zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Herrschaft ohne Blutvergießen

Theologie im Anthropozän - die Entdeckung der Ökologie im Reden von Gott

Klaus Breyer

Lange wurde im Abendland eine naturvergessene Theologie gepflegt. Die ökologisch-technologische Krise lässt diese obsolet erscheinen. Stattdessen stärkt eine sorgsame Sichtung der biblischen Befunde den achtsamen Umgang mit der Natur, wie der Theologe und westfälische Umweltbeauftragte Klaus Breyer anmerkt.

Genesis: Buchmalerei, Bible de Souvigny, 12. Jahrhundert. (Foto:akg/Erich Lessing)
Genesis: Buchmalerei, Bible de Souvigny, 12. Jahrhundert. (Foto:akg/Erich Lessing)

Hat die Welt, in der wir leben, Bestand? Auf welche Zukunft steuern wir zu? Welche Rolle, welche Verantwortung hat der Mensch? Das waren neuartige existenzielle Fragen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufgeworfen wurden, ausgelöst durch eine ökologisch-technologische Krise, für die damals die Stichwörter "Tschernobyl", "Waldsterben" und "Ozonloch" standen. Die Gefährdung des Menschen durch die Natur hatte sich in eine Bedrohung der Natur durch den Menschen gewandelt und damit zu einer Gefährdung menschlicher Lebensgrundlagen nie gekannten Ausmaßes. Vor diesem Hintergrund lichtete sich der Nebel Naturvergessenheit, der tief in der abendländischen Theologie wurzelt.

Bereits im 12. Jahrhundert sieht Hugo von St. Viktor im so genannten Herrschaftsauftrag des ersten Schöpfungsberichtes (1. Mose 1,28) ein Kennzeichen der ontologischen Überlegenheit des Menschen. Der Mensch sei vor die Aufgabe gestellt, seine nach dem Sündenfall verloren gegangenen Kenntnisse und Möglichkeiten wieder zu entdecken. In der Vervollkommnung eines - ethisch reflektierten - "Herrschaftswissens" sieht er eine Annäherung an die verloren gegangene Gottesebenbildlichkeit, ohne dass diese jemals wiedererlangt werden könne. Für Thomas von Aquin ist die Ausfüllung des Herrschaftsauftrags Ausdruck des dem Menschen tief eingepflanzten Strebens nach Vollendung, auch nach Vollendung der Natur.

In der Renaissance tritt ein neues Gottesbild auf den Plan. Nicht Güte und Liebe sind nunmehr das hervorstechende Merkmal der Göttlichkeit, sondern Macht. Und es ist der Mensch - effektiv der Mann -, der "Gott, dem Allmächtigen" als dessen Ebenbild auf Erden nur zu gern nacheifert. Gott zu ehren, heißt nun - mit Francis Bacon -, die "Natur auf die Folterbank" zu spannen und ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Gott wird als der völlig Transzendente, der vollkommen Andere verstanden - mit der Folge einer Doppelherrschaft, bei der auf der einen Seite ein ferner, allmächtiger Gott und auf der anderen Seite ein zunehmend selbstbewusster und machtbewusster Mensch steht.
Der cartesianische Dualismus, der die Spaltung der Welt in denkende Subjekte und zur Manipulation freigegebene Objekte der Erkenntnis bringt, passt exakt in das Weltbild des sich von den Fesseln der Natur emanzipierenden Menschen. Er versteht sich nicht mehr als Teil der Schöpfungsgemeinschaft, sondern - wie Descartes es ausdrückt - als ihr maître et possesseur, als Besitzer und Meister der Natur. Die Natur "schrumpft" nun zu einer Welt der Daten, Fakten und Dinge.
Aus der Natur als Gemeinschaft der Geschöpfe Gottes entsteht nun die Um-Welt des Menschen, mit dem Menschen als ihrem (Macht-)Zentrum. Die Natur wird zur Ressource, zum Rohstofflager, zu einem Produktionsfaktor, sie wird zur Ausbeutung freigegeben.
Zwar ist es das Verdienst der Naturwissenschaften, Gottes Schöpfung als Natur verstehen gelernt zu haben, mit unzweifelhaft großen und auch lebensdienlichen Erkenntnisgewinnen.  Doch ist Günter Altner darin zuzustimmen, dass die durch Descartes angekündigte Herrschaftsvision heute auf eine zutiefst ambivalente Weise eingelöst wird: "Einerseits sind wir zu Siegern über die Natur geworden, andererseits drohen wir, uns tot zu siegen." (in: Naturvergessenheit, 1991)

Krise der Schöpfungstheologie

Durch die sich ausweitende ökologische Krise geriet die "naturvergessene" Schöpfungstheologie selbst in die Krise. Mitte der Achtzigerjahre sieht Jürgen Moltmann ein neues Stadium im Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Theologie heraufziehen, eine Art "Notgemeinschaft in der ökologischen Krise", in deren Mittelpunkt die "Umkehr" stehe, "an der beide arbeiten müssen, wenn Mensch und Natur überleben sollen". (in: Gott in der Schöpfung, 1987) In einer Bewegung, die unter anderem vom Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung getragen wird, entstehen nun neue Schöpfungstheologien und -ethiken. Sie fördern Aspekte biblischer Überlieferung zutage, die die Aufgabe und Rolle des Menschen in der Welt in ganz neuem Licht erscheinen lassen.

Die Urgeschichte der hebräischen Bibel ist gefüllt von altem Wissen, das das Volk Israel mit vielen Völkern der antiken Welt teilt. Es ist die Grunderfahrung eines Gott verdankten - jedoch ständig gefährdeten - Lebens. Da ist einerseits die ordnende Schöpferkraft Gottes, der die Urflut teilt und aus dem Tohuwabohu allem Leben seinen Platz gibt. Da markieren andererseits Sündenfall, Vertreibung, Brudermord und Sintflut den Riss und Vertrauensbruch in der Beziehung Mensch-Gott. Es sind kollektive Erinnerungen an Einbrüche von Chaos und eskalierender Gewalt.

Im Bundesschluss unter dem Regenbogen spiegelt sich schließlich das Urvertrauen in die Liebe Gottes. Die Erde und auch die Zeit sind in Gottes Händen bis zu ihrem Ende aufbewahrt, das Gott bestimmt: "Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (1. Mose 8,22) Die biblische Überlieferung hat einen nüchternen Blick für die zerstörende Gewalt, die das Mensch-Natur-Verhältnis prägt. Dennoch oder gerade deswegen wird dem Menschen als Subjekt die Welt anvertraut - und ihm damit zugetraut, seine Interessens- und Zielkonflikte mit der Natur zu reflektieren und zu bearbeiten.

Es ist das Verdienst der ökologischen Schöpfungstheologie, zu entdecken, dass die jüdisch-christliche Tradition hierzu zahlreiche Hilfestellungen hervorgebracht hat, nämlich konfliktmindernde Regularien, die als Richtschnur und Orientierung für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur dienten. Sie sind auch im aktuellen Kontext von Be­deutung. Wenige Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Im Noahbund 1. Mose 9,2ff. wird dem Menschen zugestanden, zu jagen und zu fischen und damit in Maßen in die natürlichen Le­benszusammenhänge einzugreifen. Dabei darf er den Tieren nicht das Wichtigste rauben: das Blut, das nach altorientalischer Vorstellung der Ort der Lebenskraft ist: "Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!" (1. Mose 9,4). In unsere Zeit hinein, in der die aktuelle Rate des globalen Artensterbens die angenommene natürliche Aussterberate um das Hundert- bis Tausendfache übersteigt, spricht die biblische Botschaft eine deutliche Sprache. Nehmt den Tieren (und Pflanzen) nicht ihr "Eigentliches", nehmt ihnen nicht ihr Überleben als Art und Gattung!

Die Regelungen des Sabbats und des Sabbatjahres (2. Mose 23,10ff.; 3. Mose 25; 5. Mo­se 15,1ff.) schließen explizit die nichtmenschliche Schöpfung mit ein. Im Erlassjahr fällt alles Land an den ursprünglichen Besitzer zurück. Damit wird der Bodenspekulation und Besitzakkumulation ein Riegel vorgeschoben. Es wird daran erinnert, dass letztlich das Land nicht dem Menschen gehöre, sondern dass die "Erde des Herrn" sei (Psalm 24). Genau das, was für das Leitbild einer gerechten und umweltverträglichen Entwicklung konstitutiv ist, gibt dem Sabbattag, dem Sabbat- und dem Erlassjahr seinen Sinn. Der Leitgedanke ist: nicht das Letzte herauszuholen - weder aus den Menschen noch aus der Natur. Der Schöpfungsglaube der hebräischen Bibel ist ein Plädoyer gegen die Hybris der anthropozentrischen Maßlosigkeit und für einen achtsamen, risikoarmen Um­gang mit der Natur, im Bewusstsein um die potenzielle Fehlbarkeit menschlichen Erkennens und Handelns.

Nicht ein von Gott verliehener grenzenloser Herrschaftsauftrag, nicht die Fähigkeit zur Versklavung der Natur konstituieren somit das Menschsein. Erst die Übernahme seiner besonderen Verantwortung vor Gott und für den Fortbestand des Lebens lässt den Menschen zum Ebenbild Gottes werden. Als Haushalter Gottes ist seine Aufgabe, die Natur zu "bebauen und zu bewahren" (1. Mose 2,15). Bei Lichte betrachtet ist sogar der oft zur Legitimation von Gewaltherrschaft über die Natur herangezogene "Herrschaftsbefehl" (1. Mose 1,28) eine ökologische Utopie. Das Dominium terrae ist eine "vegetarische Herrschaft" (Jürgen Ebach) ohne Blutvergießen. Die Schöpfungserzählungen sind Glaubenszeugnisse "diesseits von Eden", im Rückblick auf die Erschaffung der Welt geben sie Hoffnungsbilder der "zukünftigen Welt, auf die hin Gott die problematische Erdenwelt erhält und trägt" (Heino Falcke).

Die messianische Orientierung des christlichen Schöpfungsglaubens bekennt sich zum Schöpfungsglauben der hebräischen Bibel aus eschatologischer Perspektive. Jürgen Moltmann beschreibt den christlichen Schöpfungsglauben als "integrierende Zusammenschau" von Gott und Natur. In der "Mitte der Zeit", mit Christi Auferstehung vom und gegen den Tod, macht Gott einen Neuanfang mit seiner Schöpfung. "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2. Korinther 5,17) In der radikal erneuerten Welt erhält auch der Auftrag an den Menschen, Gottes Haushalter zu sein, seine Erneuerung und Vertiefung. Ausgeweitet wird die eschatologische Heilsperspektive auf die gesamte Schöpfung, "denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes" (Römer 8,19ff.).

Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat,
ist eine Freiheit zu einer Selbstbegrenzung.

Die Schöpfungserzählungen der Urgeschichte halten somit nicht nur der Gegenwartswelt den Spiegel vor. Sie sind auch "Erinnerungen an die Zukunft". Wenn wir als Christen fragen, wie wir aus der Verheißung "eines neuen Himmels und einer neuen Erde" (2. Petrus 3,13) leben können, dann gehört mehr denn je das "Bebauen und Bewahren" der Paradiesgeschichte und die verantwortungsvolle Haushalterschaft des priesterschriftlichen Schöpfungsberichtes dazu.

Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat (Galater 5,1), ist eine Befreiung vom Zwang zur - letztlich aussichtslosen - Selbsterlösung auf Kosten anderer. Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, ist eine Freiheit zu einer Selbstbegrenzung, die die Würde und die Freiheit anderer Menschen, zukünftiger Generationen und die Bewahrung der Schöpfung zum Maßstab hat. Das "Anthropozän" (Paul Crutzen) ist das Zeitalter der Industriegesellschaften, es ist das Zeitalter des Homo Oeconomicus, der mit seiner Maßlosigkeit gegenüber Mensch und Natur katastrophale Spuren hinterlässt.

Wir erkennen immer deutlicher, wie sehr der Klimawandel und die Ressourcenkrise Armut verschärfen - auch in unserem Land -, weltweit Leben bedrohen, Entwicklungsmöglichkeiten untergraben und Ungerechtigkeit verstärken. So liegt der Anteil Afrikas am weltweiten CO2-Ausstoß - hier leben etwa 924 Millionen Menschen - derzeit bei gerade drei Prozent. Zum Vergleich: Allein Deutschland emittiert jährlich mit rund 82 Millionen Einwohnern annähernd gleichviel Treibhausgas. Weite Teile Afrikas haben keinen Zugang zu modernen Energien. Die Bevölkerung leidet nicht nur unter extremer materieller Armut, sondern auch unter Energiearmut.

Nun aber werden die, die nur wenig oder nichts zum Treibhauseffekt beigetragen haben, besonders hart von den Folgen des Klimawandels getroffen. Eine ausreichende Unterstützung beim Aufbau einer umweltverträglichen Energieversorgung und bei der Anpassung an den Klimawandel wird den Ländern Afrikas bisher nicht gewährt. Diese strukturelle Ungerechtigkeit verschärft nicht nur in Afrika Armut und Unterdrückung. Sie schürt im wachsenden Maße weltweit Konflikte und Migration.

Im Zentrum unserer Überlegungen zur Schöpfungstheologie und Umweltethik stehen Menschenwürde und Menschenrechte heutiger und zukünftiger Generationen. Es geht darum, so zu leben und zu arbeiten, dass alle Menschen menschenwürdig leben und arbeiten können. Dabei muss die Nutzung der Natur gerecht geregelt sein, ohne deren Übernutzung zu riskieren. Dass "kein Mensch (...) per se das Recht (hat), dem Klima mehr Schaden zuzufügen als andere" (Angela Merkel) drückt das Konzept "contraction and convergence" (Reduktion und Annäherung) aus, das innerhalb der ethischen Positionen zum Klimawandel sehr breiten Zu­spruch findet. Dahinter stehen eine schnelle und ausreichende Reduktion der Treibhausgasemissionen und eine rasche Angleichung der Emissionshöhe pro Kopf der Weltbevölkerung auf einem umweltverträglichen Niveau.

Es ist ebenso eine Forderung der Gerechtigkeit, dass die Länder, deren Wohlstandsentwicklung den Klimawandel verursacht hat, vorbildliche, klimaverträgliche Entwick­lungs­pfade einschlagen. Nach dem Verursacherprinzip sind diese Länder in der Pflicht, Entwicklungs- und Schwellenländer beim Aufbau einer umweltverträglichen Infrastruktur und bei der Anpassung an den Klimawandel finanziell und technisch zu unterstützen. Das bedeutet: Die Bedarfsgerechtigkeit der Armen hat absoluten Vorrang vor der Besitzstandwahrung der Reichen. Zurzeit müssen massive Interessensgegensätze und politische Handlungsblockaden überwunden werden, die den Kurs "Zukunftsfähigkeit" und den Aufbau einer gerechten, "postfossilen Weltgemeinschaft" behindern: Aber: "Wer über eine gerechte Weltordnung nicht reden will, muss vom Klimaschutz schweigen." (Martin Seel).


Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

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