zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Hunger nach Erlebnissen

Gehen die großen Kirchen Europas ihrem Ende entgegen?

Jürgen Wandel

Zwischen Säkularisierung und einer Wiederkehr der Religion - die Heraus­forderungen, vor die das 21. Jahrhundert die Kirchen Europas stellt, waren ein Thema des Ökumenischen Kirchentages in München.

(Foto: KNA/ Harald Oppitz)
(Foto: KNA/ Harald Oppitz)

Bei Kirchentagen wird nicht nur gelächelt und gekuschelt, gesungen und geklatscht. Das sehen Ausländer anscheinend genauer als manche deutsche Journalisten. So lobte die britische Religionssoziologin Grace Davie den Ökumenischen Kirchentag im Münchner Kulturzentrum Gasteig als Ort, der "ei­ne intelligente Debatte über Religion" ermöglicht. Dass die Einschätzung zutraf, zeigte eine Reihe von Veranstaltungen.

Davie, die an den Universitäten im südenglischen Exeter und im schwedischen Uppsala lehrt, sieht in Europa zwei gegenläufige Entwicklungen: Zum einen nimmt die Säkularisierung zu und die Kenntnis über das Christentum und sein kulturelles Erbe ab. Diejenigen, die über Religion diskutieren, wüssten oft "gar nicht, worüber sie sprechen", klagte Davie vor einem Jahr in der britischen Tageszeitung Guardian. So ist es für sie, kein Wunder, dass viele Europäer - wie sie in München sagt - hilflos reagieren, wenn Religion - parallel zur Säkularisierung - in der öffentlichen Diskussion wieder eine größere Rolle spielt, nicht zuletzt wegen der muslimischen Einwanderer.

Davie erinnert daran, dass in Ländern wie Deutschland, England und Schweden Volkskirchen die religiöse Landschaft prägen. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört ihnen an, doch nur eine Minderheit engagiert sich. Diese Kirchen, die eine Nähe zum Staat auszeichnet, spielen in ihren Gesellschaften eine wichtige Rolle. Das zeigt sich an nationalen Feier- und Trauertagen, in Deutschland am Tag der Deutschen Einheit, in England bei der Hochzeit und nach dem Tod von Mitgliedern der königlichen Familie.

Professorin Davie hält die Volkskirchen freilich für ein Auslaufsmodell. Sie weist darauf hin, dass religiöse Erfahrung an Bedeutung gewinnt. Und "Gewinner" dieser Entwicklung sind nach ihrer Überzeugung Evangelikale und Pfingstler, weil sie ein klares Profil haben.

Die Volkskirchen können allerdings mit alten Kirchengebäuden wuchern. England und Schweden im Blick, nennt Davie die Kathedralen. Durch ihre Architektur, gute Predigten und hervorragende Musik zögen sie Leute an. Damit kommt die britische Religionssoziologin zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie das EKD-Reformpapier "Kirche der Freiheit", das die Bedeutung von "Leuchttürmen" wie die Dresdner Frauenkirche hervorhebt.

Der Erfahrungshunger vieler Zeitgenossen macht auch das Pilgern attraktiv. Man denke nur an den Jakobsweg. Zu solchen Ereignissen, die gemeinsam erfahrene religiöse Erlebnisse bieten, zählt Davie auch die Kirchentage.

Was die Britin über die Bedeutung von Kirchengebäuden in einer entkirchlichten Gesellschaft sagt, bestätigt sich ein paar Kilometer weiter in der Reformierten Kirche Münchens. Hier geht es um die "Citykirchenarbeit der Zukunft".

Zweckfreie Räume

Für Ulrike Murmann, Hauptpastorin an der Hamburger Hauptkirche Sankt Katharinen, stellen Citykirchen die in den Innenstädten fehlenden "zweckfreien Räume" zu Verfügung, in denen "Menschen sein dürfen". Und der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, der katholische Theologe Ulrich Khuon, möchte, dass Citykirchen Räume sind, wo öffentliche Fragen jenseits von wirtschaftlichen Interessen diskutiert werden und ein Bewusstsein für die gerade in den Städten vorhandene Armut geschaffen wird.

In der Diskussion wird als Stärke von Citykirchen hervorgehoben, dass sie verschiedene Milieus ins Gespräch bringen. Damit fällt ein Stichwort, das eine Kirchentagsveranstaltung in der Matthäuskirche bestimmt. Wer Gottesdienste und Gemeindekreise besucht, bekommt den Eindruck, dass bestimmte Bevölkerungsschichten fehlen.

Die römisch-katholische Kirche Deutschlands wollte darüber mehr wissen und beauftragte vor fünf Jahren das Heidelberger Sinusinstitut mit einer Stu­die. Dabei schälten sich unter den Be­fragten zehn Milieus mit unterschiedlichen Lebensstilen und Wertvorstellungen heraus.
Der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz setzte sich mit der Sinusstudie schon früh auseinander. Er verwies darauf, dass die römisch-katholische Kirche vor allem den Anschluss
an die drei Leitmilieus verloren hat, deren Angehörige sich durch gute Ausbildung, beruflichen Erfolg, Wohlstand und Selbstbewusstsein auszeichnen.

In München vertritt der Katholik Ebertz die These, "die Weitergabe des Glaubens an die nachfolgenden Generationen" sei "über Jahrzehnte hinweg misslungen", weil seine Kirche die verschiedenen Milieus nicht ernst genommen habe. Natürlich sei die christliche Botschaft an alle gerichtet, aber sie müsse differenziert kommuniziert werden. Die Vorstellung, man könne "mit einem Format" von Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen alle erreichen, ist für Ebertz "empirisch gescheitert".

Versuche eine Ortsgemeinde, alle Milieus zu erreichen, stelle sich schnell ein Gefühl der Überforderung ein, gibt die Ludwigsburger Theologin und Sozialwissenschaftlerin Claudia Schulz zu bedenken, die an der vierten Mitgliedschaftsstudie der EKD mitgearbeitet hat. Aber es sei schon viel gewonnen, meint sie zur Erheiterung der Zuhörenden, wenn eine Gemeinde "Dinge, die andere abstoßen, reduziert".

Sicher muss man diskutieren, inwiefern die Sinusstudie der Wirklichkeit gerecht wird und - ob die Großkirchen Milieugemeinden einrichten sollen. Aber auf jeden Fall kann die Untersuchung - wie Professor Ebertz in München betonte - Kirchen und Gemeinden zur Selbstwahrnehmung verhelfen.

Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2010.



 

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