zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Der Stern führt nicht nach Bethlehem

Christentum und Astrologie - wie geht das zusammen?

Gerhard Voss

Es gibt Grenzen eines christlich verantwortbaren Umgangs mit Astrologie, sagt der Ökumeniker und Benediktinerpater Dr. Gerhard Voss aus Niederaltaich. Trotzdem seien astrale Phänomene mit der christlichen Botschaft von ihren Anfängen an verbunden und könnten dem Glauben eine kosmische Dimension geben.

Auseinandersetzung zwischen Astronomie und Theologie: Diskussion zweier Gelehrter über die Schrift und die Himmelssphären. Holzschnitt, Deutschland, um 1480. (Foto: akg-images)
Auseinandersetzung zwischen Astronomie und Theologie: Diskussion zweier Gelehrter über die Schrift und die Himmelssphären. Holzschnitt, Deutschland, um 1480. (Foto: akg-images)

Ein unübersehbarer Astromarkt verspricht Informationen darüber, was die Sterne in Sachen Geld, Liebe, Glück, Gesundheit sagen oder wann sie günstig stehen, für dieses oder jenes Vorhaben. Die Astrologenverbände im deutschen Sprachraum lehnen solche Vulgärastrologie und ihre unseriöse Wahrsagerei ab. Doch sind viele Menschen so sehr darauf fixiert, dass es für sie zu einer zwanghaften Sucht werden kann, ihr Tun und Lassen immer wieder schicksalhaft davon bestimmen zu lassen.

Der Apostel Paulus sieht den Grund für solche Unfreiheit (Galater 4, 8 ff.; vgl. Kollosser 2, 8 ff.) in dem ängstlichen Bemühen, die Unwägbarkeiten des Lebens durch eine Beachtung der im Kosmos wirkenden Mächte in den Griff zu bekommen. Diese werden durch solche Beachtung zu "Göttern", die sie nicht sind. Die Hoffnung mehr auf astrologische Schicksalsbeurteilungen (astrologia iudiciaria) als auf den einen wahren Gott zu setzen, ist nach christlichem Verständnis Aberglaube, ein Verstoß gegen das Erste Gebot. Wahrhaftiges Christsein ist von der Zuversicht geprägt, dass alle Fügungen des Lebens unter der Herrschaft Gottes stehen. Keine ""Gewalt der Höhe oder Tiefe" (Römer 8, 38 f.) kann die durch Jesus Christus den Glaubenden vermittelte Geborgenheit in der Liebe Gottes gefährden. Wer aus dem Glauben lebt, steht über den Sternen.

Trotzdem kann eine Beschäftigung mit den astralen Phänomenen auch für Christen sinnvoll sein. Sonne und Mond sind schließlich maßgebend für die Erfahrung des Wechsels der Zeiten. Und immer war in der Kirche auch die Überzeugung lebendig - mal mehr, mal weniger verbreitet -, dass innerhalb der Schöpfungsordnung die Gestirnskonstellationen wie "himmlische Buchstaben" seien (Origenes, 3. Jahrhundert), bewegt von Kräften, in denen der Glaube ""Engel" sieht, Boten Gottes, von welcher Art auch immer. Sie zu beachten, kann wegweisend sein, erfordert aber eine entsprechende Sensibilität. Biblisches Urbild ist der Stern von Bethlehem (Matthäus 2). Doch darf nicht übersehen werden, dass er die Sterndeuter nicht direkt nach Bethlehem führte. Wegweiser war er ihnen nur soweit, wie das in ihrem Horizont lag. Wo soll ein astral angezeigter neugeborener König der Juden zu finden sein, wenn nicht in Jerusalem? Dort bedurfte es der Auskunft der Schriftgelehrten, damit die Sterndeuter wirklich zu ihrem Ziel kamen.

Sonne, Mond und Tag des Herrn

Augustinus (+430) sah trotz seiner Ablehnung der schicksalsgläubigen Astrologie in den astralen Phänomenen - wie auch sonst in der Schöpfung - geeignete Symbole für die geistliche Unterweisung ("ad informationes mysticas") über Wahrheiten des Glaubens. Bereits das frühe Christentum vor ihm hatte dem Kalender sein eigenes Gepräge gegeben, durch die verbindliche Feier seiner Feste zu ganz bestimmten Zeiten. Dabei ließ es sich nicht nur von geschichtlichen Vorgaben leiten, sondern auch von der astralsymbolischen Bedeutung dieser Zeiten, die damals und das ganze Mittelalter über im religiösen, kulturellen und politischen Umfeld der Kirche im Römischen Weltreich verstanden wurde.

Es wurde kirchlicherseits zwar soweit möglich alles vermieden, was - in der Namengebung etwa - dazu führen könnte, die den Wochentagen zugeordneten Planeten und die den Jahreszeiten zugeordneten Tierkreiszeichen weiterhin als göttliche Wesen zu verstehen. Doch obwohl der (in biblischer Zählung) erste Tag der Woche, an dem allwöchentlich die Auferstehung Christi gefeiert wird, binnenkirchlich der "Tag des Herrn" genannt wird, blieb er auch im christlichen Bewusstsein der Tag der Sonne, der Sonn-Tag. An einem solchen Tag hatten die Frauen, die zum Grab Jesu kamen, gesehen, dass es leer war - "als eben die Sonne aufging", wie es im Markusevangelium (Markus 16, 2) eigens heißt. In unzählig vielen Liedern wird seitdem der von den Toten auferstandene Christus als die aufgehende Sonne besungen, und unzählig viele christliche Kirchen wurden nach Osten hin ausgerichtet. Zur Zeit der Wintersonnenwende - am 25. Dezember als deren ursprünglich exaktem Datum - feiern die Kirchen Weihnachten, das Geburtsfest Christi, der durch seine Menschwerdung im Dunkel der Welt als die neue "Sonne" aufstrahlte.

Das Osterlamm ist mit dem Tierkreiszeichen Widder verwandt.

Am Karfreitag wird das Gedächtnis begangen, dass Christus gemäß den alttestamentlichen Vorgaben "als unser Paschalamm geschlachtet worden ist", wie Paulus sagt (1 Korinther 5, 7). In Verbindung damit wird Ostern gefeiert, und zwar am Sonntag nach dem ersten Vollmond, im ersten "Monat" nach Frühlingsbeginn. Nach astrologischem Verständnis bedeutet das, dass Ostern in der Zeit gefeiert wird, in der die Sonne im Tierkreiszeichen "Widder" steht. Dieses Zeichen heißt in antiken jüdischen Tierkreisdarstellungen "thale", also "Lamm". Es wird beim Osterdatum also sehr darauf geachtet, dass der Opfertod des "Lammes Gottes" Christus (Johannes 1, 29) im kosmischen Zeichen des Opfertieres "Lamm" gefeiert wird, das wir "Widder" nennen. In unseren Breiten ist das die Zeit des Aufbrechens neuer Vitalität im Frühling. In astrologischer Symbolik heißt das vor allem, dass zu dem Weg, den Jesus Christus paradigmatisch gegangen ist, die Bereitschaft gehört, das eigene Leben einzusetzen, zu "opfern", für das Leben der Welt. Das Sternbild "Widder" am Himmel, in dem zur Zeit Jesu die Sonne am Frühlingsbeginn noch tatsächlich stand, konnte zugleich als kosmische Signatur dafür verstanden werden, dass das Blut Christi in allen Opfern der Gewalt, seit es Menschen gibt, heilbringend wirksam ist (1. Petrus 1, 19 f.; Offenbarung 13, 8). Zum Verständnis dieser Begründung des Osterfestdatums hat heute wohl kaum jemand noch den dazu erforderlichen Erfahrungshintergrund. 

Die christlichen Theologen der Antike sahen in einer gesamtkosmischen Sympatheia überall Entsprechungen, auch zu den astralen Elementarmächten, gegenwärtig. In besonderer Weise galt ihr Interesse dem Mikrokosmos Mensch. Die mythischen Gottheiten des hellenistisch-römischen Himmels sind ja auch Ausdruck innerseelischer Kräfte. "Hab Sonne im Herzen", sagen wir heute noch, und wir nennen Menschen im Blick auf die Planeten Mars und Jupiter "martialisch" oder "jovial" oder im Blick auf den Mond "launisch". "Laune" kommt vom lateinischen "luna", "Mond". Unsere Launen sind Ausdruck der Wechselhaftigkeit des "Mondes" in uns. Alle Planeten und alle Tierkreiszeichen, wie die Astrologie sie versteht, haben in irgendeiner Weise ihre Entsprechungen in allen Menschen. Das befähigt sie, füreinander Verständnis zu haben.

Dass es bei den Menschen zwischen dem, was allen gemeinsam ist, einerseits und aller individuellen Verschiedenheit andererseits auch so etwas gibt wie markante charakterliche Ausprägungen, die für die einen typisch sind, für andere nicht, ist ein Hinweis darauf, dass die Entsprechung zu dem einen oder anderen der Tierkreiszeichen besonders ausgeprägt sein kann. Diese unterscheiden sich nicht zuletzt dadurch, dass ihnen in der Astrologie je eines der vier als geistige Qualifizierungen zu verstehenden "Elemente" zugeordnet ist, die in den Menschen ihre Entsprechungen in den vier Temperamenten haben: Dem Element Feuer (das den Zeichen Widder, Löwe und Schütze zugeordnet ist) entspricht das cholerische, der Erde das melancholische, der Luft das sanguinische, dem Wasser das phlegmatische Temperament. Insgesamt verfügt die Astrologie über ein System zur psychologischen Charakterisierung der Menschen, das in seinen Differenzierungsmöglichkeiten und in seiner Allgemeinverständlichkeit unübertroffen ist, jedoch heute nicht mehr zum Allgemeinwissen gehört.

Der ganze Kosmos spiegel sich
im Mikrokosmos Mensch wider.

Auch in der Bibel sind einzelne Gestalten in ihrer charakterlichen Prägung so dargestellt, dass Astrologiekundige sofort sagen können: typisch Widder, typisch Stier usw. Beispielsweise wird die für den Schützetyp charakteristische Problematik in der Erzähleinheit vom Ritt des Sehers Bileam auf seinem Esel im 4. Buch Mose (22, 22-34) veranschaulicht. Das Bild des Tierkreiszeichens Schütze ist traditionell ein Kentaur: ein menschlicher Oberkörper mit nach rechts oben zielendem Pfeil in gespanntem Bogen in Verbindung mit einem Pferdeunterleib. Bileam ritt zielstrebig auf seinem Esel los, weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, das sei der Wille Gottes. Die Stimme des Engels des Herrn nahm er gar nicht wahr, die ihn durch das Verhalten des Esels, wie aus dem Bauch heraus, vor den Gefahren des von ihm eingeschlagenen abschüssigen Weges warnte. Vielmehr traktierte er seinen stets treuen, diesmal aber, wie er meinte, ihm nicht gehorchenden Esel mit Schlägen.

Die für den Löwetyp charakteristische Ambivalenz zeigt sich in der Gestalt des Simson im Buch der Richter (Richter 13-16). Der Name dieser von Gott zum Retter Israels berufenen strahlenden und kraftvollen Gestalt bedeutet so viel wie "Sonnenkind". Doch da Simson als ungehobelter Kraftprotz "vom Wege abbiegt" und sich in die Pose unbesiegbarer Heldenhaftigkeit hinein steigert, ohne seine Grenzen zu kennen, zerstört er sich selbst (was im biblischen Text nur erzählt, nicht kritisiert wird).

Der Apostel Petrus ist im Johannesevangelium als Widdertyp charakterisiert, der spontan und manchmal unüberlegt die Initiative ergreift. Es gehört zur Ambivalenz des Zeichens Widder, dass Petrus sich in seiner Impulsivität auch als unbeständig erwies, bis hin zur Verleugnung seiner Berufung (Johannes 18, 15-27), die ihm bei einem kühlen Bedenken der Situation gewiss nicht passiert wäre, über die er traurig wurde, als ihm sein Verhalten bewusst wurde.

Die genannten Fehlverhalten sind für den jeweiligen Menschentyp charakteristisch und zeigen, in welche Richtung eine Läuterung der in ihm angelegten Vitalität, eine "Wandlung" (vgl. Römer 12, 2) von einer lasterhaften zu einer tugendhaften Verwirklichung erfolgen muss, damit es zu einem reifen, Gott gefälligen Verhalten kommt. Dazu bedarf es aber einer eigenen Weisung, da die astrale Symbolik selbst wertneutral ist. Zur Unterscheidung von Gut und Böse muss zur "Musik des Weltalls" eine entsprechende "Musik der Meister" kommen (Hermann Hesse). Es verdient Beachtung, dass es in der christlichen Überlieferung öfters eine Zwölfzahl geistlicher Weisungen gibt: in der Mönchsregel Benedikts von Nursia etwa, im Neuen Testament besonders griffig im 1. Thessalonicherbrief (5, 14-23), auch im Römerbrief (12, 9-21). Astrologiekundige können erkennen, dass diese Weisungen nicht willkürlich ausgewählt sind, sondern in ihrer Reihenfolge den zwölf Tierkreiszeichen entsprechen. Diese stellen ihren aktuellen "Sitz im Leben" dar.

Der Verlust der astrologischen Weisheit signalisiert einen Verlust der kosmischen Dimension der christlichen Botschaft. Zu dieser gehört wesentlich eine Versöhnung des Alls durch Christus. Diese aber hat zur Voraussetzung, dass von Anfang an in der gesamten Schöpfung alles miteinander in einer inneren Beziehung steht. Wie es scheint, gibt es zu dieser Einsicht parallele Erkenntnisse, auch im naturwissenschaftlichen Weltbild, wie es sich heute entwickelt. Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. schreibt: "Es scheint mir klar, dass wir diesen kosmischen Blick zurückgewinnen müssen, wenn wir das Christentum wieder in seiner ganzen Weite verstehen und leben wollen." (Der Geist der Liturgie, Freiburg 2000, Seite 87).

Ob man Astrologie als eine Kunst individueller Persönlichkeitsdeutung akzeptiert oder, wenn nicht für Aberglauben, so doch für Unsinn hält, hängt wohl davon ab, ob man die Erfahrung gemacht hat, sich selbst im eigenen Horoskop zu erkennen. Voraussetzung solcher Astrologie ist nicht nur ein Gespür dafür, dass sich der ganze Kosmos - verdichtet in seiner astralen Konstellation - im Menschen als einem Mikrokosmos widerspiegelt. Entscheidend ist die Vorstellung, dass jeder Mensch in der Struktur seiner Persönlichkeit vom Augenblick seiner Geburt bleibend qualitativ geprägt ist und in dieser Prägung im Laufe seines Lebensweges mit immer neuen Konstellationen konfrontiert ist. Nicht, was eine Planetenkonstellation im menschlichen Leben kausalursächlich bewirkt, wird im Horoskop festgehalten, sondern, was sie anzeigt: Fähigkeiten, Grenzen und Spannungen, mit denen dieser Mensch in seinem Leben fertig werden muss, aber auch Probleme, die sich in einem bestimmten Abschnitt seines Lebens stellen.

Hier setzt astrologische Beratung an. Doch kann sie nicht vorsichtig genug sein. Die Gefahr ist groß, aus richtigen astrologischen Feststellungen in der Konkretisierung falsche Schlüsse zu ziehen. Wenn beispielsweise ein Astrologe dem Horoskop seines Klienten entnimmt, dass dieser zu einem bestimmten Zeitpunkt infolge eines Unfalls sterben werde, es dann aber nicht zum Tod kommt, hat er vielleicht die tatsächlich eingetretene Krisensituation richtig erkannt, nicht aber die (zufälligen?) konkreten Umstände, aufgrund derer es zwar nicht zum Tod, wohl aber zu einem Umbruch anderer Art im Leben des Klienten gekommen ist.

Astrologie lehrt, wie unterschiedlich Menschen sein können. Und seriöse Astrologie hat immer betont, dass der Planetenkonstellation Neigungen abzulesen sind, nicht aber Zwangsläufigkeiten: "Astra inclinant, non necessitant." Wie weit jemand in der Freiheit der Liebe und im persönlichen Umgang mit den Leidenschaften geht, ist astrologisch nicht berechenbar. Thomas von Aquin (+1274) schreibt, dass Menschen umso weniger astrologisch berechenbar seien, je weniger sie einfach bloß ihren natürlichen Leidenschaften folgten. Individualastrologie ist wohl nur sinnvoll, wenn es - vielleicht nach Einholung auch psychologisch qualifizierter astrologischer Information -dazu kommt, das eigene Horoskop wie ein Meditationsbild zu betrachten und so sich selber besser zu verstehen. Dann ist auf astrologischem Weg, der freilich nicht der einzige ist, auch die Voraussetzung dafür gegeben, die Angebote geistlicher Weisung - gerade auch in der Bibel - für sich selbst und vielleicht auch beratend für andere fruchtbar zu machen.

Literatur:

Gerhard Voss: Astrologie christlich. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1996 (4. Auflage 2003), 166 Seiten. Euro 12, 90

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

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