zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Unorthodox

Das Denken Alexandr Mens

Martin Bauschke

Ein Buch über die Theologie des russisch-orthodoxen Priesters, Theologen und Religionsphilosophen Aleksandr Men. Er war überzeugter Ökumeniker, Autor unzähliger Werke und Führer des geistigen Widerstandes in der Sowjetunion - und einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts.

Die Ökumene, nicht nur der christlichen Konfessionen, sondern auch der Religionen, hat viele namhafte Wegbereiter. Sofern sie aus dem Protestantismus kommen wie Nathan Söderblom oder aus der katholischen Kirche wie Hans Küng, sind sie hierzulande sehr bekannt. Noch weitgehend unbekannt bei uns, doch vom selben Format, was die theologische Weite und das leidenschaftliche Engagement angeht, ist Aleksandr Men. Der Aufarbeitung und Würdigung seines Werkes diente 2007 eine Tagung in Rostock, die in dem vorliegenden Band, der auch einige Fotos enthält, dokumentiert wird.

Men war ein russisch-orthodoxer Theologe und Religionsphilosoph. 1960 wurde er zum Priester geweiht. Er war überzeugter Ökumeniker, Autor unzähliger Werke und Führer des geistigen Widerstandes in der Sowjetunion. Ge­gen Ende der Achtzigerjahre trat er in den Medien auf und machte einen im­mer größeren Eindruck in der Öffentlichkeit. Mit Recht kann er als einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. 1935 als Sohn eines jüdischen Vaters und einer orthodoxen Mutter geboren, wurde der 55-Jährige am 9. September 1990 morgens auf dem Weg zu seiner Kirche mit einer Axt erschlagen. Die Axt gilt als das klassische Totschlaginstrument für Verräter und Juden. Als dieser galt er aufgrund seiner jüdischen Herkunft, als jener aufgrund seiner ökumenischen Ansichten. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt, obwohl sich zwei Präsidenten (Gorbatschow und Jelzin) dafür verbürgten und Untersuchungskommissionen eingerichtet wurden. Die Täter sind noch immer nicht gefunden, die Hintermänner werden in antisemitischen Kreisen der Hierarchie der orthodoxen Kirche sowie des Geheimdienstes vermutet.

Trotz seiner Popularität gilt Men in der orthodoxen Kirche nicht als Märtyrer, sondern eher als Häretiker. In Deutschland wurde "Vater Alexander" einigen Kreisen bei einem deutsch-russischen Symposion im Mai 1990 bekannt, an dem Men teilnahm und neben anderen auch mit Hans Küng zusammentraf. Küng sprach über die global erforderliche Ökumene der Religionen im Sinne eines Weltethos. Ähnlich definierte auch Men Ökumene als wechselseitige Offenheit dem anderen gegenüber sowohl in geistiger als auch ethischer Hinsicht. Jedem Andersglaubenden und auch Atheisten sei in respektvoller Weise zu begegnen. Jeder sei ein Kind Gottes. Denn Men zufolge haben alle Religionen ihren Ursprung in Gott, sodass auf jeden zu hören, von jedem zu lernen und das Verbindende in den Vordergrund zu stellen die Grundhaltung des Ökumenikers ausmacht.

Geistesgeschichtlich führt von Fjodor Dostojewski über den Religionsphilosophen Wladimir Solowjew ("Kurze Erzählung vom Antichrist") eine direkte Linie bis zu Men. Für ihn war Solowjew als Pionier des Dialogs zwischen römisch-katholischer und Russisch-Orthodoxer Kirche der wichtigste Lehrer. Und wie für Solowjew oder Küng ist auch für Men die Freiheit des Evangeliums das entscheidend Christliche: "Die Kraft des Christentums hängt zusammen mit seiner inneren und äußeren Freiheit gegenüber Personen- und Machtkult. Es schenkt durch Christus der Welt genau diese Kraft." So fasst Peter Klaus Mertes SJ in seinem Beitrag Mens Anliegen zusammen.

Seit 1995 verleiht die katholische Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Allrussische Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau jährlich einen Preis für die Ökumene der Kulturen, den Men selber bereits angedacht hatte und dessen Namensträger er dann wurde. Zu den bisherigen Men-Preisträgern zählten Lew Kopelew, Tschingis Aitmatow und Michail Gorbatschow.

Igor Pochoshajew (Hg.): Für mich sind alle Menschen Gottes Kinder. Theologie, Ökumene und geistliche Praxis bei Aleksandr Men. Lembeck-Verlag, Frankfurt am Main 2008, 145 Seiten, Euro 18,-.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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