zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Gottes Türhüter

Darwin wurde von den Theologen seiner Zeit positiv gesehen

Tilmann Schröder

Charles Darwin, der vor zweihundert Jahren geboren wurde, wird heute von konservativen Protestanten vollkommen abgelehnt. Das war zu sei­nen Lebzeiten - zumindest in Deutsch­land - anders.

Schaukasten mit Tierskeletten im Amerikanischen Museum für NAturgeschichte in New York. (Foto: AP/Mary Altaffer)
Schaukasten mit Tierskeletten im Amerikanischen Museum für NAturgeschichte in New York. (Foto: AP/Mary Altaffer)

Das Jahr 1871 war für die Deutschen ein ereignisreiches Jahr: Es vereinte sie in einem neuen Kaiserreich, und es machte vielen erstmals bewusst, wie sehr die Naturwissenschaften auch das religiöse Weltbild beeinflussen. In diesem Jahr veröffentlichte Charles Darwin nämlich sein zweites großes Hauptwerk über Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl.

Auch unter deutschen Kirchenmännern löste es eine Resonanz aus, die deutlich machte, wie wenig sie bisher die Arbeiten des britischen Naturwissenschaftlers zur Kenntnis genommen hatten. Schließlich war Darwins viel grundlegendere Arbeit Über die Entstehung der Arten bereits 1859 erschienen. Aber weil das Thema "Entwicklungslehre“ kein völlig neues Problem war, sondern - zumindest dem Begriff nach - bereits vorher in der Naturphilosophie eine Rolle gespielt hatte, erkannten Theologen die von Darwin ausgelöste wissenschaftliche Revolution (noch) nicht.

  Hohe Auszeichnungen

Als Darwin 1868 mit dem prestigeträchtigen preußischen Orden "Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste" ausgezeichnet, in die Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde und die Ehrendoktorate zweier deutscher Universitäten erhielt, erfolgte kein hörbarer Protest der Kirchen.

Wirklich gelesen wurden Darwins Arbeiten erst nach 1871. Und jetzt war ein unvoreingenommener Blick auf seine Theorien erschwert. Denn mittlerweile hatte sich der Jeneaer Zoologe Ernst Haeckel zum wortgewaltigen Anwalt Darwins gemacht und durch seine eigene Darwininterpretation auch innerhalb der Naturwissenschaften für heftige Diskussionen gesorgt.

Haeckel, dessen 175. Geburtstages in diesem Jahr gedacht wird, stammte aus einem bewusst protestantischen Elternhaus. Noch als Student besuchte er regelmäßig den Gottesdienst und hielt die Gedanken des Predigers in seinen Tagebüchern fest. Das Gottesbild seiner Kindheit kam aber ins Wanken, als er in Würzburg Assistent des Pathologen Rudolf Virchow wurde, einer der Wissenschaftspäpste Deutschlands. Dieser kon­frontierte Haeckel mit dem mechanistisch-materialistischen Weltbild, das die damaligen Naturwissenschaften weitgehend prägte, und löste in ihm ei­ne erste religiöse Krise aus.

     Befreiung von den Zweifeln am biblischen Gott.

Haeckels bisheriges Gottesbild brach dann endgültig zusammen, als seine Frau nach nur eineinhalbjähriger Ehe unerwartet starb. In dieser Zeit lernte Haeckel Darwins Werk kennen, und er empfand es auf dem Hintergrund seiner persönlichen Lebenserfahrungen als Befreiung. Darwins Überlegungen klärten nicht nur Probleme, denen Haeckel als Zoologe nachgegangen war, sie befreiten ihn gleichzeitig von den Zweifeln am biblischen Gott. Indem er diesen in die von ihm verehrte "herrliche" und "göttliche" Natur hinein auflöste, vermochte Haeckel Gottes Existenz für sich selber zu retten: Der die Natur durchdringende und ihre staunenswerten Abläufe bewahrende Gott war keine Macht mehr, die im persönlichen Alltag zu fürchten war.

Es war daher konsequent, dass Haeckel seine naturwissenschaftlichen Forschungen sehr bald auch naturphilosophisch deutete und sie schließlich als Theologie verstand. So vertrat Haeckel die Lehren Darwins nicht aus einer nüchternen, alleine der naturwissenschaftlichen Objektivität verpflichteten Einstellung heraus, sondern verband sie emphatisch mit eigenen wissenschaftlichen Hypothesen und mit allen weltanschaulichen Erweiterungen, die sich für ihn daraus ergaben.

   Eigene Interpretation

Außenstehende - wie die meisten Theologen und Kirchenvertreter - konnten oft nur schwer erkennen, was bei Haeckel Darwin und was seine eigene Interpretation, was naturwissenschaftlich gesichertes Faktum und was weltanschauliche Aussage war. Es war die sehr problematische methodische Vorgehensweise Haeckels, die zur Schärfe in den Diskussionen mit den Theologen beitrug. Aber auch viele Naturwissenschaftler kritisierten Haeckel an dieser Stelle heftig.

Bereits 1863, also noch vor entsprechenden Äußerungen Darwins, zog Haeckel auf einer Naturforscherversammlung in Stettin weitreichende Konsequenzen für die Herkunft des Menschen - aus dem Tierreich. Und schließlich deutete er die gesamte soziale und kulturelle Entwicklung der Menschheit im Sinne der Evolutionslehre Darwins. Auch hier erkannte er den Kampf ums Dasein als den eigentlichen Motor der Geschichte und pries den andauernden Fortschritt in allen Lebensbereichen als "ein Naturgesetz, welches keine menschliche Gewalt, weder Tyrannen-Waffen noch Priester-Flüche, jemals dauernd zu unterdrücken vermögen". Dieser Fortschritt, so führte Haeckel später weiter aus, ersetze den christlichen Glauben durch eine "Des­zendenzreligion" der Liebe.

Von der Stettiner Rede an datierte Haeckels Streit mit der Kirche, eine Auseinandersetzung, die er mit seinen den Sozialdarwinismus vorbereitenden Theo­rien bewusst provoziert hatte. Und unter den Naturwissenschaftlern war es sein einst hochverehrter Lehrer Virchow, der ihm scharf entgegentrat. Virchow stimmte in vielen Punkten ausdrücklich mit Darwins Theorien überein. Obwohl religiös völlig indifferent, verurteilte er aber Haeckels weltanschauliche und stellenweise spekulative Darwininterpretationen als Missbrauch der naturwissenschaftlichen Methode.

Differenzierungen

Für die Theologen, die sich ab 1871 mit Darwin auseinandersetzten, differenzierten sich dessen Theorien - nach Haeckels Vorgaben - in drei Bestandteile: die allgemeine Entwicklungslehre, die Deszendenztheorie als die Lehre von der natürlichen Entstehung der Organismen und schließlich die Selektionstheorie, die Haeckel als den eigentlichen "Darwinismus" bezeichnete, die aber innerhalb der Naturwissenschaften selber heiß umstritten war.

Der Streit darüber versetzte viele Theologen in die scheinbar komfortable Situation, erst einmal abzuwarten und zu hoffen, dass die Naturwissenschaften selber irgendwann Darwins Theorien fallen lassen würden.

So beschränkte sich das Sprachrohr des deutschen Luthertums, die Allgemeine Evangelisch-lutherische Kirchenzeitung, in der ersten Zeit vor allem darauf, Darwin-kritische Äußerungen von Naturwissenschaftlern zu zitieren und sich mit eigenen Stellungnahmen zurückzuhalten. Sehr bald jedoch wankte die Hoffnung der Herausgeber auf einen Zusammenbruch der Theorien Darwins. Man müsse mittlerweile davon ausgehen, dass der Darwinismus ein Faktor sei, "mit welchem die Zeitbetrachtungen des Theologen wie des praktischen Kirchen- und Schulmannes zu rechnen haben", hieß es 1875 in einem Leitartikel. Im Grunde umschloss dieser Faktor aber nicht nur den Darwinismus, sondern die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften insgesamt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade in Deutschland so erfolgreich waren.

                Vorwurf an Kirche und Theologie:
                             Überheblichkeit und Ignoranz. 

Es war vor allem ein heute eher vergessener Theologe, der die Herausforderung erkannte und dem die protestantische Theologie dieser Epoche eine veränderte, respektvolle Einstellung gegenüber den Naturwissenschaften verdankte: der Greifswalder Kirchenhistoriker und Apologet Otto Zöckler (1833–1906). Kein anderer europäischer oder amerikanischer Theologe schrieb so früh und so viel über den Darwinismus wie dieser konservative Lutheraner. Kirche und Theologie warf er vor, durch Überheblichkeit und Ignoranz viel Terrain verloren zu haben.

Zugleich warnte Zöckler aber auch, dass dem Christentum durch die Naturwissenschaften ein neuer weltanschaulicher Konkurrent erwachsen sei. Als wohl erster Theologe sprach Zöckler bereits 1879 hellsichtig vom "Zeitalter des Darwinismus". Und er war auch der erste, der 1871 Darwins Arbeit über die Abstammung des Menschen umfassend rezensierte. Zöckler würdigte Darwins Forscherleistung grundsätzlich und betonte, dass sie nicht der Studierstube entstamme, sondern auf einer mehrjährigen Weltumsegelung gründe.

Doch Darwins Theorie von der Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen lehnte Zöckler als "unsittlich" ab. Diese Theorie sei zudem nicht zu beweisen, sondern diene Darwinisten wie Haeckel nur dazu, ihren "süffisanten, mit heimlichem Ingrimm gegen Bibel, Clerus und Kirche gepaartem Gelehrtenhochmuth" auszuleben.

Zöckler bemühte sich um eine differenzierte Beurteilung der Darwinisten. Mit denjenigen, die, wie Virchow, Darwins Deszendenzlehre vertraten, die Selektionstheorie aber ablehnten und nicht gegen die christliche Weltanschauung polemisierten, konnte die protestantische Apologetik leben. Kein Weg aber führte zu Haeckel und solchen Darwinisten, die meinten, Religion und menschlichen Geist naturwissenschaftlich erklären zu können.

          "Zahme" und "wilde" Darwinisten

Zöcklers Unterscheidung von "zahmen" und "wilden" Darwinisten schien manchem Theologen ein brauchbarer Weg zu sein, um sich mit einem stark vereinfachten Darwinismus zu arrangieren, Haeckel aber mit aller Schärfe zu bekämpfen. Darwin selber wurde dabei zum zahmen Lager gezählt. Immer wieder wurden tatsächliche oder vermeintliche Beweise für seinen Respekt vor der Kirche und dem christlichen Glauben zitiert.

Vor allem in der Frage des Entwicklungsgedankens erschien manchem der biologische Evolutionsbegriff durchaus mit den biblischen Vorstellungen einer sich durch Gottes Willen entwickelnden Heilsgeschichte verwandt zu sein.

Einen eindrucksvollen Schritt in diese Richtung ging der Greifswalder Alttestamentler Julius Wellhausen mit seinen Arbeiten zur Geschichte Israels. Sie führten den Entwicklungsbegriff in die religionsgeschichtliche Forschung ein. Kritiker Wellhausens sprachen deshalb schon von einem "religionsgeschichtlichen Darwinismus". Aber natürlich waren er und seine Schüler weit davon entfernt, die alttestamentliche Religionsgeschichte naturalistisch zu interpretieren.

Es war schließlich der in Halle lehrende Systematiker Max Reischle, ein Schüler Albrecht Ritschls, der viel zur Klärung beitrug. Reischle, der sich mit dem Entwicklungsgedanken in seiner gesamten theologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Bedeutung auseinandersetzte, empfahl den Theologen gegenüber dem Darwinismus in der Anschauung Gottes als Schöpfer und Erhalter der Welt ein "Gewährenlassen" und zwar "im vollen Sinn! Rückhaltlos haben wir das Recht der Naturwissenschaft zum Einschlagen solcher Wege zuzugeben; als durchaus begreiflich müssen wir es anerkennen, daß die Naturwissenschaft jene Theorie (Darwins), die sich als ein ganz außerordentlich fruchtbares heuristisches Prinzip erwiesen hat, solange als irgend möglich festhält und weiterverfolgt".

Göttliche Bestimmung des Menschen

Dabei stellte Reischle fest, dass Darwins Überlegungen in keinem Punkt dem christlichen Glauben widersprächen. Die göttliche Bestimmung des Menschen entscheide sich nicht an der Abstammungsfrage. Und der "Kampf ums Dasein" ließe sich auch als Dienst und Opfer der einzelnen Lebewesen für andere interpretieren. Reischle plädierte für eine Naturauffassung im Sinne der naturwissenschaftlichen Evolutionslehre und eines christlichen Zeit- und Weltverständnisses, wonach Gott selber seine Schöpfung im Laufe der Geschichte entfalte, ihr eine klare Richtung gebe und sie schließlich zu ihrem Ziel bringe.

Reischles Analysen setzten sich durch. Der Entwicklungsbegriff war, spätestens um die Jahrhundertwende, innerhalb weiter Teile aller theologischen Lager verankert und bot keinen Anlass mehr zu antidarwinistischer Polemik, auch wenn ihn sicherlich nicht alle Theologen mit so hymnischen Worten empfingen, wie der von Darwin begeisterte Friedrich Naumann: "Gott ist in der Entwicklung drin und jeder, der uns Entwicklungsgeschichte lehrt, ist Gottes Türhüter."

Erschienen in zeitzeichen Mai 05/2009.

 

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