zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Der Fisch in uns

Paläantologische Perspektiven

Thomas Groß

Manche kleine Unpässlichkeit hat eine große Vorgeschichte. Wenn wir etwa Schluckauf haben, hängt das mit dem Teil unserer Historie zusammen, den wir mit Fischen und Kaulquappen gemeinsam haben - eine der spürbaren Folgen der Evolution der Lebewesen.



Bei Fischen wird die Atmung von Nerven aus dem Hirnstamm geregelt, so auch bei uns - nur müssen die jetzt viel weitere Wege zurücklegen, auf denen manche Störung auftreten kann. Der amerikanische Paläontologe Neil Shubin führt dies an, um die noch für uns Menschen spürbaren Folgen der Evolution der Lebewesen zu verdeutlichen. Wäre unser Organismus rein nach Kriterien der Funktionalität aufgebaut, sähe manches darin anders aus. So aber bleibt Der Fisch in uns, wie Shubin sein Buch betitelt, stets präsent.

Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers verspricht der Untertitel des anschaulich geschriebenen Buches und bietet genau dies. An Erich Haeckels "biogenetische Grundregel" mag man sich erinnert fühlen, wonach die Entwicklung des einzelnen Lebewesens die stammesgeschichtliche Entwicklung aller Lebewesen in nuce wiederholt.

Shubin erzählt die Naturgeschichte nach, ohne Haeckel Recht zu geben. Vielmehr sucht er Spuren der Evolution in einzelnen Lesewesen. Er häuft Belege auf Belege, bringt Fossilienfunde ebenso zum Sprechen wie genetische Forschungen und anatomische Details. Erwartungsgemäß widmet sich der Wissenschaftler von der University of Chicago auch ausführlich seinem eigenen Beitrag zur Erforschung der Geschichte des Lebens. Den "Tiktaalik" hat er mit entdeckt. Das Brückentier belegt den Übergang von Fischen zu Reptilien und nimmt in der Evolution eine ähnliche Stellung ein wie der Urvogel, Archaeopteryx.

Wörter wie "Gott" oder "Schöpfungsplan" kommen in diesem Buch nicht vor, der Begriff der Schöpfung wird an einer Stelle explizit in Frage gestellt. Shubin führt derart viele Belege der Evolutionsbiologie ins Feld, so dass die Evolutionstheorie selbst nicht mehr erwähnt werden muss. Vielleicht sieht Shubin ein, dass die genannten Vokabeln eine andere Weise des Redens über Welt repräsentieren als die seine. Wenn er über die metaphorische Bezeichnung der Augen als "Fenster der Seele" schreibt, deutet dies in eine andere Richtung. Wir könnten diese Metapher (wie auch "Romantik" und das Wort "Schöpfung") "vergessen". Vielmehr hätten wir, wenn "wir in Augen blicken und ihre Moleküle, Gene und Gewebe sehen, die von Mikroorganismen, Quallen, Würmern und Fliegen stammen, (...) einen ganzen Zoo vor uns".

Wer wie dieser Autor genetische Entsprechungen zwischen Seeanemone und Mensch konstatieren kann, wird der Evolution vor der Möglichkeit einer (göttlichen) Schöpfung wohl immer den Vorzug geben. Dies fällt freilich umso leichter, wenn man wie Shubin weder dem Übergang zum bewussten Leben Aufmerksamkeit schenkt noch den Anfängen des Lebens überhaupt.

Neil Shubin: Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden alte Geschichte unseres Körpers. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer Verlag, Frankfurt/ MAin 2008, 282 Seiten, Euro 19,90.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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