zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Gegen die Heiligung der Effizienz

Wie bleibt die Kirche im Dorf? Jedenfalls nicht, wenn man nur an "Leuchttürme" denkt

Markus Harke

Das Engagement in den Landkirchengemeinden ist erstaunlich groß. Doch die Kirchenpolitik der Konzentration schwächt das Dorfpfarramt bedrohlich.

Lyonel Feininger: Dorfkirche, um 1915. (Foto: akg)
Lyonel Feininger: Dorfkirche, um 1915. (Foto: akg)

Es ist jetzt etwas mehr als zwei Jahrzehnte her, dass ein Vertreter der Kirchenleitung aus Düsseldorf mich als Anfänger in meiner Pfarrstelle im südlichen Hunsrück besuchte. Erst wenige Jahre zuvor waren dort zwei ehemals eigenständige Kirchengemeinden wegen des Pfarrermangels vereinigt worden. Bei mir waren es vier kleine Ortschaften mit der gleichen Anzahl von denkmalgeschützten Kirchen, die auf eine beinahe tausendjährige christliche Tradition zurückblicken. Innerhalb des Kirchenkreises bedeutete das damals den Verlust von neun der ehemals 39 eigenständigen Dorfpfarreien.

                                       Selbstverständlicher Platz

Noch nicht lange im Amt, war ich tief beeindruckt, wie selbstverständlich die Kirche noch in jedem Dorf ihren Platz hatte. Austritte waren in dieser evangelisch geprägten Gegend die absolute Ausnahme. Die Gemeindearbeit ruhte auf den traditionellen Säulen - seien es Kindergottesdienst, kirchlicher Unterricht, Jugendarbeit, Erwachsenbildung, Frauenkreise oder etwa die Besuchsdienste. Die rund 130 Gottesdienste im Jahr - auf vier Gottesdienststätten verteilt - erreichten einen auf das jeweilige Dorf bezogenen Besucheranteil zwischen 16 und 18 Prozent - weit über dem damaligen EKD-Durchschnitt. Taufe, Konfirmation, Trauung wie Beerdigung waren nach wie vor öffentliche Ereignisse im Ort. Dabei hatte jedes der vier Dörfer seinen eigenen Charakter, zwischen konservativ und aufgeschlossen oder gar zwischen stur und modernistisch. Der Prozess zu einer Kirchengemeinde unter einer gemeinsamen Leitung gestaltete sich entsprechend schwierig.

Wohl etwas zu begeistert und emotional eingefärbt berichtete ich meinem Besuch von der schier unglaublich stabilen Situation auf dem Land angesichts völlig gegenteiliger Erfahrungen vor allem im großstädtischen Bereich. Es war schließlich die Zeit, als die Kirchenaustrittswelle immer neue Rekordhöhen erreichte. In einem gewissen jugendlichen Leichtsinn teilte ich dagegen sogar die hohen Erwartungen meiner Gemeindeglieder, dass die zweite Pfarrstelle wieder eingerichtet werde. Mein Gegenüber jedoch schloss das Gespräch mit der Bemerkung: "Ach wissen Sie, in einer Welt des Fernsehens und der gegenseitigen Wahrnehmung wird sich das bald angleichen. Die Dörfer leben längst nicht mehr so isoliert wie in früheren Zeiten. Das Land hinkt in seiner Entwicklung immer ein paar Jahre hinterher. In zwanzig Jahren ist das hier auch nicht anders als in der Stadt."

Natürlich ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten vieles anders geworden: Bis auf fünf Höfe sind alle landwirtschaftlichen Betriebe verschwunden. Kindergärten und Schulen sind in die Verbandsgemeindesitze gezogen; die sechs Geschäfte haben genauso wie die Metzgerei, Tankstelle, Post oder Sparkasse inzwischen geschlossen. Der so genannte "Strukturwandel" hat tiefe Spuren hinterlassen. Nur eine Bäckerei und zwei Gaststätten sind in den vier Orten verblieben. Daneben gibt es nach wie vor das Pfarramt und die vier Kirchen. Allerdings ist die Kirchengemeinde parallel mit den Einwohnerzahlen von ehemals 1200 Gemeindegliedern auf gerade noch 950 geschrumpft.

Engagement trotz Geldmangels

Am Rande der Nordwestpfalz im äußersten Westen der Republik haben wir eine ähnliche demographische Entwicklung wie im Osten: Die Bevölkerung ist überaltert und die Jugend zieht den Arbeitsplatzangeboten in den Ballungsgebieten hinterher. Dennoch: Die angekündigte Veränderung der Kirchlichkeit kann ich kaum ausmachen. Im Gegenteil: Nach wie vor gibt es ein erstaunlich großes Engagement, auch und gerade die Mitglieder der Kirchenvorstände leisten schier Unglaubliches.

Es sind allerdings die Rahmenbedingungen, die sich noch einmal geändert haben. Aufgrund erkennbarer Trends rechnet man seit etwa der Mitte der Neunzigerjahre damit, dass die EKD bis 2030 etwa die Hälfte ihrer Finanzkraft und ein Drittel ihrer Mitglieder verlieren wird. Die einzelnen Landeskirchen haben darauf sehr unterschiedlich reagiert. So beschloss die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen 2003 ein neues Finanzsystem, das sich unter anderem darin auswirkt, dass das Solidarmodell für Gemeinden in strukturschwachen Regionen nicht mehr gilt. Ausschlaggebend für die Einrichtung von Pfarrstellen ist heute ihre Finanzierbarkeit. Gerade die ländlichen Gemeinden bilden aber in aller Regel die Schlusslichter, wenn es um Kirchensteuereinnahmen geht, und sind somit am stärksten betroffen.

Allen Landeskirchen gemeinsam ist, dass bei einem Rückgang der finanziellen Mittel die Zahl der Kirchengemeinden und Pfarrstellen entsprechend verkleinert wird. Hier gibt es aber keinen einheitlichen Rahmen. Die Stichworte "Konzentration", "Regionalisierung", "Bedarfsabdeckung", "Vernetzung" und "Kernaufgaben" bestimmen die jeweilige Diskussion. Dabei wirken die Kirchen von Kurhessen-Waldeck mit den südlichen Landeskirchen der Pfalz, Württemberg, Baden und Bayern noch relativ gelassen.

              In die Hände der Gemeinde

Dagegen hat die Evangelische Kirche im Rheinland sehr umfassend reagiert und zum Beispiel die Finanzierung der Pfarrstellen ganz in die Hände der Gemeinden gelegt, statt wie früher die zentrale Pfarrbesoldung über eine Umlage zu finanzieren. Damit wurde einerseits eine Kostentransparenz geschaffen, andererseits gerade kleinen Gemeinden deutlich gemacht, dass sie sich künftig keine volle Pfarrstelle mehr leisten können. Gleichzeitig gab man einen einheitlichen Rahmen für die zu erreichende Gemeindegliederzahl vor, der die Unterschiede zwischen städtisch oder ländlich geprägten Gemeinden nicht mehr von den Anforderungen an das Pfarramt abhängig macht, sondern, abgesehen von einem Flächenfaktor, nur noch an die Gemeindegliederzahlen bindet. Immerhin kann jeder Kirchenkreis eigene Schwerpunkte setzen, muss aber in dem finanziell gesetzten Rahmen bleiben.

Letztlich sind die Entwicklungen dort Mehrheitsentscheidungen unterworfen, die bei zurückgehenden Ressourcen in zunehmende Verteilungskämpfe münden werden. Dabei sind im Rheinland die meisten Gemeindeglieder, über 60 Prozent, in den Städten zu finden, während es im Gesamtbereich der EKD genau umgekehrt ist.

Für meine Gemeinde bedeuten die Reformen der vergangenen Jahre, dass die vier Dörfer nur noch eine halbe Pfarrstelle einrichten können. Gespräche mit den Nachbardörfern laufen auf eine Konstellation zu, in der 1800 Gemeindeglieder in sieben Ortschaften mit entsprechend vielen Kirchen zu versorgen sein werden. Dabei beschreibt das nur die Personalplanung bis 2015. Die weiteren Pläne gehen jetzt schon von 2400 Seelen aus. Gerade in klein strukturierten ländlichen Gebieten geraten wir also in eine Situation, die früher nur in der Diaspora denkbar gewesen wäre, nun aber auch auf rein evangelische Regionen zukommt.

Dabei unterscheiden sich Land und Stadt wesentlich auch darin, dass die Pfarrerin oder der Pfarrer nicht selten die einzige hauptamtlich beschäftigte Person ist. Küster- und Organistendienste werden auf die tatsächlich geleisteten Stunden beschränkt und schwanken nicht selten zwischen zwei bis vier Wochenstunden. Nicht einmal eine Schreibkraft entlastet das Pfarramt. Einsparpotenziale sind da kaum auszumachen. Sie werden über ein hohes Maß an Ehrenamtlichkeit kompensiert. Diese Eigenverantwortlichkeit eines ganzen Dorfes, sei es noch so klein, zeichnet aber nach wie vor gerade in den alten Bundesländern viele Kirchengemeinden aus. Und selbst, wenn in den neuen Bundesländern die Kirchengemeinde im Bewusstsein der Dorfgemeinschaft eine eher untergeordnete Rolle spielt, kann die Kirche als Gebäude auch hier in den Mittelpunkt des Interesses rücken, und die Eigeninitiative fordern und fördern. Wenn es darum geht, das nicht selten historisch bedeutsamste Gebäude für alle sichtbar zu erhalten, gibt es sehr beeindruckende Beispiele eines neuen Gemeinschaftsgefühls. Allerdings basieren solche Leistungen auf einem sehr persönlichen Verhältnis untereinander. Genau dieses wird aber künftig von der jeweiligen Pfarrerin, dem Pfarrer nicht mehr erreicht werden können.

Verändertes Pfarrbild

Dazu kommt ein wenig berücksichtigter Nebeneffekt: War es bereits in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts kaum noch möglich, Menschen für die Übernahme eines Pfarramtes auf einem Dorf zu begeistern, sinkt die Attraktivität ländlicher Gemeinden in Richtung Unzumutbarkeit. Verstärkt wird dieser Trend durch die Einrichtung von dreiviertel- und halben Stellen mit drei bis vier Predigtstellen. Aus dem Pool der Pfarrerinnen und Pfarrer, die keine Anstellung gefunden haben, können natürlich Arbeitsverhältnisse mit einem begrenzten Auftrag geschlossen werden, allerdings öffnet das die Tür dazu, den Pfarrberuf in verschiedene Klassen zu teilen – wie das vor Jahrhunderten üblich war.
Als im Sommer 2006 die ekd-Schrift „Kirche der Freiheit“ erschien, stieß sie gerade in den ländlichen Räumen auf große Ablehnung. Die Parochie war hier über Jahrhunderte die am meisten vertraute und am längsten erprobte Organisationsform kirchlicher Arbeit. Sie war die strukturelle Ausprägung der Volkskirche vor Ort. Jetzt stand diese letzte Bastion einer historischen Kontinuität, die sprichwörtlich gewordene „Kirche im Dorf“ zur Diskussion und damit auch zur Disposition. Selbst das Erfolgsmodell der Reformation, das evangelische Pfarrhaus, das unbestritten immer auch Kulturträger im Dorf war, wurde in Frage gestellt.

Immerhin hat die anschließende Diskussion dazu geführt, dass man die ländlichen Räume endlich in ihrer großen Differenziertheit wahrgenommen hat (Der 2007 veröffentlichte EKD-Text "Wandeln und Gestalten" gibt eine Übersicht über sieben Typen). Einen Ort allein deshalb als Dorf zu definieren, weil er unterhalb einer bestimmten Größe der Einwohnerzahl liegt, beschreibt noch lange nicht dessen Besonderheit. Da gibt es verdichtungsnahe wie periphere Gebiete, agrarisch genutzte oder touristisch attraktive Regionen, wachsende wie schrumpfende Dörfer. Entsprechend unterschiedlich sind die Erwartungen an die Kirchengemeinde.

Kennzeichnend für ländliche Räume sind nach wie vor: eine gewisse Überschaubarkeit, das damit verbundene Gefühl von Sicherheit, ein starkes Bewusstsein für die gemeinsame Herkunft und Tradition und nicht selten eine hohe Eigenverantwortlichkeit und Selbstzuständigkeit. Dazu ist in einer Gesellschaft des Sich-Kennens die soziale Kontrolle hoch, dafür aber auch die Bereitschaft zur Hilfe und nachbarschaftlichen Unterstützung. Aber schon die Nähe oder Ferne zum nächsten Oberzentrum und die wirtschaftliche Entwicklung und Entkopplung von der Landwirtschaft lassen diese gemeinsamen Aspekte völlig unterschiedlich ausgeprägt sein.

            Menschliche Kirche

Die differenzierte Wahrnehmung der ländlichen Räume lässt aber hoffen, dass die einzelnen Landeskirchen auch entsprechend vielfältig auf die künftigen Herausforderungen reagieren werden. Eine menschliche Kirche der Zukunft sollte ein so stabiles System wie seine vielfältigen Dorfpfarreien zumindest punktuell als Leuchtfeuer fördern - wie die Citykirchen im städtischen Umfeld. In manchen Landeskirchen werden die Weichen jedoch so gestellt, dass die zentrale Aufgabe des Dorfpfarramts sich zunehmend auf die liturgische und homiletische Gestaltung familiär, lebensweltlich oder örtlich bedeutsamer Schlüsselsituationen und Feste im Laufe des Jahres beschränken muss: von Taufe über Bestattung bis hin zu Vereinsjubiläen oder Kirchweihfest.

Der Preis dafür ist hoch: Denn neben dieser Arbeit wird keine Zeit mehr dafür da sein, überhaupt ein Vertrauensverhältnis zu den Gemeindegliedern aufzubauen, was aber die Basis nicht nur für jede seelsorgerliche Arbeit, sondern auch für die persönliche Nähe ist, die ehrenamtliches Engagement fördert. So aber bootet die Kirche sich auf dem Land selber aus.

In anderen Landeskirchen, vor allem denen im Süden, wird das Dorfpfarramt auch künftig mit wenigen Veränderungen überleben. Was für ein Schatz das Land für die Kirche ist, erkannte Manfred Kock, der frühere Ratsvorsitzende der EKD. Er formulierte: "Ich glaube nicht, dass es ratsam erscheint, sich ausgerechnet aus den Bastionen zurückzuziehen, in denen wir noch stark sind."

Auch in der Kirche haben wir uns in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, wirtschaftlich zu reden und zu handeln. Begriffe wie "Ergebnisorientierung", "Controlling", "Zielvorgaben", "Wirtschaftlichkeit", "Effektivität", "Kerngeschäft", "Fundraising" oder gar "Zeitmanagement" suggerieren dies. Man darf sich nicht wundern, wenn der Gebrauch von neuen Begriffen auch verändernd in das Denken eingreift. Als Zukunftsaufgabe sieht die "Kirche der Freiheit" den Zusammenschluss von Landeskirchen zu größeren Einheiten. Gerade große Verwaltungsgebilde neigen aber zu Vereinfachungen und zur Nivellierung des Besonderen.

                                               Wirtschaftssprache

Indes ist es gerade die Bunt- und Verschiedenheit des Landpfarramtes mit seinen jeweiligen Schwerpunkten, die seine Stärke ausmachen. Es ist übrigens eine völlig unbelegte Hypothese, dass "größer" gleichzeitig immer "preiswerter" bedeutet. Auch sei dahingestellt, ob eine Firma es sich leisten könnte, auf zurückgehende Umsätze mit weniger Service zu reagieren. Ich denke, besonders die Kirche lebt vom Gewachsenen, von der unspektakulären Nähe zu den Menschen. Viele erwarten gerade von der Kirche, dass sie sich dem Effektivitätswahn des "immer schneller, größer und mehr" entgegenstellt, ja, einen eigenen Wachstumsbegriff prägt. Die Heiligung der Effizienz jedenfalls wird von ihr nicht ersehnt.

Eine Ironie der Geschichte ist für mich, dass ich mit eingangs erwähntem Landeskirchenrat vor einem Jahr wieder zusammentraf. Natürlich erzählte ich ihm von den Schwierigkeiten, aber auch von dem vielen, das geblieben ist. Auf seine nach zwanzig Jahren wenig modifizierte Antwort reagierte ich nicht mehr so gelassen: "Ach, wissen Sie, in einer Welt des Fernsehens und des Internets wird sich das bald angleichen. Die Dörfer leben längst nicht mehr so isoliert wie in früheren Zeiten. Das Land hinkt in seiner Entwicklung immer ein paar Jahre hinterher. In zwanzig Jahren ist das hier auch nicht anders als in der Stadt." Da sage einer, nur auf dem Land würde sich nichts ändern.

Marcus Harke ist Vorsitzender des "Ausschusses Dienst auf dem Lande" der EKD.

Erschienen in zeitzeichen April 04/2010.

 

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