zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Reise nach Jerusalem

Der Streit über die Homosexualität zerreißt die anglikanische Kirche

Jürgen Wandel

Ein Thema, das eine kleine Minderheit betrifft, hat in der Anglikanischen Weltgemeinschaft einen zentralen Stellenwert bekommen. Dabei werden große Unterschiede zwischen Kirchen der Ersten und der Dritten Welt deutlich. Es ist ein geeignetes Vehikel im Kampf um die Macht in der Kirche.

Die diesjährige "Lambeth-Konferenz" wurde am 20. Juli in der Kathedrale von Canterbury eröffnet. Die Bischofsversammlung der Anglikanischen Kirche tagt alle zehn Jahre. (Foto:???)
Die diesjährige "Lambeth-Konferenz" wurde am 20. Juli in der Kathedrale von Canterbury eröffnet. Die Bischofsversammlung der Anglikanischen Kirche tagt alle zehn Jahre. (Foto:???)

Marc Andrus, Bischof von Kalifornien, saß auf dem Rücksitz eines weißen Cabrios und winkte den Umstehenden zu. Und das taten auch Frauen und Männer, die dem Wagen zu Fuß folgten. Einige von ihnen waren durch ihren Priesterkragen als Geistliche zu erkennen. Manche der Demonstranten trugen Schilder mit dem Namen ihrer Kirchengemeinde oder der Aufschrift: "The Episcopal Church welcomes you" ("In der anglikanischen Kirche sind Sie willkommen"). Die Anglikanerinnen und Anglikaner nahmen an einer Demonstration der Schwulen und Lesben teil, der Christopher-Street-Day-Parade, die am 28. Juni durch die Straßen von San Francisco zog.

Marc Andrus, Ehemann und Vater zweier erwachsener Töchter, tritt wie viele anglikanische Bischöfe der USA für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in Kirche und Staat ein. Und er befindet sich im Einklang mit der übergroßen Mehrheit der Kirchenmitglieder. 70 Prozent von ihnen finden nach einer jüngst veröffentlichten Umfrage, dass Homosexualität "akzeptiert werden" sollte. Dies ist umso bemerkenswerter, als sich nur 26 Prozent der befragten Anglikaner politisch als "liberal" einstufen, was in den Vereinigten Staaten für "links" steht.

Schwule und Lesben diskriminieren und kriminalisieren will dagegen Peter Akinola, nigerianischer Erzbischof und starker Mann der Anglikaner Afrikas. Er unterstützt in seinem Land einen Gesetzesentwurf, der schon diejenigen mit fünf Jahren Gefängnis bedroht, die Homosexuelle auch nur unterstützen. Und Akinola würde die US-Kirche am liebsten aus der Anglikanischen Weltgemein­schaft ausstoßen.

Der Streit über den Umgang mit Homosexuellen beherrscht den weltweiten Zusammenschluss von 38 Kirchenprovinzen mit 77 Millionen Mitgliedern. Doch warum hat ausgerechnet ein Thema, das eine kleine Minderheit betrifft, einen so hohen Stellenwert bekommen? Es ist ein geeignetes Vehikel im Kampf um die Macht in der Kirche.

In der Frage, ob Frauen Geistliche werden dürfen, sind die anglikanischen Traditionalisten zerstritten. Die Ablehnung von homosexuellen Geistlichen und der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eint dagegen konservative Anglokatholiken und Evangelikale, reiche Weiße in der Ersten und arme Farbige in der Dritten Welt. Und die Globalisierung durch Internet und Flugzeug ermöglicht es ihnen, sich zu vernetzen und Strategien zu entwickeln, mit de­nen sie in der Anglikanischen Weltgemeinschaft Einfluss gewinnen können.

Wie beim Reichsparteitag

Ein erster Erfolg zeigte sich 1998 bei der Lambeth-Konferenz, dem Treffen der anglikanischen Bischöfe aus aller Welt, das alle zehn Jahre im englischen Canterbury stattfindet. In einer Atmosphäre, die den englischen Bischof Peter Selby an einen Reichsparteitag ("Nuremberg Rally") erinnerte, beschloss die Bischofsversammlung mit 526 gegen 70 Stimmen bei 45 Enthaltungen, gelebte Homosexualität sei "unvereinbar mit der Heiligen Schrift". Und daher sei es auch "nicht ratsam", die Segnung homosexueller Partnerschaften zu erlauben und "diejenigen zu ordinieren, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen" leben.
"Sieg", schrien viele afrikanische ­Bischöfe nach der Abstimmung und schlugen einander auf die Schulter. Was sie übersahen und was sie bis heute frustriert: Lambeth-Konferenzen können nur Empfehlungen aussprechen. Schließlich gehören ihr ausschließlich Bischöfinnen und Bischöfe an. Doch in der anglikanischen Kirche haben Laien immer ein entscheidendes Wort mitgeredet, vom englischen Monarchen über das Parlament in Westminster bis zu regionalen und nationalen Synoden. Außerdem sind bei den Anglikanern die einzelnen Landeskirchen selbstständig, wie das auch in den anderen Konfessionen der Fall ist, die sich in der Reformationszeit vom Papst lösten.

Ihre Autonomie und die Leitung durch demokratisch gewählte Synoden und Bischöfinnen und Bischöfe sind ­gerade den US-Anglikanern wichtig. Schließlich hatten sie nach der amerikanischen Revolution von 1776 die Kirchenleitung durch den König im fernen London abgeschüttelt.
Besonders ausgeprägt ist der Wille, über die eigenen Angelegenheiten selbst zu bestimmen, im kleinen Neuenglandstaat New Hampshire. Vor fünf Jahren wählten die dortigen Anglikaner unter drei Bewerbern einen Pfarrer zum Bischof, den sie lange kannten und schätzten und - der schwul ist und mit einem Mann zusammenlebt. In der aus zwei Kammern bestehenden Diözesansynode erhielt Gene Robinson bei den Geistlichen 58 von 77 und bei den Laien 96 von 105 Stimmen. Und die Nationalsynode der USA setzte die Entscheidung New Hampshires mit der ­erforderlichen Zweidrittelmehrheit in Kraft.

Konservative Anglikaner inner- und außerhalb der Vereinigten Staaten schäumten vor Empörung. Sie warfen der US-Kirche einen Alleingang vor. Und Tom Wright, Bischof von Durham und einer der führenden Evangelikalen der Kirche von England, stellte erst kürzlich noch einen Vergleich mit dem Irakkrieg an.

Freilich, die Kritiker der Amerikaner vergessen die Erklärung der Lambeth-Konferenz von 1978: Damals, als einige Mitgliedskirchen der Anglikanischen Welt­gemeinschaft in der Frage der Frau­enordination vorgeprescht waren, bekräftigte sie "das gesetzlich verbriefte Recht jeder Kirche, eine eigene Entscheidung zu fällen".

Nach der Wahl von New Hampshire blieb auch das Gebot, "kein falsch' Zeug­nis zu reden wider deinen Nächsten",  auf der Strecke. So erweckten evangelikale Publizisten, auch in Deutschland, den Eindruck, Gene Robinson habe sei­ne Ehefrau und die beiden Töchter we­gen eines Mannes verlassen. Dabei war es ganz anders. Robinson hatte seiner Frau vor der Heirat von seiner Veranlagung erzählt und sich einer Psychotherapie unterzogen, um sich "umpolen" zu lassen. Doch nach zwölf Jahren mussten die Robinsons erkennen, dass ihre Ehe gescheitert war. In einem Scheidungsgottesdienst gaben sie einander die Eheringe zurück und versprachen, die beiden Töchter weiterhin gemeinsam zu erziehen. Erst drei Jahre später lernte Gene Robinson seinen jetzigen Lebensgefährten kennen. Die Kandidatur für das Bischofsamt unterstützen die Exfrau und eine Tochter.

Nigerias Erzbischof Peter Akinola nannte Robinsons Wahl dagegen einen "satanischen Angriff" auf die Kirche. Und mit völligem Unverständnis reagierte er auf Pläne in der anglikanischen Kirche Kanadas, eine Gottesdienstordnung für die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu autorisieren. In einem Interview mit der Londoner Times stellte Akinola die Frage, ob Schwule und Lesben eigentlich heiraten wollten, weil sie "normaler heterosexueller Beziehungen überdrüssig" seien?

"Westliche Dekadenz"

In dieser Frage schwingt die in Afrika verbreitete Überzeugung mit, Homosexualität sei ein Ausdruck westlicher Dekadenz. So lobte Ugandas Präsident Yoweri Museveni den anglikanischen Erzbischof seines Landes, Henry Orombi, dafür, dass er "einer dekadenten Kultur widerstehe, die "von westlichen Nationen" an Afrika "weitergegeben" werde.

Im Kampf gegen Schwule und Lesben berufen sich afrikanische Bischöfe häufig auf das Dritte Buch Mose. Und das dürfte kein Zufall sein. Denn viele Afrikaner denken wie die alten Israeliten: Homosexualität ist für sie keine Veranlagung. Homosexuelle sind vielmehr Heterosexuelle, die sich unter dem Einfluss von Fremden (damals der Heiden, heute der Europäer und Nordamerikaner) entscheiden, mit Angehörigen des eigenen Geschlechts zu schlafen. So aber gefährden sie die Familie und das eigene Volk. Denn viele Kinder sind für die Versorgung bei Krankheit und im Alter notwendig, wenn es keine Sozialversicherung gibt. Außerdem gilt es in patriarchalen Gesellschaften als Gräuel, wenn Männer die vermeintlich hingebende Position der Frau einnehmen.

Die "Gegnerschaft zur Homosexualität vereint in Afrika politische Führer, Atheisten und Geistliche" in ihrem Kampf gegen das, was "als Kulturimperialismus" des Westens gesehen werde, schreibt Tabu Butagira, leitender Redakteur der ugandischen Zeitung Daily Monitor. Dass der Erzbischof von Canterbury auch Ehrenoberhaupt der Anglikanischen Weltgemeinschaft ist, nannte Ugandas Erzbischof Orombi "ein Überbleibsel des britischen Kolonialismus". Was Orombi übersah: Auch sein Amt und seine Kirche sind Überbleibsel des Britischen Empire - wie alle anglikanischen Kirchen außerhalb der Britischen Inseln.

Dass die meisten Anglikaner Afrikas vehement an einer unhistorischen, vermeintlich wörtlichen Auslegung der Bi­bel festhalten und Homosexualität verurteilen, ist auch eine Folge der Missionsgeschichte. In vielen britischen Kolonien war die evangelikale "Church Mission Society" tätig.

In der anglikanischen Kirche Südafrikas wirkt dagegen nach, dass sie von Theologen der liberalen anglokatholischen "Community of the Resurrection" aus dem englischen Mirfield geprägt wurde. So kritisiert Kapstadts Alterzbischof Desmond Tutu die Homophobie in der Kirche. Und sein Nachfolger Njongo Ndungane klagt, die Anglikanische Weltgemeinschaft sei "auf ein Thema ­fixiert", wobei es nur "um Machtspiele" gehe.

Ähnlich sieht das der Londoner Pfarrer und Publizist Giles Fraser. Im britischen Independent warf er den konservativen Anglikanern des Westens vor, "die tief verwurzelte Homophobie vieler afrikanischer Christen" auszunutzen.

Da sich die traditionalistische Minderheit in der anglikanischen Kirche der USA nicht durchsetzen kann, sucht sie auch Hilfe in Afrika. Dabei würden diese US-Anglikaner mit den Schwarzen im eigenen Land keine Kontakte pflegen, sagte Virginias Bischof, Eugene Sutton, ein Afroamerikaner, der New York Times.

Zum weltweiten Block konservativer Anglikaner gehören auch englische Traditionalisten, Bischöfe der kleineren Kirchen Asiens und Lateinamerikas und die Diözese Sydney. Evangelikal geprägt nimmt sie in der anglikanischen Kirche Australiens zwar eine Außenseiterrolle ein. Aber sie ist reich. Und ihr Erzbischof Peter Jensen möchte wie sein nigerianischer Kollege Akinola die Geschicke der Anglikanischen Weltgemeinschaft bestimmen.

Die Erzbischöfe Nigerias und Sydneys
planen Parallelstrukturen

Um ihnen die Teilnahme an der diesjährigen Lambeth-Konferenz schmackhaft zu machen, lud der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, Bischof Robinson nicht ein. Doch rund dreihundert ultrakonservative Bischöfe, die schätzungsweise fast die Hälfte aller Ang­likaner repräsentieren, wollten auch nicht den Amerikanerinnen und Amerikanern begegnen, die Robinsons Wahl bestätigt hatten. Statt nach Canterbury fuhren sie daher nach Jerusalem. Und dort legten Akinola und Jensen die Grundlage für kirchliche Parallelstrukturen, eine "Gemeinschaft Bekennender Anglikaner" und einen "Rat der leitenden Bischöfe". Der Rat, dem Akinola vorsteht und Jensen als Sekretär dient, erklärte die Gründung einer neuen Kirchenprovinz in Nordamerika zur "Priorität". Freilich, bisher haben von den 110 Diözesen nur zwei die US-Kirche verlassen und sich einem ausländischen Bischof unterstellt. Und zwei weitere wollen folgen.

Akinolas und Jensens Strategie, sich in der Anglikanischen Weltgemeinschaft mehr Einfluss zu verschaffen, ist auch unter Evangelikalen umstritten. Der englische Bischof Tom Wright vermutet, wie er der BBC sagte, dass das Bündnis, das Akinola und Jensen geschmiedet haben, "nicht lange halten wird". Denn ihm gehörten Gegner und Befürworter der Frauenordination an, konservative Anglokatholiken, die Weih­rauch benutzen und Messgewänder tragen, und Evangelikale, die das ablehnen.

Wie Wright dürften die meisten konservativen Bischöfe Englands dem Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, folgen, der ihnen schon weit entgegengekommen ist. Vor acht Jahren, als er noch Erzbischof von Wales war, schrieb Williams, die Verbote der Bibel hätten nur Heterosexuelle im Blick, die mit Angehörigen des gleichen Geschlechtes verkehren. Eine treue Beziehung homosexuell veranlagter Menschen könne dagegen die Liebe Gottes "widerspiegeln in einer Weise vergleichbar mit der Ehe". Diese Aussagen hat Williams zwar nicht widerrufen. Aber als Leiter der Anglikanischen Weltgemeinschaft fühlt er sich "dem Konsens unserer Kirche" verpflichtet. Und dazu zählt Williams die Ablehnung der Homosexualität durch die Lambeth-Konferenz 1998.

Die diesjährige verzichtete auf Resolutionen und beschränkte sich auf Gespräche zwischen den über sechshundert Bischöfinnen und Bischöfen. Aber für das kommende Jahr kündigte Rowan Williams den Entwurf für einen "Bund" ("Covenant") an. In ihm sollen sich die anglikanischen Kirchen der Welt auf gemeinsame Prinzipien festlegen. Und über ihre Einhaltung soll eine Art Glaubenskongregation wachen, ein "Pastoralforum", das der Erzbischof von Canterbury leitet. Dieses könnte dann verhindern, dass Lesben und Schwule ins Bischofsamt berufen werden. Die liberalen Kirchen würden - gezwungenermaßen oder freiwillig - aus der Anglikanischen Weltgemeinschaft ausscheiden und ihr allenfalls locker verbunden bleiben. Und der Anglikanismus, der immer höchst unterschiedliche Leute, Gottesdienstformen und Theologien umfasst hat ("comprehensive church"), verlöre seine Seele.

Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

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