zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Mehrdimensional

Religion braucht Bildung

Peter Noss

Mit deutlichen Worten und guten Argumenten werden Thesen über Religion widerlegt, die zwar im Gewand der Aufklärung daherkommen, aber nicht halten können, was sie zu versprechen vorgeben. Es wird deutlich, wie fahrlässig pro­minente Intellektuelle bisweilen agieren - von manchen antiamerikanischen Reflexen ganz zu schweigen.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: ein notwendiges Buch, das mit einigen unzureichenden Analysen der letzten Zeit zum Thema Religion aufräumt. Mit deutlichen Worten und guten Argumenten werden etwa die Thesen von Ulrich Beck, Jan Assmann und Peter Sloterdijk widerlegt, die zwar im Gewand der Aufklärung daherkommen, aber nicht halten können, was sie zu versprechen vorgeben. Gerade weil sie die so genannte "Monotheismusthese" zuerst gegen das Judentum, dann auch gegen Christentum und Islam in Anschlag bringen und suggerieren, die Opfer der Shoa seien letztlich selbst deren Urheber gewesen, kann das nicht unwidersprochen bleiben. Man muss eben sehr genau lesen und hören, was im Diskurs über die Religion gesagt wird: Schieders Referenz ist ein um das andere Mal die Diskurs-Theorie von Michel Foucault, der betonte, dass die gesagten Dinge nicht allein von den Gesetzen des Denkens bestimmt würden, sondern durch ein komplexes Spiel der Beziehungen erschienen seien: Der Diskurs über ein Thema wie das der Religion ist unabgeschlossen und jeder Teilnehmende steckt immer schon mittendrin, ein Entrinnen ist zwecklos. Es wird erschreckend deutlich, wie fahrlässig pro­minente Intellektuelle bisweilen agieren, von manchen antiamerikanischen Reflexen ganz zu schweigen. Insbesondere Ulrich Beck, der in seinem Buch Der eigene Gott (siehe die entsprechende Buchrezension bei zeitzeichen) selbst "eklatante Wissensmängel" eingesteht, wird eine "selbstgefällige Erlösungsreligion" vorgehalten - ein Blick in die biblischen Schriften hätte den ­Mangel behoben. Die Glorifizierung ei­nes un­spezifischen Polytheismus nach ägyp­tischem Vorbild verkenne die zivilreligiöse Dimension des "Rule of the Law", die im Bund Gottes mit Israel am Sinai getroffen worden sei und bis heute einen Vorbildcharakter für die modernen Demokratien bereithalte.

Die ja durchaus zivilreligiös geprägten USA haben Vorbildcharakter, insofern sie eine klare Trennung von der Kom­munikation der Religionen und Welt­anschauungen praktizieren, zugleich aber die Leistung der entsprechenden Gemeinschaften als wichtigen Beitrag zur Sicherung der politischen Kultur anerkennen, so, wie Schieder in Berufung auf Eilert Herms es auch für die europäischen Staaten und Gesellschaften fordert.
Es scheint eben auch eine Gemengelage aus unverarbeiteter Geschichte und Tendenzen zur Selbstrechtfertigung zu sein, die unsere Gesellschaft noch immer prägt. Das verstellt den Blick auf die Möglichkeiten, die in der Entfaltung religiösen Lebens liegen würden. Religionen haben eine wichtige, besonders auch Gewalt hemmende Bedeutung für die Gesellschaften - wenn Religionsfreiheit und die Bildung (auch durch sie selbst) gewährleistet sind: durch staatlich garantierten Unterricht und theologische Fakultäten. Das Heilmittel gegen religiös motivierte Gewalt liegt in der Wertschätzung der Religion! Ebenso wichtig ist es für die Religionen, Identität zu finden und theologisch zu begründen, um sich in der Begegnung mit anderen zur Sprache bringen zu können. Die Pluralität der Religionen sollen diese nicht als narzisstische Kränkung empfinden. Deshalb, so Schieder, sei es Zeit für einen "theological turn".

Wer eine eindeutige Definition von "Religion" sucht, wird in diesem Buch nicht fündig. Das hat seine guten Gründe, denn Schieder kann zeigen, dass eine eindimensionale Festlegung nicht weiterführt. Der Titel des Buches irritiert zunächst: Wer das Buch zur Hand nimmt, um eigene Thesen zum genannten Thema bestätigt zu finden, wird durch einen aufklärenden Diskurs geführt, der den Leser am Ende zu vernünftigen Einsichten leitet, die in der Debatte um die Rolle der Religionen in der Moderne hohe Relevanz beanspruchen können. Auch die Politik tut gut daran, sich mehr Kenntnisse über Religion anzueignen. Die Lektüre des durchaus spannenden Buches ist ein guter Einstieg ins Thema. Und auch der eilige Leser wird nicht enttäuscht, denn am Ende des Buches sind die wichtigsten Thesen noch einmal in vierzig Hinweisen und Empfehlungen zusammengestellt.

Rolf Schieder: Sind Religionen gefährlich? Berlin University Press, Berlin 2008, 322 Seiten, Euro 29,90.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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