zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Calvin der Milde

Leben und Werk - eine Annäherung an den Genfer Reformator

Klaas Huizing

Calvins Ideal war die Milde -doch sein Charakter und sein Temperament erlaubten ihm nicht immer, ihr zu folgen. Er selbst beschrieb sich als schüchtern und zaghaft, andere wissen von seinen dunklen Seiten zu berichten. Der Würzburger Theologieprofessor und Schriftsteller Klaas Huizing über das Leben des Genfer Reformators.

Portraits der Reformatoren Johannes Calvin und Martin Luther. (Foto: akg-images)
Portraits der Reformatoren Johannes Calvin und Martin Luther. (Foto: akg-images)

Beachten Sie einen Versuch in der Kunst des Gesichter-Lesens, bitte! Die Physiognomie eines Gesichts verrät viel. Vielleicht alles. Schauen Sie also in diese beiden Gesichter:

Auf beinahe allen Porträts, die es von Johannes Calvin gibt, trägt er immer diese Mütze mit den angenähten Ohrenschützern und Ohrenwärmern - ein sehr schlichtes Gelehrtenbarett. Es unterstreicht bei Calvin die Schmalheit des Gesichts, das (vielleicht vom Fasten?) ausgezehrt wirkt, fröstelnd, ein wenig anorektisch, der intensive Blick der fraglos klugen Augen ist gleichermaßen leidenschaftlich und ernst, aber auch müde, eine Spur besorgt, aber auch entschlossen, die Ringe um die Augen zeugen von nächtlichen Grübeleien, die Nase verrät Unbeugsamkeit, der schmale, unsinnliche, ein wenig verbissen wirkende Mund zeigt Zähigkeit an, der spitze, das Gesicht verlängernde Bart verstärkt den Gesamteindruck: Ein Gesicht wie ein Ausrufezeichen!

Sieht so Milde aus?

Vergleicht man mit diesem Gesicht das runde, ein wenig feiste und feierfreundliche Gesicht Martin Luthers mit den einladenden Augen, wird der Abstand zwischen beiden Re­formatoren auf einen Blick sinnfällig.

Seiner Selbsteinschätzung zufolge vereinigte Calvin "Be­scheidenheit, Sanftmut und Milde", so der Biograph Bernard Cottret. Calvin nennt sich von Natur aus "schüchtern, sanft und zaghaft". Bescheidenheit ja, das zeigt das einfache, schmucklose Pastorengewand, das uneitle Barett, aber sein Gesichtsausdruck spricht eine andere Sprache: Sieht so Milde aus?

Seine Kritiker haben ihn prompt ganz anders wahrgenommen. Von Milde keine Spur. Vor allem sein Verhalten im Ketzerprozess gegen den spanischen Theologen und Arzt Michael Servet hat sein Bild nachhaltig negativ beeinflusst. Berühmt geworden ist Stefan Zweigs Buch Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt. Stilistisch brillant, präsentiert uns Zweig den Reformator als religiösen Terroristen, der während des Prozesses im Hintergrund die Fäden zieht und nicht verhindert, dass die Verbrennung bei vollem Bewusstsein angewandt wird. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist die dunkle Seite Calvins. Und doch war er, vertieft man sich in seinen Lebenslauf, ein Anwalt der Milde.

Geboren wird Calvin als Jean Cauvin am 10. Juli 1509 in Noyon in der Picardie. Sein Vater ist ein klassischer Aufsteiger, macht eine imposante Juristenkarriere im Dienste des Bischofs und des örtlichen Klerus. Die enge Beziehung zum Bischof zahlt sich auch für Johannes und seine Geschwister aus, die zusammen mit den Kindern der Familie der Montmorts, Verwandten der Bischofsfamilie, erzogen werden. Jo­hannes hat drei Brüder und zwei Schwestern: Charles, der Priester wird, aber exkommuniziert 1537 stirbt, François, der das Kindesalter nicht überlebt, und Antoine, er folgt später mit Marie, einer der zwei Schwestern, Johannes nach Genf.

Einerseits lernt Johannes durch die Vermittlung seines Vaters den Umgang mit Aristokraten, andererseits wird er durch seine Mutter Jeanne Le Franc sehr früh, wenn auch nur für wenige Jahre, mit einer durch Exerzitien geprägten Frömmigkeit vertraut gemacht. Lebensklug verschafft der Vater seinem zwölfjährigen Sohn die finanzielle Absicherung für ein Studium durch eine nur formelle Anstellung als Kaplan (wahrscheinlich empfängt Calvin in diesem Alter auch die Tonsur), achtzehnjährig wird er außerdem zu einem Parochialgeistlichen in der Diözese ernannt. Die Mittel aus den Pfründen reichen als finanzielle Basis für das Studium.

    Nachdruck auf persönlicher Religiösität
    und innerer Nachfolge Jesu Christi

Nach dem Besuch des Collège des Capettes in seiner Heimatstadt begibt sich Johannes Calvin 1521 oder 1523 (die Biographen sind hier nicht ganz entschieden) nach Paris und studiert zunächst am Collège de La Marche Juristerei. Geleitet wird diese Anstalt von Mathurin Cordier. Dieser orientiert sich in seinen pädagogischen Bemühungen an den Idealen der devotio moderna, einem christlichen Humanismus, der sehr viel Nachdruck auf persönliche Religiosität und die innere Nachfolge Jesu Christi legt. Die devotio moderna bietet im Frankreich jener Jahre eine attraktive Alternative zur vorherrschenden oberflächlichen katholischen Kirchenfrömmigkeit.

Nur drei prägende Monate verbringt Calvin an dieser Anstalt, dann kommt er durch die Vermittlung adliger Freunde auf das Collège de Montaingu, eine berühmte Institution, an der auch der große Humanist Erasmus studiert hat. In dieser Anstalt werden die Frömmigkeitsformen der devotio moderna auf das Ideal von Armut und Mystik reduziert; es herrscht gleichzeitig ein strenges, sehr rigides Zucht- und Prügel-Regiment.

Calvin allerdings arrangiert sich - vielleicht, weil er als Aufsteiger-Sohn nicht ohne Stolz Schüler dieser Anstalt ist - mit den unbequemen Zuständen. Er hat Sitzfleisch und unterstellt sich offensichtlich ohne große Anstrengung einer autoritären Obrigkeit. Und er ist bildungshungrig. Diese Kombination macht ihn für die Mitschüler offenbar nicht sympathisch. Sein von den anderen Zöglingen verliehener Spitzname „Accusativus“ (eine Verballhornung von Akkusativ und Anschuldigung: accusatio) spricht Bände: Offensichtlich gilt Johannes als Streber, der andere bei den Lehrern anschwärzt.

Nach fünf Jahren erwirbt Calvin ein Lizentiat. Überraschend beginnt er 1528 aber nicht mit einem Studium der Theologie, sondern - auf plötzliche Anweisung seines Vaters hin, der sich der Protektion der Bischofsfamilie nicht mehr sicher sein kann - mit dem Studium der Rechte in Orléans. Calvin ist ein begeisterter Student, lernt nächtelang, lässt Mahlzeiten aus (in späteren Lebensphasen wird er nur noch eine Mahlzeit täglich zu sich nehmen), memoriert in den frühen Morgenstunden, was er nächtens studiert hat. Nach wenigen Monaten bietet man ihm bereits an, Unterricht zu erteilen.

Nach den Sommerferien studiert Calvin in Bourges, wahrscheinlich, weil er dort Vorlesungen bei dem aus Mailand stammenden Juristen Andrea Alciati hören will. Hier erreicht ihn die Nachricht von der schweren Erkrankung seines Vaters. Er eilt nach Noyon zurück und trifft auf einen todkranken Vater, dem die Kirche die Sterbesakramente verweigert.

Richtungswechsel in Paris

Der Tod des Vaters am 26. Mai 1531 bedeutet für Calvin einen großen biografischen Einschnitt. Er ist nicht länger an die Berufsplanung seines Vaters gebunden, die Erbschaft erlaubt ihm die freie Wahl seines Studienortes und seines Studienfachs. Calvin zieht deshalb nach Paris. Er studiert zwar weiterhin Jura, wendet sich aber verstärkt literarischen und philosophischen Studien zu. Calvin schreibt sich bei einer neuen Einrichtung ein, einer dreisprachigen Schule, aus der später das Collège de France hervorgehen wird. Er verbessert sein Griechisch, lernt Hebräisch und beendet im Winter 1531/32 seinen Kommentar zu Senecas De Clementia. 

Bereits in diesem frühen Text zeigt er sich als Meister der humanistischen Philologie. Die Beschäftigung mit den Stoikern und Senecas Leitbegriff der Milde werden ihn lebenslang begleiten. Gibt dieser Text noch keinen eindeutigen Hinweis auf Calvins Hinwendung zu den Evangelischen, so dürfte sein Entschluss etwa auf Allerheiligen 1533 zu datieren sein. Im Mai 1534 gibt er die Pfründe zurück, im Januar 1535 treffen wir Calvin unter dem Decknamen Martianus Lucianus in Basel an.

Hier findet er die Muße, an zwei Veröffentlichungen zu schreiben. Er publiziert ein Vorwort zur Bibelübersetzung seines Vetters Olivétan und er beendet seine erste Fassung der Institutio christianae religionis (1536). Es ist, genauer: wird sein Opus Magnum, das er immer wieder bearbeiten und neu arrangieren wird.

Durch die Kriegswirren landet Calvin auf einer Reise eher zufällig in Genf. Dort beschwört ihn der Führer der Reformation, Guillaume Farel, zu bleiben. Offenbar hat sich das große Talent Calvins herumgesprochen. Calvin geht mit sehr viel Energie an die gewaltige Aufgabe, eine neue Kirchenorganisation zu schaffen. Er entwirft vier Artikel, die dem Magistrat der Stadt vorgelegt werden: monatliche Abendmahlsfeier, Einführung der Psalmen in die Liturgie, Einführung eines Kinderkatechismus und eine Reform des Eherechts. Weil der Magistrat das Abendmahl nach dem Berner Brauch auf eine vierteljährliche Austeilung herunterhandelt, verlangt Calvin im Gegenzug das Recht auf Exkommunikation. Der Magistrat fürchtet sich vor einem Machtverlust, würde man der Kirche eine eigenständige Jurisdiktionsgewalt zuerkennen.

Calvin kann sich nicht in allem durchsetzen

An anderer Stelle überzieht Calvin ebenfalls. Sein mit Farel ausgearbeitetes Glaubensbekenntnis soll von allen Genfer Bürgern unterzeichnet werden. Zahlreiche Genfer Bürger verweigern die Unterschrift, entweder, weil sie noch nominell der katholischen Kirche angehören wollen, oder weil sie die soeben gewonnene christliche Freiheit nicht durch eine Unterschrift unter ein neues Glaubensbekenntnis einschränken wollen.

Calvin kann sich nicht durchsetzen und wird zudem durch den Angriff eines Lausanner Pfarrers, Pierre Caroli, ge­schwächt, der ihm auf dem so genannten "Lausanner Disput" (1536) vorhält, nicht wirklich trinitarisch zu denken.
Gleichzeitig eskaliert der Streit mit dem Magistrat. Dieser entscheidet, dass auch denjenigen Bürgern, die das Glaubensbekenntnis nicht unterschrieben haben, das Abendmahl ausgeteilt werden müsse. Weil der Magistrat außerdem liturgische Gebräuche aus Bern (Benutzung des Taufbeckens und Verwendung von Hostien) übernimmt, protestieren Calvin und Farel. Der Magistrat erlässt prompt ein Predigtverbot, Calvin und Farel setzen sich darüber hinweg. Der Magistrat reagiert sehr entschieden und verweist beide der Stadt.

Calvin, der sich eigentlich seinen Studien widmen will, wird von dem Reformator Bucer aufgefordert, in Straßburg, das 1529 die Reformation vollzogen hat, Verantwortung zu übernehmen. Hier - die Stadt zählt damals 20000 Einwohner - ist alles anders. Die französischen Exilanten bilden eine feste Gemeinschaft, und man geht sehr brüderlich miteinander um: Die Gemeinde ist berühmt für ihre Ge­sangskunst, Calvin führt einen Haushalt mit vielen jüngeren Studenten, die vom Autor der Institutio begeistert sind. Er ist Pastor einer französischen Gemeinde und zugleich Professor für Exegese an der soeben eröffneten Hochschule. Glückliche Jahre also.

In die Straßburger Zeit fällt auch Calvins Heirat. Sehr romantisch ist die Geschichte der Eheanbahnung nicht. Man hat eher den Eindruck, Calvin könne nicht anders, als auch an seiner Person zu demonstrieren, wie unsinnig das Zölibat sei. Die Wahl fällt auf die Witwe Idelette de Bure. Bereits 1549 stirbt sie. Keines der Kinder, die sie auf die Welt brachte, überlebt das Säuglingsalter. Nach dem Tod seiner Frau verzichtet Calvin auf künftige Ehefreuden.

Calvins Weggang aus Genf hat nicht zu einer Befriedung der Stadt beigetragen. Calvin wird zurückgerufen, er kehrt im September 1541, nicht eben fröhlich, nach Genf zurück. Durchaus konsequent startet Calvin mit der Erarbeitung einer Kirchenordnung (1541), die mit dem Rat der Stadt abgesprochen werden muss, der sich in langwierigen Verhandlungen Rechte bei der Exkommunikation und der No­minierung der Pastoren sichert. Calvin schreibt einen Katechismus und führt 1543 den Psalter ein.

Der Reformator zieht im Hintergrund die Fäden

Dann kommen die Krisen. Und Calvin macht nicht im­mer eine gute Figur. In diesen Jahren ist Calvin zudem intensiv damit beschäftigt, sich abzugrenzen. Vor allem gegen sei­ne Lehre von der doppelten Prädestination, die besagt, Gott habe bereits vor der Schöpfung entschieden, welcher Mensch erwählt und welcher verworfen werde, erheben sich große Widersprüche. Die Vorwürfe des ehemaligen Karmelitermönchs Bolsec setzen ihm schwer zu. Bolsec widerspricht Calvin an zentraler Stelle: Die Lehre von der doppelten Prädestination mache Gott zum Urheber der Sünden und damit zum Schuldigen für die Verdammung der Bösen. Kurz: Calvins Gott sei ein Tyrann.

Kommt Bolsec noch mit der Verbannung davon, wird Michael Servet, der sich sehr entschieden gegen die Trinitätslehre, gegen die Erbsünde und die Kindstaufe wendet, auf den Scheiterhaufen ge­schickt. Im Hintergrund zieht Calvin die Fäden. Der Reformator, der auch in seiner berüchtigten Kirchenzucht an entscheidender Stelle im­mer wieder für Milde plädiert, verrät an dieser Stelle seine eigene Überzeugung.

Jetzt ist Calvin auf dem Höhepunkt der Macht. Ihm bleiben wenige Jahre. Calvin nimmt frühzeitig (1548) Kontakt zu den Anglikanern auf, und er macht Re­formvorschläge zur Restrukturierung der Kirche. In den Niederlanden, Dänemark, Schottland und Norddeutschland bilden sich reformierte Ge­meinden. Die Eroberung der Neuen Welt wird weitgehend den englischen Puritanern überlassen, die auch die Institutio im Gepäck mit sich führen. 1555 wird in Paris eine reformierte Kirche gegründet, 1559 tagt im Mai, nach der desaströsen Niederlage der Franzosen gegen die Spanier bei St. Quentin (August 1557) und dem Friedensvertrag im April, die erste Nationalsynode.

Schwierig gestaltet sich die Einigung der reformierten Kirchen. Calvin verhandelt intensiv mit dem Züricher Reformator Heinrich Bullinger, dem Nachfolger Ulrich Zwinglis. Die Verhandlungen erstrecken sich über zehn Jahre. Im so genannten "Consensus Tigurinus" von 1549 kommt es zu einer sehr vorsichtigen Einigung in der Abendmahlsfrage.

Noch schwieriger ist die Annäherung an die Lutheraner. Deren Stimmführer ist der Hamburger Pastor Joachim Westphal - auf ihn geht übrigens auch der Begriff "Calvinismus" zurück. Er wendet sich gegen den Consensus und verschärft die Polemik in der Abendmahlsfrage. Die Wogen schlagen, auch sprachlich, sehr hoch. Man wirft sich viele Freundlichkeiten an den Kopf. Calvin verteidigt sich mehrfach, bietet Gespräche an, die ausgeschlagen werden. Zu einer Annäherung kommt es letztlich nicht.

Bereits 1555 verschlechtert sich Cal­vins Gesundheitszustand. Trotz­dem ge­­lingt es ihm noch in einem großen Kraft­akt, die Akademie zu gründen (1559). Zu den Migräne­anfällen kommen eine Rippenfellentzündung, Wech­­selfieber, quälende Hämorrhoiden, er spuckt Blut, und man diagnostiziert eine Lungentuberkulose. Dazu kommen Nierenkoliken, er ringt mit einem haselnussgroßen Nierenstein. Am 27. Mai 1564 stirbt Calvin.

LITERATUR:

Klaas Huising: Johannes Calvin - und was vom Reformator übrig bleibt. Chrismon Verlag, Frankfurt am Main 2008, 160 Seiten, Euro 9,90.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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