zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Schafe unter Wölfen

Der Westen ignoriert die weltweite Verfolgung von Christen

Reinhard Backes

In fünfzig Ländern werden die Grundrechte von Christinnen und Christen verletzt. Zu ihnen gehören der Irak und Pakistan. Der Bonner Publizist Reinhard Backes gibt einen Überblick.

nter Polizeischutz: Gottesdienst für die Opfer von Anschlägen auf christliche Kirchen in Pakistan 2002. (Foto: dpa/picture-alliance/Arif Ali)
nter Polizeischutz: Gottesdienst für die Opfer von Anschlägen auf christliche Kirchen in Pakistan 2002. (Foto: dpa/picture-alliance/Arif Ali)

Zerstörte Häuser, niedergebrannte Kirchen, vertriebene, vergewaltigte und ermordete Frauen und Männer - Christen werden in vielen Ländern der Erde verfolgt. So ist für Millionen Menschen das Bekenntnis zu Jesus von Nazareth mit massiven Nachteilen verbunden: Sie sind Bürger zweiter Klasse, denen die Ausübung ihres Glaubens und andere Grundrechte verwehrt bleiben. Wurden in Zeiten des Ost-West-Konflikts Christen vor allem in kommunistischen Staaten drangsaliert, droht dieses Los heute vor allem in muslimisch geprägten Ländern sowie in solchen, die den Kommunismus nur teilweise oder gar nicht hinter sich gelassen haben, sowie dort, wo Einparteiensysteme - welcher Couleur auch immer - herrschen.

"Open Doors", eine überkonfessionelle Hilfsorganisation, veröffentlicht regelmäßig eine Liste von Ländern, in denen Christen bedrängt, unterdrückt und verfolgt werden. Im vergangenen Jahr standen Nordkorea, Saudi-Arabien, der Iran, die Malediven, Bhutan, Jemen, Afghanistan, Laos, Usbekistan und China auf dem "Weltverfolgungsindex" an oberster Stelle. In weiteren 17 Ländern wurden und werden Christen erheblich in ihren Grundrechten beschränkt, unter anderem in Indien, im Iran, in Teilen Nigerias, in Pakistan und der Türkei. Insgesamt umfasst die Übersicht fünfzig Staaten, in denen Christi Wort, "ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe", für Christen Alltag ist.

Vertreter des internationalen katholischen Hilfswerks "Kirche in Not"“ haben im Oktober 2008 bei der Präsentation ihres Jahresberichts "Religionsfreiheit weltweit" darauf hingewiesen, dass vor allem Christen die Ausübung ihrer Religion verwehrt wird. Obwohl sich die 192 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen verpflichtet haben, alle in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 enthaltenen Grundrechte zu achten, sind viele Länder offenbar nicht bereit, die in Artikel 18 zugesicherte Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit auch tatsächlich zu garantieren.

Dass es um die nahezu in allen Verfassungen verbürgten Menschenrechte nicht zum Besten steht, ist hinlänglich bekannt. Auffällig ist dabei, dass in Deutschland wie in zahlreichen anderen demokratischen Gesellschaften der bei Menschenrechtsverletzungen übliche Protest dann ausbleibt, wenn die Religionsfreiheit von Christen bedroht wird. Während die Übergriffe chinesischer Polizisten und Soldaten auf buddhistische Mönche in Tibet im vergangenen Sommer - zu Recht - für breite Empörung sorgten, prangerten im selben Jahr nur wenige den unaufhaltsamen Exodus von Christen im Irak an oder verurteilten die Übergriffe auf Christen in Nigeria im Februar und in Indien im Oktober.

Zunehmende Diskriminierung

Mehr als zwei der sechs Milliarden Menschen, die auf der Welt leben, sind Christen, 1,2 Milliarden Muslime. Die Zahl der Hindus liegt bei 828 Millionen, die der Buddhisten bei 364. Der Glaube ist also eine Realität, auch wenn das in den westlichen Gesellschaften manche nicht sehen wollen oder gar ablehnen. Erst seit wenigen Jahren nimmt die breitere Öffentlichkeit wahr, dass Menschen wegen ihres Glaubens benachteiligt, verfolgt und getötet werden. Und in Deutschland wird erst seit einiger Zeit richtig zur Kenntnis genommen, dass vor allem Christen betroffen sind. Nach Angaben der evangelikalen Nachrichtenagentur "idea" werden weltweit rund 200 Millionen Christen diskriminiert oder verfolgt. Dennoch wird dieses Unrecht in überregionalen Me­dien nur ab und zu erwähnt und von Politiker eher selten beim Namen genannt.

Dabei stehen gerade demokratische Staaten in der Verantwortung, weil sie sich nach zwei Weltkriegen, der Herrschaft zweier totalitärer Regime und der Auslöschung ganzer Volksgruppen den Anspruch erheben, weltweit für die Grundrechte einzutreten. Und zu ihnen gehört die Religionsfreiheit. Die westlichen Staaten verfügen dabei über die Ressourcen, Menschenrechte einzufordern und zu verteidigen. Und - sie verantworten eine Wirtschaftsordnung, die zu Konflikten beiträgt.

                Christen als Zielscheibe von Extremisten,
              die damit die eigenen Eliten unter Druck setzen wollen.

Wäre die Weltbevölkerung ein Dorf mit tausend Einwohnern, so kämen sechshundert aus Asien, 138 aus Europa, 118 aus Afrika, 85 aus Lateinamerika, 53 aus Nordamerika, fünf aus Australien und Ozeanien. Und dreihundert der tausend Dorfbewohner wären Christen, darunter 180 Katholiken. Führt man diesen Vergleich fort, dann sind achthundert Dorfbewohner arm. Sie haben eine gelbe, braune oder schwarze Hautfarbe. Zweihundert sind dagegen Weiße. Mehr als siebenhundert Dörfler haben nicht immer genug zu essen, ihnen fehlt eine feste Bleibe, ihre Ausbildung ist ungenügend und sie haben keine Arbeit, die ein Leben in Würde sichert. 160 Menschen, darunter 155 Weiße, verfügen über die Hälfte des Einkommens aller Bewohner. Die andere Hälfte gehört den restlichen 840 Personen. Und - viele der im Dorf lebenden Christen sind reich.

Dass solche Verhältnisse Spannungen, auch religiöse Konflikte produzieren, wundert nicht. Was Christen für ihren Glauben erdulden müssen, lässt sich gut anhand konkreter Beispiele, Irak und Pakistan, zeigen. Gerade in diesen Ländern sind sie zur Zielscheibe von Extremisten geworden, die christliche Minderheiten als fünfte Kolonne des Westens denunzieren, um so die eigenen Eliten unter Druck zu setzen.

Situation der Christen unter Saddam Hussein besser als heute

So sehen sich Christen im Irak seit den Neunzigerjahren einem erhöhten Druck ausgesetzt. Mit dem Einmarsch der US-Truppen vor sechs Jahren hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Herrschte unter der Diktatur Saddam Husseins - der bis in die Neunzigerjahre als Gegenspieler des Iran von den USA und Europa militärisch und politisch unterstützt wurde - noch eine gewisse religiöse Toleranz, ist mit seinem Sturz eine Islamisierung in Gang gekommen, die Andersgläubigen wenig Raum gewährt. Viele Christen sind in den Norden des Landes geflüchtet oder gehen in die Emigration.
Unter Saddam Hussein wurden seit den Siebzigerjahren schätzungsweise mehr als eine Millionen Menschen umgebracht, vor allem Schiiten, Kurden und - auch assyrische Christen. So bombardierte die Armee 1988 bei den Giftgasangriffen auf die Kurden auch christliche Dörfer im Grenzraum zur Türkei. Aber diese Übergriffe waren nicht religiös motiviert, sondern politisch. Saddam Hussein hatte die Christen den Muslimen gleichgestellt und die wichtigsten christlichen Kirchen als juristische Personen anerkannt.

Wie zwiespältig die Situation der Christen im Irak gegenwärtig ist, verdeutlicht Otmar Oehring, Menschenrechtsbeauftragter des internationalen katholischen Hilfswerks "Missio" in Aachen. Er weist darauf hin, dass Flüchtlinge "übereinstimmend berichten, dass sich die Lage verschlechtert. Je kleiner die christlichen Gruppen werden, desto angreifbarer werden sie. Lange galt der Nord-Irak als relativ sicher. Doch leider hat sich die Gewalt in den Norden verlagert. Die meisten Flüchtlinge kommen nicht mehr aus Bagdad, wo es ohnehin nur mehr wenige Christen zu geben scheint, sondern aus Mossul" (siehe auch zz 8/08). Nach den Worten des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber ist der "geplante Siegeszug der Freiheit" für die Christen im Irak "zu einem leidvollen Kreuzweg“ geworden". Seit Kriegsbeginn habe die Hälfte der etwa 1,5 Millionen Christen das Land verlassen. Für den Bischof ist es "auf beklemmende Weise grotesk"“, dass die Christen "unter der Herrschaft des Diktators Saddam Hussein besser lebten als unter dem Protektorat der amerikanischen Schutzmacht".

Und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann warnt: "Angewachsen ist in den letzten Jahren vor allem die Bedrohung von Kirchen und Christen in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich ein erstarkender religiöser Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalismen haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, sodass Christen oftmals durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern niederen Ranges herabgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden."

Diskriminierende Gesetzgebung in Pakistan

Das trifft insbesondere auf die Islamische Republik Pakistan zu: Christen dürfen dort ihre Religion zwar laut Verfassung frei ausüben. Doch die Verfassungswirklichkeit sieht anders aus. Christen wie Angehörige anderer nichtislamischer Religionen sind der Willkür der Behörden wie der Gewalt ihrer Mitbürger schutzlos ausgesetzt. Gravierende Einschränkungen sind durch das "Blasphemiegesetz", den "Hudud"-Erlass, die Familiengesetze, das Gesetz zur Beweiskraft von Zeugenaussagen sowie das "Qisas"“- und das "Diyat"“-Gesetz erfolgt. Die "Beschmutzung des Koran" und "abfällige Äußerungen gegenüber dem Propheten" wurden 1985 und 1991 als Straftatbestände eingeführt. Nur zwei erwachsene Muslime mit untadeliger Lebensführung dürfen solche Fälle vor Gericht bezeugen. Und dem Tribunal steht immer ein Moslem vor. Die der Blasphemie Angeklagten, zumeist Christen, werden von fanatischen Muslimen nicht selten bereits im Polizeigewahrsam ermordet, manchmal auch im Gerichtssaal.

Auch der Hudud-Erlass von 1979, der Diebstahl, Trunkenheit, Ehebruch, Vergewaltigung und falsche Zeugenaussage regelt, degradiert Christen zu Bürgern zweiter Klasse. Denn Aussagen von Frauen wie von Nichtmuslimen sind vor Gericht nicht von Belang. Es ist folglich ein Leichtes, eine Frau, die dem Islam nicht angehört, wahrheitswidrig des Ehebruchs zu beschuldigen. Ebenso wenig Schutz bieten die Familiengesetze christlichen Frauen: Wird eine verheiratete Christin entführt und gezwungen, zum Islam überzutreten, ist ihre christliche Ehe vor dem Gesetz ungültig.

Benachteiligt werden Nichtmuslime auch durch das "Qisas-" und "Diyat-"Gesetz. Es legt die Bestrafung und Entschädigung bei Körperverletzung, Tötung oder Mord fest. Qisas bedeutet Vergeltung von Gleichem mit Gleichem, diya Blutgeld, also die Entschädigung bei nichtvorsätzlicher Tötung. Wer sich nicht zum Islam bekennt, erhält zwar die selbe Strafe wie Muslime, aber eine geringere Entschädigung. Und Aussagen von Christen werden im Verfahren nur anerkannt, wenn der oder die Angeklagte ebenfalls ein Christ ist. Die für eine verletzte oder getötete Frau zu zahlende Entschädigungssumme ist nur halb so hoch wie die für einen Mann. Das Strafmaß ist hingegen für beide Geschlechter gleich. Analog erhalten Christen eine geringere Entschädigung als Muslime, aber die selben Strafen. Frauen stehen rechtlich unter dem Mann. Wird zum Beispiel eine Frau entführt oder vergewaltigt, muss sie mindestens eine zweite Zeugin finden, die gegen den Schuldigen aussagt; kann sie dies nicht, ist ihre Aussage nicht von Belang.

                Nichtmuslime als Bürger zweiter Klasse

Die EKD fordert nach Worten ihres Auslandsbischof Martin Schindehütte, dass "die Bundesregierung auf die Regierungen der entsprechenden Länder einwirkt."“ Und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der die Kommission Weltkirche der römisch-katholischen Bischofskonferenz leitet, fordert Deutschlands Christen, die "in gesicherter Freiheit leben, auf, den eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern, die um des Glaubens willen bedrängt werden, zur Seite zu stehen."

Lesen Sie auch

Thomas Krapf: Kehrtwende in Berlin. Die Christen im Irak stehen vor dem Ende. Zeitzeichen 10/08.

Erschienen in zeitzeichen 02/2009.

 

Auch unterwegs

Zeitzeichen

für Smartphones

und Tablets

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen, oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeheft.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Exklusiv für unsere Abonnenten

10 % bei Einkäufen
im chrismonshop