zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Entängstigung

Calvin neu gelesen

Jörg Schmidt

Huizing stellt uns Calvin als Vergessenen, als Streber und Bekehrten, als Reformer, Organisator, und Glaubensarchitekten, Advocatus Dei, Züchtigen und schließlich: den Fruchtbaren vor. Eine wissenschaftlich verantwortete Biographie, erzählt mit flotter Schreibe, aufblitzender Ironie und Leichtigkeit.

Es sind mehrere Faktoren, die dieses Buch des Würzburger Theologie­pro­fessoren Klaas Huizing lesenswert machen. Auf zwei sei vorab hingewiesen. Zunächst: Huizing kann erzählen. Es kommt dem Buch zugute, dass hier ein Autor am Werk ist, der erfolgreich diverse Romane veröffentlicht hat. Für eine wissenschaftlich verantwortete Bio­graphie, in der es um Leben und Werk eines auf den ersten Blick eher spröden und dazu noch weithin unbekannten Theologen geht, sind flotte Schreibe, aufblitzende Ironie und Leichtigkeit nicht selbstverständlich. Es macht Spaß, wie er Theologie ins Erzählen auflöst, sodass vor dem Hintergrund von Calvins Biographie, die theologischen Grundentscheidungen verständlich erscheinen.

Das andere: Der "gelernte holländische Calvinist", so die Selbstbeschreibung Huizings, muss sich nicht abstrakt mit den gängigen Vorurteilen über Calvin auseinandersetzen. Sie sind in ihm biographisch verankert: die Folgen der Kirchenzucht und der Lehre von der doppelten Prädestination genauso wie die der Sonntagsheiligung und des Bilderverbots. Durch diesen subjektiv verankerten Zugang gelingt es ihm, Leben und Werk Calvins perspektivisch auf das zu fokussieren, " ... was vom Reformator übrig bleibt". Und das ist eine Menge.

Huizing stellt uns Calvin als Vergessenen, als Streber und Bekehrten, als Reformer, Organisator, und Glaubensarchitekten, Advocatus Dei, Züchtigen und schließlich: den Fruchtbaren vor. So die Kapitelüberschriften. Auf diesem Weg wird manches - mir jedenfalls- neu verständlich. Etwa der Versuch, ­Calvin auf dem Hintergrund der Stoa zu verstehen.

Anderes wird zurecht gerückt - die Beschreibung des damaligen Genf etwa: keineswegs ein "Gottesstaat" unter dem Regime Calvins, sondern eine gefährdete, wachsende, nach Stabilität suchende Gemeinde in einer durch evangelische Flüchtlinge schier unvorstellbar wachsenden Stadt. Von etwa 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern wuchs die Stadt zur Zeit Calvins auf etwa 17.000 bis 19.000 an!

Auch Problematisches kommt auf den Tisch: Nicht nur als befürwortend Beteiligter am Todesurteil Michel Servets bleibt Calvin dem Mittelalter verhaftet. Wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass Stefan Zweigs Buch Castellio gegen Calvin nicht so viel Raum bekommen hätte. Schließlich handelt es sich nicht um einen historischen Calvin-Roman, sondern um ein Buch gegen Hitler.

Huizing macht aber - mit Hilfe von Transformierungen - auch deutlich, wie weit Calvin über das Mittelalter hinaus weist: Die gescholtene Kirchenzucht etwa interpretiert er als ein Bemühen um mehr Transparenz, als gestaltendes Element einer Entwicklung hin zu einem demokratischen Staat. Die Vorsehung Gottes, die Lehre von der doppelten Prädestination, verbindet sich für ihn mit dem Begriff "Entängstigung". Der eröffnet eine Perspektive, die als Auftrag für die kirchliche Verkündigung bis in unsere Tage weist. Auch hier verweist Huizing auf die Prägung Calvins durch die Stoa. Doch auch die zahlreichen Briefe, die Calvin an verfolgte und in ihrem Leben bedrohte Christenmenschen in ganz Europa geschrieben hat, belegen, wie sehr ihm "Entängstigung" am Herzen lag. In ihnen wird das Bewusstsein, der einen weltweiten (katholischen) Kirche Jesu Christi anzugehören, das "Erwähltsein" Trost und Hoffnung. Ein Aspekt, den der Autor leider außen vor lässt.

Insgesamt: Ein lohnendes, verständlich und lesbar geschriebenes Buch über Calvin, dessen Neuentdeckung durch Huizing Lust macht, es ihm gleichzutun.

Klaas Huizing: Johannes Calvin - und was vom Reformator übrig bleibt. Christmon Verlag, Frankfurt am Main 2008, 160 Seiten, Euro 9,90.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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