zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Bastel-Gott

Privater Weg zum friedfertigen Glauben?

Natascha Gillenberg

Durch ihre Individualisierung und Kosmopolitisierung können die Religionen ihr Gewaltpotenzial entschärfen und zum "Modernisierungs- akteur" für die säkulare Weltgesellschaft werden. Entscheidend ist, so Beck, dass sie dem Frieden Priorität vor der Wahrheit geben müssen.

Die klassischen Säkularisierungsthesen haben sich als falsch herausgestellt. Man sprach, Max Weber folgend, von der "Entzauberung der Welt" - und war auf die "Rückkehr des Religiösen", wie sie seit einigen Jahren zu beobachten ist, völlig unvorbereitet.

Der Soziologe Ulrich Beck gesteht ein, dass auch ihn diese Entwicklung überrascht habe. Die Entstehung einer "post-säkularen" Moderne in Europa hält er für "bedeutsamer als ... den Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks", habe doch die Säkularisierung, das Zurückweichen der Religion aus staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen und Prozessen, als "konstitutive Voraussetzung für Demokratie und Modernität" gegolten.

Dass Religiosität aber eben nicht im Widerspruch zur Moderne steht, sondern sich als ihr Nebenprodukt entwickelt und lediglich neue, andere Formen herausbildet, ja, dass Religion sogar zum "Modernisierungsakteur" einer säkularen Gesellschaft werden kann, ist die Ausgangsthese von Ulrich Becks Essaysammlung Der eigene Gott.

Was in der säkularisierten Gesellschaft geschieht, ist die Individualisierung von Glauben. Originell ist Beck mit dieser Beobachtung nicht, denn die haben andere längst andere vor ihm gemacht; was sie "Patchwork"-Religion nennen, bezeichnet Beck als den "eigenen Gott". Gewissermaßen als Pendant zur "Bastelbiografie" - einem Begriff, den er mit seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim in den Neunzigerjahren prägte - beschreibt Beck also den Bastel-Gott: Es ist das Bild eines Glaubens, der sich von jeder organisierten Form und Institution unabhängig gemacht hat und der zutiefst von individuellen und subjektiven Erfahrungen und Bedürfnissen bestimmt ist.

Dieser Individualisierung tritt als weiteres Element reflexiver Modernisierung die Kosmopolitisierung hinzu. Beck löst sich bewusst aus nationalstaatlich beengten Perspektiven, die, wie er kritisiert, noch viel zu stark die Methoden der Soziologie bestimmten. Entscheidend ist, dass die heutige, "zweite Moderne" gekennzeichnet ist durch die Auflösung der territorialen Einheit von Religion, Nation und Gesellschaft. Die Begegnung mit "dem Anderen" ist unvermeidbar; sie findet auch innerhalb der einst gültigen Grenzen statt, und mit ihr taucht die Idee eines möglichen alternativen Lebens auf. Eine solche Kosmopolitisierung - die Achtung des kulturell Anderen bis hin zu seiner Integration in die eigenen Normen und Praktiken - schlägt sich auch im individualisierten Bild des "eigenen Gottes" nieder und sorgt für seine Toleranz und Offenheit.

Auf die entstehende Weltgesellschaft (Luhmann) oder - nach Beck - die "Weltrisikogesellschaft" sind die Religionen sehr viel besser vorbereitet als nationalstaatliche Institutionen. Als imagined communities sind sie längst transnational, denken und bilden Gemeinschaften über Staatsgrenzen, über Schranken des Geschlechts, der Klasse, der Ethnizität hinweg. Hierin liegt auch das Potenzial ihrer Friedfertigkeit, so Beck: Grenzen und Unterschiede zwischen Menschen, die sonst zu tödlichen Konflikten führen können, werden überwunden zugunsten einer gemeinsamen religiösen Identität.

Hier aber zeigt sich für Beck auch das Doppelgesicht von Religion: Denn in der Begegnung mit anderen Religionen stellt sich die Frage nach der Gültigkeit ihres jeweiligen Wahrheitsanspruchs. Beck geht davon aus, dass dieser ein letztlich absoluter ist, der Toleranz verbietet und zur radikalen Unterscheidung zwischen "Gläubigen" und "Ungläubigen", zwischen Gemeinschaft und Exklusion führen muss. Darin sieht er ein solch gewaltvolles Konfliktpotenzial, dass es gar den Fortbestand der Menschheit gefährdet. Angesichts der Konflikte, die um die Verteilungsgerechtigkeit oder die Klimakatastrophe entstehen, dürfte diese These manchen Leser vielleicht etwas überraschen. 

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die Tradition einer religionsimmanenten Religionskritik scheint Beck auszuschließen. Stattdessen bedürfen Religionen säkularer Normen, die der Eindämmung ihrer Tendenz zum Totalitarismus dienen. Es bedürfe "eines weltbürgerlichen Kosmopolitismus der Religionen, der nicht auf unumstößlichen, den Menschen vorgegebenen Wahrheiten beruht, sondern auf den von Menschen untereinander vereinbarten, letztlich auf Regeln, Verträgen, Verfahren".

Die Säkularisierungstheorie wird bei Ulrich Beck also nicht obsolet, sie unterliegt allerdings eine grundlegenden Korrektur. Durch ihre Individualisierung und Kosmopolitisierung können die Religionen ihr Gewaltpotenzial entschärfen und für die säkularen Weltgesellschaft sogar fruchtbar werden. Entscheidend dabei wird sein, glaubt Beck, ob die Religionen dem Frieden Priorität vor der Wahrheit geben.

Ulrich Beck: Der eigene Gott. Friedensfähigkeit und Gewaltpotential der Religionen. VErlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main und Leipzig 2008, 275 seiten, Euro 19,80.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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