zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Brot, Öl, Äpfel

Abendmahl: Neue Akzente in der Ökumene

Evamaria Bohle

In München gab es offiziell kein gemeinsames Abendmahl, aber ein orthodoxes Gemeinschaftsmahl. Wird dieses "die weitere ökumenische Entwicklung entscheidend voranbringen", wie der evangelische ÖKT-Präsident Eckhard Nagel jubelte?

Zur orthodoxen Vesper auf dem Odeonsplatz kamen Tausende. (Foto: dpa/ Tobias Hase)
Zur orthodoxen Vesper auf dem Odeonsplatz kamen Tausende. (Foto: dpa/ Tobias Hase)

Unverständliche Worte. Ein Lied. Es könnte Griechisch sein. Eine dunkle Männerstimme wölbt sich über den menschenleeren Platz. Gottesdienstlich. Orthodox. Der Gesang dreht orientalische Schleifen. Verwaschen vielstimmig antwortet die Gemeinde. Der priesterliche Bariton wechselt in ein kehliges Deutsch, erläutert die Worte. Wieder Griechisch, wieder Gesang, wieder Gemeinde.

Die Lautsprecher, die das Geschehen aus überfüllten Hallen vor die Türen bringen, tragen weit bis in diesen menschenleeren Hinterhof des Messegeländes. Hier ist nichts, nur der Transit für eilige Journalisten auf dem Weg ins Pressezentrum. Doch jetzt schwebt diese körperlose Stimme in der klammen Kälte zwischen Beton und verhangenem Himmel, und das liturgische Lied in der fremden Sprache verändert für einen Moment den Charakter dieses unwirtlichen Ortes an der Rückseite des Ökumenischen Kirchentages. Die Aufmerksamkeit weitet sich, die Schritte werden langsamer. Wer lauscht, hastet nicht.

Sicher, es ist nur ein Nebenschauplatz, weit von den zentralen Podien, Gottesdiensten, Zentren entfernt. Eine beiläufige Zufälligkeit. Und doch hilft sie, diesen Kirchentag besser zu verstehen. Möglicherweise gibt es ja etwas zu erlauschen, einen neuen Klang, der von München ausgeht. Eine schwer zu fassende Tonart, die sich dem Ausdrücklichen verweigert. Die hörbar wird in konfessioneller Vielstimmigkeit, neben und hinter der kopflastigen Debattenkultur, die auskommt ohne hochmoralische Töne, die in den fremden Liturgien immer wieder aufklingt. Nicht zuletzt schwingt diese neue Tonart im zentralen ökumenischen Ritus nach - dem gemeinsamem Mahl, der Feier des Brotbrechens unter freiem Himmel, die ebenfalls aus der Orthodoxie entlehnt wurde: auch hier schwebende Lieder mit orthodoxem Klang, die innehalten lassen, weil sie schwer beschreibbare Gefühle wecken.

Sichtbar, hörbar, spürbar

Weit mehr als zehntausend Kirchentagsbesucherinnen und -besucher aller Konfessionen sind der Idee des ÖKT und der Einladung der orthodoxen Kirchen zur Artoklasia gefolgt. Sie haben an tausend Tischen gesegnetes Brot miteinander geteilt, es mit Öl gewürzt, mit Äpfeln verzehrt, haben mit Wasser ihren Durst gelöscht. Sie haben miteinander gesungen, gebetet, über konfessionelle Unterschiede hinweg, und im Gottesdienst Gemeinschaft erlebt. Einheit der Kirche, flüchtig, aber sichtbar, hörbar, spürbar. Ein Erfolg für zwei Stunden, die nach dem Willen der Verantwortlichen weiter wirken sollen und als Geburtsstunde einer neuen Phase der Ökumene in die Kirchengeschichte eingehen soll.

Große Worte fand man für dieses Fest: "Das Zeichen des Tisches", formulierte der katholische Präsident des ÖKT Alois Glück, "ist ein neues Symbol der Ökumene". Und Eckhard Nagel, der evan­gelische Kirchentagspräsident, schwärm­te vor Journalisten: "Die Kirchen haben die eigenen vier Wände verlassen, die Tische wurden hinausgetragen unter freien Himmel. Das Bild der tausend Tische geht hinaus in die Welt und wird die weitere ökumenische Entwicklung entscheidend voranbringen. Es sind nicht die Kirchen, die an den Tisch einladen, sondern Christus selbst. Und in Christus sind die unterschiedlichen Konfessionen eins geworden."

Und weiter im Duktus Martin Luther Kings: "Wir haben einen Traum geträumt. Und der Traum ist Wirklichkeit geworden. Wir haben gehofft, die Ökumene bekommt ein neues Gesicht. Der Zweite Ökumenische Kirchentag hat ihr ein neues Gesicht gegeben: Das Gesicht der viel­tausendfachen Tischgemeinschaft. Die Öku­mene als römisch-katholisch/evan­gelisches Zwiegespräch gehört auch in Deutschland der Vergangenheit an."

Steile Sätze, deren Pathos nachhallt wie ein orthodoxer Gesang. Doch lohnt es sich überhaupt, ihnen nachzulauschen?

Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie brennend die Kirchentagsoberen daran interessiert waren und sind, den Blick der Öffentlichkeit von den altvertrauten Themen und Fronten zu lösen, sie im Bild der konfessioneller Vielfalt aufgehen zu lassen. Christentum, das ist die Botschaft, ist vielstimmig und verweigert sich dem Charakter des Statements. Gemeinsamkeit lässt sich vielleicht nicht innerhalb der Institutionen finden, aber im Gebet schaffen, im gemeinsamen Lesen in der Bibel, im Gottesdienst und in der alten ökumenischen Trias Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung. Das ist das Lied der Ökumene. Nicht nur ermüdender, vergeblicher Streit mehr um gemeinsames Mahl, Priestertum der Frau, Anerkennung der evangelischen Kirche als Kirche.

An anderer Stelle, auch auf dem Kirchentag, wird dieser Streit weiter geführt. Aber, so versucht das Kirchentagspräsidium die Aufmerksamkeit zu lenken, man soll ihn offenbar nicht mehr so wichtig nehmen, diesen Streit. Stattdessen, zukunftsträchtiger, die Darstellung einer Christlichkeit, die sich in und jenseits von Konfessionalität als Gemeinschaft materialisiert, sei es noch so flüchtig.

Es hat etwas Kühnes, wie unbekümmert sich der Protestant Eckhard Nagel angesichts der tausend Tische über die dogmatischen Verwerfungen, die gerade auch Evangelische und Orthodoxe trennen, hinwegfreut. Er schlägt einen unter theologisch Gebildeten und kirchenamtlich Beheimateten ungewohnt leichtmütigen und selbstbewussten Ton an. Was wir hier tun, das ist Ökumene. Auch wenn Kirchenleitungen und Bischöfe sich zieren. Auch wenn manch Streiter für die Ökumene, nicht nur an der Basis, "Etikettenschwindel" zischt.

Natürlich, die alten Themen sind alle noch da, die Konflikte sind ungelöst. Und gerade deswegen ist da etwas erfrischend Anarchisches spürbar: "Stell dir vor, es ist Krieg und niemand geht hin", der alte Slogan aus der Friedensbewegung geistert einem durchs Hirn. Lass sie doch streiten, zögern, abwiegeln - auf ihren Podien, von ihren Kanzeln. Wir hören zwar noch zu, aber schaffen gleichzeitig Fakten - auf der Straße. Ohne um Erlaubnis zu fragen, ohne viel Worte zu machen, aber auch ohne die bitter verteidigten Grenzen zu schleifen. Ist es angebracht, in diesem Zusammenhang an andere Zeiten und Umstände zu denken, in denen Menschen ohne Rücksicht auf erstarrte Machtstrukturen auf die Straße gingen und neue Fakten schufen? "Wir sind ein Volk" - auch in den Kirchen.

In den Münchner Messehallen und auf Podien verhandelten nach wie vor Bischöfe, Theologen und Theologinnen, Männer und Frauen aus den Gemeinden über Taufe, Amt und Abendmahl. Auch das war Kirchentag. Wie fremd sich kirchliche Amtsträger und Gemeinde geworden sind, ließ sich aus den Reaktionen des Publikums ablesen. Priesteramt für Frauen und verheiratete Männer? Applaus. Demokratisierung der kirchlichen Struktur? Applaus. Bitte um Geduld wegen der Hindernisse auf dem Weg zum gemeinsamen Abendmahl. Schweigen.

Geänderte Agenda

Möglicherweise fand also in der Aktion der tausend Tische leise, aber deutlich einen Ausdruck, was sonst nicht offen ausgesprochen werden darf, jedenfalls nicht von Menschen in Ämtern der Kirche: Was, wenn das gemeinsame Mahl, an dem sich Generationen von Ökumenikern abgearbeitet haben und noch abarbeiten, nicht mehr das Maß für die Qualität von Kirchengemeinschaft ist?

Auch wenn der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider die Münchner Feier des Brotbrechens als "Vorspeise" bezeichnet und einen "eucharistischen Hauptgang" erwartet, kann man wohl sagen: Der Rat der Häuptlinge des ÖKT hatte die Chuzpe, diesen Hauptkampfplatz zur Nebenspielstätte zu erklären. Mit der unsympathischen Begleiterscheinung, dass ein Teil der kirchlichen Basisbewegung von "Wir sind Kirche" und "Kirche von unten" mit ihren fordernden Anfragen an die Wächter der Institution sich als ökumenische Krawallmacher denunziert fühlten und vom Kirchentagsprogramm ausgeschlossen blieben. Der ÖKT hat die Agenda geändert, er ist damit auch aus der interkonfessionellen Streitgemeinschaft ausgeschert, rennt nicht im Schulterschluss mit anderen, gegen Türen an, die sich nicht öffnen lassen.

Und wie interpretiert man diese neuen Töne jetzt? Als einen Beweis subversiver Klugheit? Oder als Ausdruck einer ängstlichen "Ökumene light"? Sind die tausend Tische ein neues Symbol ökumenischer Hoffnung oder doch nur ein fauler Zauber, der über die unerfreulichen Realitäten hinwegtäuscht? Hat der Kaiser neue Kleider? Oder ist er nackt? Ist die Ökumene in Deutschland einen Schritt weitergekommen oder nicht? Wird das Kirchenvolk neue kreative Wege gehen, notfalls aus den Kirchen hinaus in eine unbekannte Offenheit? Und wer hätte etwas davon? Wird aus dem neuen Ton ein Lied - oder verklingt er?

Vielleicht hilft es, sich zu erinnern an die eingangs geschilderte körperlose Stimme in der klammen Kälte, daran wie ein liturgisches Lied in einer fremden Sprache für einen Moment den Charakter eines unwirtlichen Ortes verändern konnte. An das Gefühl. Wie schön es war. Oder sich an den Applaus zu erinnern, den der katholisch-evangelische Theologe Fulbert Steffensky erntete, als er auf dem Podium "Ökumene Light", einer von Hunderten von Menschen besuchten Veranstaltung der Reformgruppen außerhalb des offiziellen Kirchentagsprogramms, an drei christliche Märtyrer erinnerte: den römischen Katholiken Os­car Romero, der im Kampf für die Ärmsten der Armen in El Salvador starb, den lutherischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordet wurde, und an den amerikanischen Baptistenpfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King, erschossen 1968. Ihre Standbilder sind über dem Eingang der anglikanischen Westminster-Abtei in London zu finden. Wer wollte diesen dreien, fragte Steffensky, ein gemeinsames Abendmahl verweigern? Und warum?

Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2010.

 

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