mit Bestsellerauflagen, all dies in viele Sprachen übersetzt, so dass sein Ruf rund um die Welt eilte; und auch zu Hause wurde er mit akademischen Würden und Aufgaben von öffentlicher Bedeutung reich bedacht.

All das wäre an seinem Sarg zu entfalten gewesen, und doch wollte er eine "ganz andere Rühmung", nämlich eine Predigt über das Bibelwort: "Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht, und ließ ihn frei, und seine Schuld erließ er ihm auch." (Matthäus 18, 27). Seine Lebensbilanz sollte also nicht überschrieben sein: "Die Gipfelpunkte im Leben eines großen Mannes", sondern: "Schuld und Erbar­men". Helmut Thielicke machte sich auf, mit leeren Händen vor Gottes Angesicht zu treten, nicht mit einer vierbändigen Ethik in der einen und einer dreibändigen Dogmatik in der anderen Hand, wollte nicht in selbstsi­cherer Pose durch das Tor des himmlischen Jerusalems schreiten, um dort an seine Hörerzahlen und Lehrerfolge zu erinnern, sondern er gedachte, gesenkten Hauptes anzuklopfen, um sich dem Vater der Barmherzigkeit in die Arme zu werfen und zu bekennen: "Es ist ja, Herr, dein G'schenk und Gab, mein Leib und Seel' und was ich hab in diesem armen Leben", und wir sind unnütze Knechte. Wer das nicht weiß, hat von Helmut Thielicke nichts begriffen, seine Vita nicht und auch nicht sein wissenschaftliches Werk.

Wie das kam? Im Ansatz vielleicht schon dadurch, dass er aus Barmen stammte, geboren am 4. Dezember 1908, und dass er lange Zeit im Württembergischen lebte und wirkte, beides Gegenden, in denen man bis heute den Geist pietistischer Frömmigkeit und der Erweckungsbewegung hier und da spüren kann. Gewiss aber lag es mit an zwei dunklen Schatten, die früh auf sein Leben fielen: Gerade als sein Name wie ein Stern der Hoffnung am Horizont der wissenschaftlichen Theologie aufzugehen begann, wurde er durch eine lebensbedrohende Erkrankung für Jahre in den Rollstuhl verbannt. Eine gegen ärztlichen Rat gewagte Operation an der Schilddrüse ging schrecklich schief. Es folgte eine Odyssee durch Krankenhäuser und Arztpraxen, danach ein unablässiges Leben unter Medikamenten und mit zahllose Gesundheitskrisen - kurz: Es stand Helmut Thielicke immer vor Augen, dass wir nur "Zu Gast auf diesem schönen Stern" sind, und er hat seine Biografie nicht zufällig so überschrieben.

Der andere Schatten war braun, und er war ihm zunehmend widerwärtig. Schon die Lektüre von Adolf Hitlers "Mein Kampf" und von Julius Streichers Hetzzeitung "Der Stürmer" hatten ihn gegen diese Ideen immunisiert. Die Kraftmeierei kleinkarierter Nazi-Figuren, die ihre Machgelüste schikanös ausspielten, ekelte ihn an. Zwar bedeutete die Hoffnung auf eine akademische Karriere für den jungen Dozenten eine nicht geringe Anfechtung, es galt sich anzupassen. Thielicke hat diese Grunderfahrung, dass nämlich das Böse immer auch einen Brückenkopf in uns hat und wir also der Gnade bedürfen, ein Leben lang predigend und lehrend vermittelt. Aber er widerstand – "Deo adiuvante", würde er an dieser Stelle hinzufügen.

Und Gottes Hilfe muss es auch gewesen sein, die ihn mit heiler Haut davonkommen ließ, als er sich mit regimekritischen Äußerungen zu weit aus dem Fenster gelehnt und später an der Widerstandsgruppe des "Freiburger Kreises" beteiligt hatte: Er stand nach dem 20. Juli 1944 zwar auf einer diesbezüglichen Fahndungsliste der GESTAPO, aber von irgendeiner Hand war sein Name unleserlich geschrieben worden. So blieb es "nur" bei dem längst verhängten Schreib-, Rede- und Reiseverbot.

Schreiben für die Schublade

Der Württembergische Bischof Theophil Wurm war es, der Thielicke bis zum Kriegsende über die Runden half. Er berief ihn in ein neu geschaffenes "Theologisches Amt der Württembergischen Landeskirche" und erreichte es, dass er sich in Württemberg einigermaßen frei bewegen konnte. Vor allem gehörte zu seinen Pflichten eine ausgedehnte Predigt- und Vortragstätigkeit, die nicht zuletzt darauf abzielte, für die Übernahme eines universitären Lehrstuhls nach dem von Wurm erwarteten Zusammenbruch vorbereitet zu sein. Damals begann Thielicke zu schreiben und zu schreiben, zunächst für die Schublade, aber hier wurzelt seine enorme literarische Produktivität. Stenogramme der seinerzeit vorgetragenen Glaubenslehre bildeten den Grundstock für entsprechende Publikationen nach dem Kriege, und die schlichte, aber durchaus gottesdienstliche Form vieler seiner Veranstal­tungen kehrte später bei den berühmten Hamburger Michel-Predigten wieder.

Bereits wenige Monate nach Kriegsende wurde Thielicke an die wieder ins Leben gerufene Theologische Fakultät der Universität Tübingen berufen, wo er bis 1954 lehrte. In seiner Tübinger Zeit begann der Aufstieg zu einer der prägenden Gestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vorlesungs-, Vortrags- und Predigtreisen führten ihn kreuz und quer durch Europa, später von Hamburg aus in viele andere Teile der Welt. Er redete vor Foren aller Art: vor Ärzten und Apothekern, Wirtschaftsleuten und Reedern, am 17. Juni 1962, dem "Tag der deutschen Einheit", vor dem Plenum des Deutschen Bundestages genauso wie bei zahllosen Jubiläen, Festakten und Empfängen. Seine Klientel rekrutierte sich aus allen Schichten der Bevölkerung: Intellektuelle und Künstler hörten und lasen ihn genauso wie Leute aus der gutbürgerlichen Mittelschicht, Wirtschaftskapitäne wie Hafenarbeiter, Politiker nicht anders als Menschen aus dem Rotlichtmilieu von St. Pauli.

An politischen oder kirchlichen Ämtern und Funktionen hatte er so gut wie kein Interesse. Er saß kurzzeitig und lustlos im Tübinger Stadtrat und war froh, diese Aufgabe bald wieder los zu sein. Diesbezüglich war jahrelang auf dem WC der Thielickes ein Schild zu lesen: "Sitzung: Sieg des Hintern über den Geist." Als man ihn 1951 zum Präsidenten der Westdeutschen Rektorenkonferenz gewählt hatte, übte er diese wenig geliebte Aufgabe eher mit der linken Hand aus. Nur ein Amt hat Helmut Thielicke wirklich Freude gemacht, und zwar, wie nicht anders zu erwarten, ein universitäres: das des Rektors der Universität. Er hat es zunächst in Tübingen, dann später in Hamburg mit Engagement und Gestaltungskraft wahrgenommen. Die Repräsentation der Universität bei allerlei öffentlichen Anlässen im Leben einer kleinen wie einer großen Stadt war ihm wie auf den Leib geschrieben und half ihm, die unvermeidlichen administrativen Lasten dieses Amtes geduldig zu ertragen, 1951 nicht anders als 1960.

Ein jäher Absturz folgte in den späten sechziger Jahren. Helmut Thielicke wurde von den Machern der Studentenrevolte, besonders vom "Sozialistischen Deutschen Studenten­bund" in Hamburg, als eine der Symbolfiguren des Establishments angeprangert und bekämpft. Einer seiner Michel-Gottesdienste wurde bis an den Rand des Abbruchs gestört. Bestimmte Medien verbreiteten die Legende, er habe die Bundeswehr um Schutz gebeten. Seine guten Verbindungen zu Wirtschaftskreisen wurden Gegenstand einer Diffamierungskampagne, die nicht zur Kenntnis zu nehmen bereit war, dass er diese Kontakte stets weidlich genutzt hatte, um vielen Leuten diakonisch unter die Arme zu greifen, denn Bettelbriefe bekam er genug. Um diese Thielicke selbst tief bestürzende und von ihm wohl nie gänzlich verarbeitete Entwicklung im Rahmen der Studentenrevolte zu verstehen, muss man kurz zurückblenden:

Thielicke war in der Wahrnehmung vieler
auf der politischen Landkarte nach rechts geraten.

Schon 1947 war Thielicke in einer viel beachteten Karfreitags-Predigt gegen das Unrecht zu Felde gezogen, das unter dem Stichwort "Entnazifizierung" an den Deutschen begangen wurde, und hatte sich gegen eine Kollektivverdammung des deutschen Volkes zur Wehr gesetzt. Martin Niemöller hatte er mehrfach kritisiert, ebenso Gustav Heinemann, wegen seines "Neins" zur Wiederbewaffnung. Ende der Fünfzigerjahre hatte er einen Vortrag über das ethische Problem der Atombewaffnung vor dem Parteitag der CDU gehalten, trotz aller parteipolitischen Unabhängigkeit des Redners de facto ein Signal. Seine Bundestags-Ansprache von 1962 hatte den inneren Substanzverlust der deutschen Demokratie und den Niedergang des Begriffs "Vaterland" beklagt, was ein weit über Deutschland hinausgehendes Echo und einen Berg von über tausend Zuschriften hervorgerufen hatte. Kurz: Thielicke war in der Optik vieler Beobachter auf der politischen Landkarte nach "rechts" geraten.

Zwei persönliche Faktoren müssen hinzugenommen werden: Er selbst hat sich gern als "alten Kavalleriegaul" bezeichnet, der unruhig im Stall zu rappeln anfing, wenn draußen die Trompete zum Angriff geblasen wurde, und er "litt" geradezu unter einem "Treuekomplex", wie seine Frau gern zu sagen pflegt. Als ein Freund aus Tübinger Tagen, inzwischen Senator und Professor in Hamburg, auf das Schändlichste attackiert wurde, ging Thielicke öffentlich für ihn auf die Barrikaden. Kurze Zeit später fand er sich selber im Fadenkreuz der Angriffe wieder. Thielicke wich zwar in dieser Situation trotz eines gewiss nicht zufälligen Auflebens seiner gesundheitlichen Dauerkrise nicht einfach zurück. Er setzte seine Michel-Predigten noch eine Weile fort. Er stellte sich der Diskussion, unter anderem mit einigen Vertretern der innerkirchlichen Linken auf einer gemeinsamen Schiffsreise. Dennoch fanden die regelmäßigen Michel-Predigten bald ihr Ende, und Thielicke wetterte danach nur noch ab und zu literarisch gegen diese ganze Richtung, gegen die Studentenrevolte und ihre Folgen oder auch gegen den Weltkirchenrat als "Politclub", als dieser in den Achtzigerjahren durch sein Antirassismuspro­gramm für Turbulenzen in der deutschen Kirchenlandschaft sorgte.

Der letzte Abschnitt des Wirkens von Helmut Thielicke war der literarischen Produktion und der außeruniversitären Förderung der jungen Generation im Pfarramt gewidmet. Er gründete einen Kreis zur gemeinsamen Predigtvorbesprechung, der sich später als "Projektgruppe Glaubensin­for­ma­tion" etablierte. Man verfasste gemeinverständliche Briefserien mit immensen Auflagenzahlen zur Informa­tion über Glaubensfragen und zur theologischen Elementarbildung. Am liebsten hielt sich Helmut Thielicke jedoch in dem Dorf Mustin im Lauenburgischen auf. Dort hatte er schon in den Sechzigerjahren ein kleines Landhaus in nahezu totaler Abgeschiedenheit bezogen. Hier konnte er ungestört schreiben: die restlichen Bände seiner Ethik, die Dogmatik, die Anthropologie und vieles andere. Übrigens – das sei allen, die je etwas anderes geraten haben, ins Stammbuch geschrieben – hat er auch seine Predigten ein Leben lang wörtlich niedergeschrieben. Selbst für Meditationen im kleinen Kreis seiner geliebten Projektgruppe brachte er stets ein ausgearbeite­tes Manuskript mit. Er hielt eben die Predigt für die größte Leistung, die einem Theologen abverlangt wird, und er investierte deshalb an dieser Stelle überproportional viel Arbeitszeit und Schaffenskraft, wie er gern sagte: "in eine Predigt mehr als in eine vierstündige Vorlesung".

Was ist geblieben? Äußerlich gesehen nicht viel. Als Helmut Thielicke am 12. März 1986 zu Grabe getragen wurde, war sein Name in weiten Bereichen der wissenschaftlichen Theologie schon so gut wie vergessen, war jedenfalls nicht selten ungenannt geblieben, wo seine Getreuen ihn erwartet hatten. Hatte seine "Theologische Ethik" nicht einen originellen Denkansatz, eine seinerzeit vielbespro­che­ne Methode ethischer Reflexion vorgetragen? Sie wurde inzwischen nur noch am Rande, mehr anmerkungsweise in neueren theologischen Ethiken zitiert. Hatte er nicht wenige Jahre zuvor eine dreibändige Dogmatik abgeschlossen? Gelesen, gar rezipiert haben sie nur wenige, und das hat ihn tief geschmerzt. Und hatte er sich nicht enga­giert an vielen wissenschaftlichen Disputen beteiligt, etwa am - wie man damals noch sagte - "kontro­verstheologischen" Dialog zwischen evangelischer und katholischer Theologie genauso wie an der innerprotestan­tischen Auseinandersetzung um die politische Ethik? Wo theologie­geschichtliche Darstellungen des 20. Jahrhunderts ihn freundlich und sorgsam erwähnten, maßen sie ihm gleichwohl keine epochemachende oder schulbildende Bedeutung zu.

Dolmetscher zwischen der alten biblischen Wahrheit und
                       dem Fragehorizont des säkularen Zeitgenossen

In krassem Gegensatz dazu steht bis heute das ehrende Gedenken, die respektvolle Erinnerung zahlloser noch um ihn wissender Menschen, Theologen und Nichttheologen, die Helmut Thielicke unvergessene und unverzichtbare Anregungen und Impulse für ihr eigenes Denken und Glauben verdanken. Spricht man von den einflussreichsten theologischen Lehrern des 20. Jahrhunderts und zumal den bedeutendsten Predigern, so nennen viele ihn nach wie vor an erster Stelle - sie meinen: "einflussreich für mich, mein Leben, meinen Glauben", und seine dereinst jugendlichen Getreuen im Pfarrerstande haben hinzuzufügen: "für mein Predigen". Denn Helmut Thielicke war überall, wo er das Wort ergriff, ob auf der Kanzel oder auf dem Katheder, ob mündlich oder schriftlich, ein Dolmetscher zwischen der alten biblischen Wahrheit und dem Fragehorizont des säkularen Zeitgenossen, ein Prediger des Evangeliums eben. Anlässlich seines Todes fragte Hans-Otto Wölber, ehemals Bischof der Hamburgischen Kirche, nicht ohne Grund: "War er nicht letztlich ein geistvoller Evangelist, ein Erweckungsprediger?"

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

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