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Eine verspätete Nation?

Zum Ort der Wiedervereinigung in der deutschen Geschichte

Heinrich August Winkler

Mit der Maueröffnung vor zwanzig Jahren begann ein Prozess, der zur Wieder­vereinigung Deutschlands führte. War Deutschland - wie oft behauptet wird - eine "verspätete Nation"? Heinrich August Winkler, Historiker und emeritierter Professor der Humboldt-Universität Berlin, über Brüche und Kontinuitäten in der deutschen Geschichte.

Berlin, November 1989. (Foto: akg-images)
Berlin, November 1989. (Foto: akg-images)

Vor einem halben Jahrhundert, 1959, erschien in Stuttgart ein Buch des Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner mit dem Titel "Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes". Es war die zweite Auflage einer in Deutschland unbekannt gebliebenen Schrift, die Plessner während seiner erzwungenen Emigration unter dem Titel "Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche" 1935 in Zürich veröffentlicht hatte. Der plakativ wirkende Titel hat viel zur großen Wirkung der Neuausgabe beigetragen. Wann immer in den folgenden Jahrzehnten in der Bundesrepublik ernsthaft über die tieferen Ursachen der "deutschen Katastrophe" der Jahre 1933 bis 1945 diskutiert wurde, war auch von Plessners "verspäteter Nation" die Rede.

Die Kernthese des Buches läßt sich rasch zusammenfassen. Die alten westlichen Nationalstaaten England und Frankreich hatten im Zeichen der Aufklärung ihre moderne Gestalt angenommen, die deutsche Reichsgründung von 1871 aber fiel in die materialistische Zeit nach der Industriellen Revolution. So wurde Deutschland zu einem "Machtstaat ohne humanistisches Rechtfertigungsbedürfnis", zu einer "Großmacht ohne Staatsidee". Deutschland hatte infolge des Dreißigjährigen Krieges das 17. Jahrhundert gewissermaßen "versäumt" und darum kein Verhältnis zur Frühaufklärung hervorgebracht. Das deutsche Bürgertum trug schwer an der "politischen Indifferenz des Luthertums". Es litt an einem "römischen Komplex", der sich zum Mißtrauen gegen jede, auch die aufgeklärte Form von politischer Universalität ausweitete. Bismarcks Werk hatte wohl das Recht historischen Schicksals, aber nicht die Rechtfertigung im Zeichen einer Idee für sich. Das Reich von 1871 appellierte nicht wie Frankreich und England an die Phantasie der Völker, an ihre Zukunftserwartung, ihren Menschheitsglauben. Es stand für nichts, von dem es überragt wurde. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg verstärkte sich Deutschlands "Protest gegen den politischen Humanismus Westeuropas". Der Nationalsozialismus war der Nutznießer und Exekutor dieses Protests, seine Vergottung von Volk und Rasse die extreme Übersteigerung der deutschen Auflehnung gegen den politischen Humanismus des Westens.(1)

Viele von Plessners Thesen sind eingegangen in das, was man den "Sonderwegsdiskurs" nennen kann: die ausgedehnte Diskussion über die "German divergence", die deutsche Abweichung vom Westen, von der der amerikanische Historiker Leonard Krieger 1957 in seinem Buch The German Idea of Freedom gesprochen hat. (2) Natürlich hat Plessner auch Widerspruch gefunden. "Verspäten kann sich nur, wer seinen Fahrplan nicht einhält. Aber wer befindet über den Fahrplan, der gar von einer 'Nation' eingehalten werden soll?" So fragte 1998 der 2006 verstorbene Historiker und Geschichtsphilosoph Reinhart Koselleck. "Wann hätte sich denn die deutsche Nation früher als Staatsnation bilden können, um die vermeintliche Norm westlicher Vorbilder einlösen zu können?"

Koselleck legt dar, warum eine Nationalstaatsgründung nicht schon früher, etwa im 18. Jahrhundert oder in der Revolution von 1848 erfolgt ist, und folgert, daß die Frage, wann denn der rechte Zeitpunkt für die Bildung einer deutschen Staatsnation gewesen wäre, wenn sie 1871 "zu spät" kam, falsch gestellt sei. Diese Frage suche "rückwärtswirkend", kraft einer Teleologie ex post, Normen einer Nationsbildung aufzustellen, die zu befolgen eine Geschichte im Optativ zu schreiben erheischt. Die unverrückbare Tatsächlichkeit der vergangenen Geschichte verbietet es, von einer 'verspäteten Nation' zu sprechen." (3) Koselleck geht von einem Begriff von "Verspätung" aus, in dem ein Vorwurf an den mitschwingt, der sich verspätet hat. Plessner ließ sich so verstehen, und einer so verstandenen Verspätungsthese läßt sich im deutschen Fall gut widersprechen.

      "Das Scheitern der deutschen Revolution von 1848 hatte
      fatale Folgen: Das politische Bewußtsein des deutschen
     Bürgertums blieb obrigkeitlich verformt."

1848/49 etwa wurden die deutschen Liberalen und Demokraten durch die selbstgestellte Doppelaufgabe Einheit und Freiheit, die sich logisch aus den Erfahrungen von Restauration und Vormärz ergab, objektiv überfordert. Ihr Ziel war ein ehrgeizigeres als das der französischen Revolutionäre von 1789, die den Nationalstaat schon vorfanden, den sie auf eine radikal andere gesellschaftliche und politische Grundlage stellen wollten. Eine deutsche Natio­nal­staatsgründung schei­terte vor allem an der Großmacht Österreich, die die von der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche ursprünglich angestrebte großdeutsche Lösung nicht akzeptieren konnte, weil diese die Habsburgermonarchie gesprengt hätte. Wien tat aber auch alles, um eine kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung zu verhindern, weil dies Österreichs Einfluß auf Deutschland vernichtet hätte.

Das Scheitern der deutschen Revolution von 1848 hatte fatale Folgen: Das politische Bewußtsein des deutschen Bürgertums blieb obrigkeitlich verformt. Dennoch hatten die gemäßigten, zur Zusammenarbeit mit den Kräften der Monarchie bereiten Liberalen gute Gründe gehabt, sich nicht auf den Weg zu begeben, von dem sich die Radikalen Erfolg versprachen: den Weg des großen europäischen Befreiungskrieges gegen Rußland, die Vormacht der Reaktion, den "Gendarm Europas". Ein solcher Krieg hätte nach menschlichem Ermessen die Gegenrevolution auf sehr viel breiterer Front auf sehr viel blutigere Weise triumphieren lassen, als das 1849/50 geschah.

   Revolution von oben

Die deutsche Frage wurde ein knappes Vierteljahrhundert später zumindest teilweise gelöst: durch Bismarcks Reichsgründung von 1871, die viele Züge einer Revolution von oben trägt. Die Einheitsfrage fand eine Antwort im kleindeutschen Sinn, also ohne Österreich und unter preußischer Führung. Die Antwort auf die Freiheitsfrage hingegen konnte Liberale, Demokraten und Sozialdemokraten nicht befriedigen: Die Verfassung des Deutschen Reiches machte den Reichskanzler nicht vom Vertrauen des Reichstags abhängig. Eine Parlamentarisierung, die den Reichstag zum mächtigsten Verfassungsorgan gemacht hätte, widersprach den Interessen Preußens und der anderen Einzelstaaten. Der deutsche Föderalismus verhinderte, zugespitzt formuliert, die Parlamentarisierung Deutschlands. Doch zugleich erhielten die Deutschen ein kräftiges Stück Demokratie in Gestalt des allgemeinen gleichen und geheimen Wahlrechts für Männer, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten. Es war ein fortschrittlicheres Wahlrecht als das liberaler Mustermonarchien wie Großbritannien oder Belgien.

Plessners These von der "verspäteten Nation" bedarf, wenn wir auf die Reichsgründung blicken, einer weiteren Einschränkung. 1871 wurde ein deutscher Nationalstaat begründet, nicht die deutsche Nation. Im kulturellen oder vorstaatlichen Sinn waren die Deutschen schon lange vor 1871 eine Nation gewesen. Sie hatten sich dazu seit etwa 1000 nach Christus in mehreren Schüben im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation entwickelt. Die deutsche Kulturnation war "großdeutsch"; sie schloß immer auch die deutschsprachigen Gebiete des Habsburgerreiches und nach dem Verständnis der meisten Deutschen auch die ­Elsässer und deutschsprachigen Lothringer sowie die deutschsprachigen Schweizer mit ein.

          Pseudotheologische Fundierung des Kaiserreiches 

Seit 1871 formte sich im Bismarckreich eine kleindeutsche Staatsnation heraus, die sich von der älteren deutschen Kulturnation und dem 1806 untergegangenen Alten Reich dadurch abzuheben versuchte, daß sie ihre reformatorische und protestantische Prägung betonte. "Die Epoche der deutschen Geschichte, welche mit dem Jahre 1517 begann, kommt unter Krieg und Kriegsgeschrei zu einem gottgewollten Abschluß", schrieb am 7. Januar 1871 die Neue Evangelische Kirchenzeitung. Drei Wochen später, nach der Kaiserproklamation von Versailles, jubelte der nachmalige Hof- und Domprediger Adolf Stoecker: "Das heilige evangelische Reich deutscher Nation vollendet sich ... in dem Sinne erkennen wir die Spur Gottes von 1517 bis 1871!" Am 18. März 1871, auf den Tag genau 23 Jahre nach den Berliner Barrikadenkämpfen von 1848, begrüßte die Neue Evangelische Kirchenzeitung Kaiser Wilhelm I. als den "Anfänger
einer neuen Geschichte, als den Gründer des evangelischen Kaisertums deutscher Nation". "Evangelisches Kaisertum" war eine Formel, die auch Bismarck gelegentlich be­nutzte. (4)

Die pseudotheologische Fundierung des Kaiserreiches kam durchaus einer eigenen "Staatsidee" nahe, die sich freilich deutlich von den politischen Ideen Westeuropas und Nordamerikas abhob. Dasselbe gilt von der im hohen Beamtentum Preußens und Deutschlands beliebten Überhöhung des Staates zur "Wirklichkeit der sittlichen Idee" im Sinne Hegels. (5) Durch die Sozialversicherungsgesetze der 1880er Jahre kam eine neue Legitimation des Staates hinzu, die soziale. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Rechtshegelianer Lorenz von Stein ein "Königtum der sozialen Reform" gefordert: "Das wahre, mächtigste und geliebteste Königtum ist das Königtum der gesellschaftlichen Reform ... Alles Königtum wird fortan entweder ein leerer Schatten oder eine Despotie werden oder untergehen in Republik, wenn es nicht den hohen sittlichen Mut hat, ein Königtum der sozialen Reform zu werden." (6)

Soziale Sicherheit gegen politische Freiheit ausgespielt

Eben darum ging es Bismarck bei den Gesetzen, die Deutschland zum Pio­nierland der Sozialversicherung mach­ten. Der Fortschritt hatte jedoch eine Kehrseite: Die Arbeiter sollten für den bestehenden Staat der konstitutionellen Monarchie gewonnen, der Sozialdemokratie und ihren Forderungen das Wasser abgegraben werden. Bismarck spielte soziale Sicherheit gegen politische Freiheit aus. Er gab damit ein Beispiel, das bis ins späte 20. Jahrhundert nachwirken sollte: Der Nationalsozialismus knüpfte bewußt an Bismarcks "Staatssozialismus" an, die DDR tat es zumindest objektiv und ebenfalls in der Absicht, den Freiheitswillen der breiten Massen zu schwächen.

Im Ersten Weltkrieg zeigte sich, wie klein der Schritt vom obrigkeitlichen Staatssozialismus zum Kampf gegen die westliche Demokratie war. Deutsche Intellektuelle setzten den Ideen von 1789 die "Ideen von 1914", dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die Verherrlichung von Ordnung, Staatsautorität und Volksgemeinschaft entgegen. Der Erfinder des Begriffs "Ideen von 1914", der Münsteraner Nationalökonom Johann Plenge, bezeichnete 1916 die deutsche Kriegswirtschaft als die "erste wirklich gewordene, sozialistische Gesellschaft" und stellte das Postulat auf, "die Selbstbehauptung unserer Nation" habe "für die Menschheit die neue Idee von 1914, die Idee der deutschen Organisation, der Volksgenossenschaft den nationalen Sozialismus", geboren.(7) Er stand damit nicht allein. Selbst der liberale Friedrich Naumann vertrat 1917 in einer erst sehr viel später, 1964, veröffentlichten Denkschrift für das Reichsamt des Innern unter dem Titel "Die deutsche Freiheit" die Auffassung, daß eine "wesentlich deutsche Kultur heraufzieht, wenn der Sozialismus sich ausbreitet ... Wir Deutsche können mit gutem Gewissen behaupten, daß wir von allen Nationen am meisten auf dem Weg zur Freiheit aller sind ... Das ist oder das wird unser nationaler Glaube: das revolutionslose Großvolk des organischen Lebensspielraums." (8)

Gewonnen wurde der Erste Weltkrieg von den Deutschen weder militärisch noch ideologisch. Unmittelbar vor seinem Untergang verwandelte sich das Kaiserreich im Oktober 1918 doch noch in eine parlamentarische Demokratie. Die Oberste Heeresleitung drängte auf diesen Schritt, weil sie die Verantwortung für die Niederlage den Mehrheitsparteien des Reichstages, den Sozialdemokraten, dem katholischen Zentrum und der linksliberalen fortschrittlichen Volkspartei zuschieben wollte, die sich im Jahr 1917 für einen Verständigungsfrieden ohne erzwungene Gebietsabtretungen und politische, wirtschaftliche und soziale Vergewaltigungen ausgesprochen hatten.

"Ungleichzeitige Demokratisierung"

Die Mehrheitsparteien waren ihrerseits bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen, weil sie sich davon eine positive Wirkung auf die demokratischen Westmächte, beson­ders die Vereinigten Staa­ten von Ame­rika, versprachen. Neh­men wir die frühe Demokratisierung des Wahlrechts und die späte Demokratisierung des Regierungssystems im engeren Sinn zusammen, können wir von einer ungleichzeitigen Demokratisierung im Kaiserreich sprechen: ein Befund, der zu einem guten Teil die Entwicklung Deutschlands nach 1918 zu erklären vermag.

Die Tatsache, daß die parlamentarische Demokratie aus einer militärischen Niederlage hervorging, gehört zu den schwersten Vorbelastungen der Weimarer Republik. Große Teile der deutschen Gesellschaft waren empfänglich für die Behauptung der nationalistischen Rechten, die parlamentarische Demokratie sei das System der westlichen Siegermächte und folglich undeutsch. Besonders stark war der Widerhall dieser Parolen im evangelischen Deutschland, für das 1918 das Ende des lutherischen Staatskirchentums, des Summepiskopats, im Zeichen der engen Verbindung von Thron und Altar, mit sich brachte, also eine tiefe Zäsur bedeutete.

Die lange Erfahrung mit dem allgemeinen gleichen Wahlrecht für Männer auf Reichsebene wiederum hatte zur Folge, daß die Revolution von 1918/19 zu einer der maßvollsten Revolutionen der Geschichte wurde. Nach Lage der Dinge konnte es 1918 nur um mehr Demokratie gehen: um das Frauenwahlrecht, die ­Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts in den Einzelstaaten, obenan in Preußen, wo bis zum Ende der Monarchie das besitzfreundliche Dreiklassenwahlrecht galt, und die volle Parlamentarisierung des politischen Systems auf allen Ebenen. Der Ruf nach der raschen Wahl einer Verfassunggebenden Nationalversammlung lag also gewissermaßen in der Luft. Dagegen hätte eine Diktatur des Proletariats, wie sie die äußerste Linke mit dem Kampfruf "Alle Macht den Räten" propagierte, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, einschließlich der Arbeiter, gegen sich gehabt, also zum Bürgerkrieg und wegen des mit Sicherheit zu erwartenden Eingreifens der Alliierten, erneut zu einem europäischen Krieg geführt.

Aus der Ungleichzeitigkeit der deutschen Demokratisierung vor 1918 lassen sich aber nicht nur die Anfänge, sondern, zu einem erheblichen Teil jedenfalls, auch das Ende der Weimarer Republik erklären. Nachdem die parlamentarische Demokratie im Frühjahr 1930 endgültig gescheitert war, ging Deutschland zu der von der Reichsverfassung von 1919 vorgesehenen "Reserveverfassung", einem präsidialen Notverordnungssystem, über, in dem der Reichstag als Gesetzgebungsorgan weniger zu sagen hatte als in der konstitutionellen Monarchie des Kaiserreichs. Darin lag eine Chance für alle antiparlamentarischen Kräfte von rechts bis links, und keine nutzte sie so gut wie die Nationalsozialisten.

Hitler konnte seit 1930 an beides appellieren: an die verbreiteten Ressentiments gegenüber der parlamentarischen Demokratie, die ja inzwischen tatsächlich gescheitert war, und an den seit Bismarcks Zeiten verbrieften Teilhabeanspruch des Volkes in Gestalt des allgemeinen gleichen Wahlrechts, das von den Präsidialregierungen der späten Weimarer Republik weithin um seine politische Wirkung gebracht wurde. Hitler wurde so zum Hauptnutznießer der ungleichzeitigen Demokratisierung Deutschlands. An die Macht gekommen ist er am 30. Januar 1933 zwar nicht durch einen großen Wahlsieg (bei den letzten Reichstagswahlen der Weimarer Republik am 6. November 1932 hatten die Nationalsozialisten gegenüber der vorangegangenen Wahl am 31. Juli 1932 sogar über zwei Millionen Stimmen verloren). Aber der greise Reichspräsident von Hindenburg und die ihn umgebende konservative "Kamarilla" hätten Hitler nicht zum Reichskanzler gemacht, wenn er nicht der Führer der mit Abstand größten deutschen Partei gewesen wäre.

Mythos der heilsgeschichtlichen Sendung

Die deutsche Auflehnung gegen die politischen Ideen des Westens war mit dem Ersten Weltkrieg nicht zu Ende gegangen. Sie trat nach der Niederlage nur in eine neue Phase, was auch dadurch erleichtert wurde, daß es im Deutschland der Weimarer Republik eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Kriegsschuld der Reichsleitung von 1914 so gut wie gar nicht gab. Die Autoren der sogenannten "Konservativen Revolution" nahmen nach 1918 den Faden auf, den die Väter der "Ideen von 1914" gesponnen hatten. Den Parolen vom deutschen Sozialismus und der Volksgemeinschaft fügten sie den Mythos vom Reich der Deutschen hinzu, das immer etwas anderes und immer mehr gewesen sei als ein Nationalstaat und darum den Beruf, ja eine Art von heilsgeschichtlicher Sendung habe, Europa voranzugehen im Kampf gegen westliche Demokratie und östlichen Bolschewismus.

Von allen Brücken zwischen Hitler und dem gebildeten Deutschland war der Reichsmythos wohl die wichtigste und tragfähigste. Im Zeichen der Reichsidee, die selbstverständlich groß- und nicht kleindeutsch war, wurden 1938 der "Anschluß" Österreichs und im Jahr darauf die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren vollzogen. Deutsche Historiker erinnerten vor und nach 1939 absichtsvoll an die "Schwertmis­sion" des mittelalterlichen Reiches im Osten und sprachen vom Reich als "europäischer Ordnungsmacht". (9)

Hitler selbst entwickelte die "Ideen von 1914" weiter zu den Ideen von 1939, als er am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Beginn des von ihm entfesselten Krieges, in einem Aufruf an das deutsche Volk dem Kampf gegen England eine ideologische Rechtfertigung zu geben versuchte: "Es ist jene jüdische plutokratische und demokratische Herrenschicht, die in allen Völkern nur gehorsame Sklaven sehen will, die unser neues Reich haßt, weil sie in ihm Vorbilder einer sozialen Arbeit erblickt, von der sie fürchtet, daß sie ansteckend auch in ihrem eigenen Lande wirken kann." (10)

  Thomas Mann erkennt ein "Volk der romantischen
      Gegenrevolution gegen den philosophischen Intellektualismus
             und Rationalismus der Aufklärung".

1945, sechs Jahre später, ging nicht nur Hitlers "Drittes Reich" unter, sondern auch das ein Dreivierteljahrhundert zuvor gegründete Bismarckreich. Thomas Mann nahm den "Zusam­menbruch" des nationalsozialistischen Deutsch­land zum Anlaß, um Ende Mai 1945 in einer Rede über "Deutschland und die Deutschen" in der Library of Congress in Wash­ington die deutsche Auflehnung gegen den Westen einer kritischen und teilweise selbstkritischen Betrachtung zu unterziehen. Im Mittelpunkt stand die Geschichte der "deutschen Innerlichkeit", zu der er selbst im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" einen maßgeblichen Beitrag geleistet hatte. Er nannte Luthers Reformation die "große Geschichtstat der deutschen Innerlichkeit" und eine "Befreiungstat", die aber nur Befreiung von außen, von Rom, aber nicht Freiheit im Innern gebracht habe. Mann ging ausführlich auf die deutsche Romantik, einen anderen Ausdruck deutscher Innerlichkeit ein, bescheinigte ihr "tiefe und belebende Impulse", und stellte dann doch fest, daß die Deutschen darüber "zum Volk der romantischen Gegenrevolution gegen den philosophischen Intellektualismus und Rationalismus der Aufklärung" geworden seien. In der Summe ergab sich daraus die Einsicht, "daß es nicht zwei Deutschland gibt, ein böses und ein gutes, sondern nur eins, dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug". (11) Es waren diese Worte, die Helmuth Plessner 1959 der Neuausgabe seines Buches über die Verführbarkeit bürgerlichen Geistes als Motto voranstellte.

Nach 1945 hat nur ein Teil der Deutschen eine zweite Chance in Sachen Demokratie erhalten: der westliche. Anders als nach 1918 war es nun kaum noch möglich, mit den alten Parolen Stimmung gegen die westliche Demokratie zu machen. Die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg lag klar zutage. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es nichts gegeben, was sich auch nur entfernt mit dem "Stuttgarter Schuldbekenntnis" des Vorläufigen Rates der evangelischen Kirche in Deutschland vom Oktober 1945 vergleichen ließ.

Der Parlamentarische Rat zog bei der Beratung des Grundgesetzes 1948/49 aus dem Scheitern der Weimarer Republik Lehren, die in die Zukunft wiesen und der Bundesrepublik Deutschland zu einer abwehrbereiten, funktionstüchtigen, repräsentativen Demokratie verhalfen. Die Herrschaft des Nationalsozialismus wirkte nach als das denkbar stärkste "argumentum e contrario" ge­gen die Verachtung der westlichen Werte, ja mehr noch: Während Nationen mit alter demokratischer Tradition auf erfolgreiche Revolutionen zurückblicken können, drängt sich den Deutschen, wenn sie ihre Demokratie historisch begründen wollen, zuerst die Erinnerung an den katastrophalen Fehlschlag ihrer Revolution gegen die Demokratie in den Jahren 1933 bis 1945 auf.

1986, während des "Historikerstreits" um die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Judenmordes, konnte Jürgen Habermas eine Feststellung treffen, die einen langen Diskussionsprozeß bündelt und rückblickend als Geburtsstunde einer posthumen Adenauerschen Linken erscheint: "Die vorbehaltlose Öffnung des Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte ... Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach - und durch Auschwitz bilden können." (12) Den Begriff "Verfassungspatriotismus" hatte 1979 anläßlich des 30. Geburtstages des Grundgesetzes der Publizist und Politikwissenschaftler Dolf Sternberger in die Debatte eingeführt. (13)  Doch während er sich auf das Grundgesetz als eine Summe der deutschen Verfassungsgeschichte bezog, entfiel bei Habermas diese historische Dimension. "Verfassungspatriotismus" meinte jetzt vielmehr die Bindung an eine Art ideeller Gesamtverfassung des Westens.

In der Frühphase der Bundesrepublik hatte Konrad Adenauer gegen den erbitterten Widerstand der Sozialdemokraten unter Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer die Politik der Westbindung durchgesetzt. Die oppositionelle spd hingegen beharrte auf dem Vorrang der Wiedervereinigung, die Adenauer unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts für unerreichbar hielt. Die posthume Adenauersche Linke, die sich währen des "Historikerstreits" von 1986, also in Abwehr einer nationalapologetischen Geschichtsrevision herausbildete, stimmte dem ersten Kanzler der Bundesrepublik im Nachhinein zu, wenn es gegen die Mitgliedschaft im atlantischen Bündnis auch weiterhin Vorbehalte gab.

"Postnationale Demokratie unter Nationalstaaten"

Von der Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates wollte die posthume Adenauersche Linke spätestens seit den achtziger Jahren nichts mehr wissen. Die Bundesrepublik wurde zunehmend als "postnationale Demokratie unter Nationalstaaten" begriffen: eine Formel, die der Bonner Historiker und Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher 1976 geprägt hat. (14) In den späten Vierziger- und in den Fünfzigerjahren waren es katholische Konservative gewesen, die sich, häufig unter Berufung auf die Traditionen des übernationalen Alten Reiches, gegen eine Rückkehr zum Nationalstaat im allgemeinen und zum Bismarckreich im besonderen aussprachen.

In den Achtzigerjahren trat, ohne es zu wissen, die posthume Adenauersche Linke in ihre Fußstapfen. 1988 legte Oskar Lafontaine, damals Ministerpräsident des Saarlandes und stellvertretender Vorsitzender der spd, sein Buch Die Gesellschaft der Zukunft, vor. Es enthielt ein Kapitel mit der Überschrift "Die Überwindung des Nationalstaates". Darin hieß es, der Nationalstaat habe "schon heute die Vernünftigkeit seiner Idee" überlebt, und die Deutschen hätten einen besonderen Grund, daraus Folgerungen zu ziehen. "Die 'verspätete' deutsche Nation ging nicht, wie zum Beispiel die französische, aus einem Bürgerkrieg hervor, den die Demokratie siegreich gegen die Monarchie geführt hatte, sondern aus einem Krieg zwischen staatlichen Bündnissen. In Sedan mußte mit dem Dritten (gemeint ist das zweite, von Napoleon III. geschaffene) Kaiserreich der Franzosen auch der deutsche Traum von einer vereinten Demokratie kapitulieren. Bismarcks Sieg festigte die preußische Monarchie und lieferte ihr die deutsche Nation samt ihrem Begriff aus, mit dem sich fortan in Deutschland nicht mehr viel Gutes verband."

Der Anleihe bei Plessner folgte eine bemerkenswerte Nutzanwendung: "Gerade weil uns Deutschen die Vollendung der nationalstaatlichen Einheit versagt blieb und auf absehbare Zeiten versagt bleiben wird, gerade weil wir Deutsche mit einem pervertierten Nationalismus schrecklichste Erfahrungen gemacht haben, gerade deshalb sollte uns schlechthin der Verzicht auf Nationalstaatlichkeit leichter fallen als anderen Nationen, die mit der Entstehung ihres Nationalstaats auch die Entfaltung einer demokratischen Gesellschaftsordnung verbinden konnten und immer noch können. Aufgrund ihrer jüngsten Geschichte sind die Deutschen geradezu prädestiniert, die treibende Rolle in dem Prozeß der supranationalen Vereinigung Europas zu übernehmen."

Von der Perversion zur Prädestination: Die Beweisführung Lafontaines erinnert an die Lehre des Kirchenvaters ­Ambrosius von der "felix culpa", der seligmachenden, weil heilsnotwenigen Schuld. Außerhalb Deutschlands durfte, wer derart pseudotheologisch argumentierte, kaum mit Beifall rechnen: Die Deutschen hatten ihren ersten Nationalstaat, das Bismarckreich, ruiniert, aber das gab ihnen noch kein Recht, anderen Nationen das Recht auf ihren, in der Regel sehr viel älteren Nationalstaat zu bestreiten und ihnen eine postnationale Identität anzusinnen.

Lafontaine dachte freilich weniger an die europäischen Nachbarn als an die regierenden Christdemokraten in Bonn und ihre publizistischen Verbündeten. Er warf den "Neokonservativen" eine "Art Renaissance der nationalstaatlichen Idee, eine Art verzweifelter Suche nach den besseren, schöneren Wurzeln der deutschen Nation" vor. "Man merkt es den Neokonservativen an, wie schwer es ihnen fällt, sich einzugestehen, daß die Bundesrepublik Deutschland ihre Wurzeln auch in Auschwitz hat. Das zu vergessen und zu verdrängen, wäre so amoralisch wie gefährlich. Denn reichte unsere bundesdeutsche Nationalidentität nicht mehr bis Auschwitz, sondern nur noch bis zum Jahre 1949 zurück, so verlören wir das Verantwortungsbewußtsein für das, was in dem Jahrzehnt zuvor im Namen des deutschen Volkes geschehen ist." (15)

Daß Lafontaine Auschwitz nicht als Teil der deutschen, sondern "unserer bundesdeutschen Nationalidentität" bezeichnete, wirft ein Schlaglicht auf sein Nationsverständnis. Es war eine westdeutsche Variante jener Theorie von den zwei deutschen Nationen, die sich, einer Sprachregelung der SED von 1970/71 zufolge, in Deutschland nach 1949 entwickelt hatten. Daß Lafontaine das deutsche Menschheitsverbrechen als Waffe im innenpolitischen Kampf gegen einen demokratischen Gegner benutzte, läßt nur zwei alternative Deutungen zu: Falls er glaubte, was er sagte, waren seine Darlegungen ein Beispiel für einen pathologischen Lernprozeß - und, wenn dem nicht so war, für hemmungslose Demagogie.

Im Jahr nach dem Erscheinen von Lafontaines Buch fiel die Berliner Mauer. Damit gelangte über Nacht die ungelöste deutsche Frage wieder auf die Tagesordnung der internationalen Politik. Die Teilung Deutschlands, ein Ergebnis der Frühphase des Kalten Krieges, hörte auf, das Unterpfand des europäischen Gleich­gewichts, ja des Weltfriedens zu sein, als das sie seit dem Abschluß der Ostverträge in den Jahren 1970 bis 1973 in Ost und West betrachtet worden war. Die extrem instabile DDR wurde zu einem internationalen Sicherheitsrisiko: ein Befund, der nach dem 9. November 1989 neues Nachdenken in und über Deutschland notwendig machte.

Einer, der sich dieser Aufgabe stellte, war der Ehrenvorsitzende der Sozialdemokraten, der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt. Als Regierender Bürgermeister von Berlin hatte er nach dem Mauerbau von 1961 mit der DDR mehrere Passierscheinabkommen, als Bundeskanzler 1972 den Grundlagenvertrag abgeschlossen, um der deutsch-deutschen Entfremdung entgegenzuwirken und die Einheit der Nation trotz staatlicher Trennung, so gut es ging, zu bewahren. An die Wiederherstellbarkeit eines deutschen Nationalstaates hatte er in den achtziger Jahren nicht mehr geglaubt und sich scharf gegen eine, wie er fand, hohle Wiedervereinigungsrhetorik gewandt. (16) Im Herbst 1989 aber dachte er angesichts der dramatischen Veränderungen in Polen und Ungarn und der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in der ddr rasch um, so daß er dem christlich-demokratischen Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Gebiet der Deutschlandpolitik bald näher stand als großen Teilen der eigenen Partei.

Auf dem Bundesparteitag der SPD in Berlin sprach Brandt am 18. Dezember 1989, seinem 76. Geburtstag, Worte aus, die nur bei einem Teil der Delegierten Beifall fanden und als Distanzierung von Oskar Lafontaine, dem unerklärten Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl von 1990, verstanden werden konnten. Anders als Lafontaine und viele andere wollte Brandt mit der Lösung der deutschen Frage nicht warten, bis Europa sich vereinigt hatte. Nirgends stehe geschrieben, sagte er, daß die Deutschen "auf einem Abstellgleis zu verharren haben, bis irgendwann ein gesamteuropäischer Zug den Bahnhof erreicht hat ... Die jungen Deutschen ... von heute wollen Frieden und Freiheit wie die Jungen - jedenfalls die meisten - in anderen Ländern auch. Und wer will ernsthaft widersprechen, wenn ich hinzufüge: Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden. (17)

Die These, daß es wegen Auschwitz keinen deutschen Nationalstaat mehr geben dürfe, weil dieser die tiefere Ursache für die Verbrechen des Nationalsozialismus sei, hatte vor allem Günter Grass immer wieder vorgetragen. Wie er dachten viele Linke in der Bundesrepublik. Doch auch unter den Bürgerrechtlern der DDR, zumal den evangelisch geprägten unter ihnen, gab es Anwälte des Gedankens, daß die Teilung Deutschlands eine Sühne für das letzte gemeinsame Kapitel der deutschen Vergangenheit, die Zeit des Nationalsozialismus, sei. "Wenn wir heute nach einer deutschen Identität suchen, kann dies nur in einer gemeinsamen schuldhaften Vergangenheit beider deutscher Staaten und in der Anerkennung der Zweistaatlichkeit geschehen": So steht es in einer Erklärung der beiden Pfarrer Markus Meckel und Martin Gutzeit zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945. (18) Aber im Unterschied zu den Intellektuellen im Westen waren die ostdeutschen Bürgerrechtler vom Status quo auf geradezu existentielle Weise betroffen: Ihnen blieb die Freiheit vorenthalten, die es westdeutschen Intellektuellen leicht machte, das Fehlen der Einheit zu verschmerzen.

Tatsächlich war Deutschland nicht wegen der nationalsozialistischen Verbrechen geteilt worden, sondern weil die Alliierten sich über die Zukunft des besetzten Landes nicht einigen konnten. Anders als Grass meinte, waren die Weichen in Richtung Auschwitz nicht schon bei der Gründung des kleindeutschen Nationalstaates gestellt worden.

Auf der anderen Seite hatte der Völkermord an den europäischen Juden Wurzeln, die weit hinter die Bismarcksche Reichsgründung zurückreichte - bis hin zum christlichen Judenhaß, wie er sich zwischen der Spätantike und der Reformationszeit herausgebildet hatte. Die Judenvernichtung und die Teilung Deutschlands waren inkommensurable Ereignisse. Ein Jahr nach der Berliner Rede Willy Brandts war Deutschland wiedervereinigt, die deutsche Schuld am Holocaust aber war nicht getilgt. Eine solche Schuld läßt sich nicht tilgen.

Die Wiedervereinigung Deutschlands durch Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes (und nicht über den langwierigen Weg der Ausarbeitung einer gesamtdeutschen Verfassung nach Artikel 146) entsprach nicht nur dem Willen der Bonner Regierungsparteien, sondern auch dem der freigewählten Volkskammer der DDR. Angesichts der zunehmend prekären Stellung des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, war Eile geboten. Die innere Situation der DDR blieb instabil, was sich auch am anhaltenden Strom von Übersiedlern zeigte. Zwischen Mai und Juli 1990 stellte die sowjetische Führung ihre Bedenken gegen die Mitgliedschaft des vereinten Deutschland in der NATO zurück. Damit wurde der Weg frei für die Lösung der deutschen Frage zu westlichen Bedingungen.

Am 3. Oktober 1990 ordnete Bundespräsident Richard von Weizsäcker beim Festakt in der Berliner Philharmonie die Wiedervereinigung in einen großen historischen Zusammenhang ein: "Zum ersten Mal bilden wir Deutschen keinen Streitpunkt mehr auf der europäischen Tagesordnung. Unsere Einheit wurde niemandem aufgezwungen, sondern friedlich vereinbart. Sie ist Teil eines gesamteuropäischen Prozesses, der die Freiheit der Völker und eine neue Friedensordnung unseres Kontinents zum Ziel hat ... Am heutigen Tag findet die vereinte deutsche Nation ihren anerkannten Platz in Europa ... Die Vereinigung Deutschlands ist etwas anderes als eine bloße Erweiterung der ­Bundesrepublik. Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet. (19)

Der 3. Oktober 1990 bedeutet in der Tat nichts Geringeres als die Lösung der deutschen Frage, die seit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation im Jahre 1806 Europa immer wieder beschäftigt hatte. Die deutsche Frage bestand bei genauerer Betrachtung aus drei Fragen: Sie war erstens eine Frage des Territoriums, zweitens eine Frage des Verhältnisses von Einheit und Freiheit und drittens eine Frage der europäischen Sicherheit.

Die Gebietsfrage wurde durch die Wiedervereinigung definitiv beantwortet. Seit dem 3. Oktober 1990 steht unwiderruflich fest, wo die deutschen Grenzen verlaufen, was zu Deutschland gehört und was nicht. Die verbindliche Anerkennung der Ostgrenze an Oder und Neiße war die Bedingung für die Wiedervereinigung Deutschlands in den Grenzen von 1945. Zugleich mit der deutschen Frage wurde also auch ein anderes Jahrhundertproblem, die polnische Frage, gelöst. Die Wiedervereinigung verwirklichte sodann die alte Forderung der Revolution von 1848: Einheit in Freiheit. Infolge der Mitgliedschaft im atlantischen Bündnis bildete Deutschland schließlich auch kein Problem mehr für die europäische Sicherheit.

Vom ersten deutschen Nationalstaat unterscheidet den zweiten vieles. Was am Kaiserreich Militär- und Obrigkeitsstaat war, gehört der Vergangenheit an. Aber es gibt auch Kontinuitäten. Als Bundesstaat, als Rechtsstaat und Sozialstaat steht das wiedervereinigte Deutschland in Traditionen, die weit hinter 1918 zurückreichen. Dasselbe gilt für die Parlamentskultur, die sich in Deutschland schon vor dem Übergang zum parlamentarischen Regierungssystem herausgebildet hat.

Eine andere Kontinuität wird oft übersehen: Der Zwei-plus-Vier-Vertrag, die völkerrechtliche Gründungsurkunde des wiedervereinigten Deutschland, bestätigt die kleindeutsche Lösung Bismarcks: die Lösung der deutschen Frage ohne Österreich. Von "Wiedervereinigung" zu sprechen, ist trotz aller Brüche der deutschen Geschichte legitim: Hätten die Deutschen auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik nicht schon einmal, von 1871 bis 1945, unter dem Dach eines Staates gelebt, wäre hier 1990 nichts zu vereinigen gewesen.

            Deutschlands langer Weg bis zur vollen Annahme 
            der politischen Kultur des Westens

1945 endete der antiwestliche Sonderweg des Deutschen Reiches. 1990 gelangten zwei Sonderwege der Nachkriegszeit an ihr Ende: der forcierte "proletarische Internationalismus" des Ideologiestaates DDR, eine reine Partei- und Staatsdoktrin, und der postnationale Sonderweg der alten Bundesrepublik, der keine offizielle Doktrin war, in dem sich aber das Lebensgefühl einer ganzen Generation westdeutscher Intellektueller ausdrückte. Das wiedervereinigte Deutschland ist keine "postnationale Demokratie unter Nationalstaaten". Es ist ein postklassischer, demokratischer Nationalstaat unter anderen, wie die übrigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union auch. Postklassisch heißt, daß diese Staaten bereit sind, Teile ihrer nationalen Souveränität gemeinsam mit anderen auszuüben oder auf supranationale Einrichtungen zu übertragen.

Deutschland ist später als England und Frankreich ein Nationalstaat geworden und noch später eine Demokratie: Diese Feststellung dürfte weniger anfechtbar sein als Plessners Formel von der "verspäteten Nation". Demokratie und Nationalstaat sind westliche Errungenschaften. Deutschlands Weg bis zur vollen Annahme der politischen Kultur des Westens war lang, und das prägt die Deutschen bis heute. Die Westdeutschen konnten diesen Weg vier Jahrzehnte früher als die Ostdeutschen beschreiten, und auch das wirkt nach. Der "innere" Vereinigungsprozeß hat sich als viel schwieriger und langwieriger erwiesen, als viele nach der "friedlichen Revolution" in der ddr im Herbst 1989 und der Wiedervereinigung im Jahr darauf meinten. Erst nach der Wiederherstellung der staatlichen Einheit zeigte sich, wie sehr in den vier Jahrzehnten der Teilung die deutsch-deutsche Entfremdung bereits vorangeschritten war - so sehr, daß man bezweifeln kann, ob zehn Jahre später eine "Wiedervereinigung" überhaupt noch möglich gewesen wäre. Überdies gingen Ost und West, was die wirtschaftliche Angleichung von neuen und alten Bundesländern betraf, 1990 von übertriebenen Erwartungen aus: Eine Gleichheit der materiellen Lebensverhältnisse hat es in Deutschland nie gegeben, und es wird sie wohl auch in Zukunft nicht geben.

Was das Verhältnis der Deutschen zu den Grundwerten der Verfassung angeht, ist aber ein hohes Maß an Gemeinsamkeit oder, um auf einen schon erwähnten Begriff zurückzukommen, an "Verfassungspatriotismus" erforderlich. Ein solcher Wertekonsens ist nur zu erreichen, wenn der Kampf gegen die ökonomischen Ursachen von Demokratieverdrossenheit verstärkt und durch eine bildungspolitische Offensive, vor allem mit Blick auf den Schulunterricht, ergänzt wird.

Eines ihrer Ziele muß die kritische Aneignung der deutschen Geschichte, der gemeinsamen wie der getrennt erlebten, sein. Zu dieser Geschichte gehören die freiheitlichen und die obrigkeitsstaatlichen Traditionen und nicht zuletzt die beiden Diktaturen, die es im Deutschland des 20. Jahrhunderts gegeben hat. Sie unterschieden sich in vielem radikal voneinander und hatten doch auch manche gemeinsamen Merkmale. Beide, Nationalsozialismus und Kommunismus, spielten soziale Sicherheit gegen politische Freiheit aus; beide nahmen den ganzen Menschen in Anspruch; beide wollten einen neuen Menschen hervorbringen. Weil sie dieses Ziel verfolgten, mußten sie totalitär werden. Daraus ergab sich ihr mit den Mitteln des Terrors geführter Kampf gegen das, was das Wesen der westlichen Demokratie ausmacht und die Freiheit verbürgt: die unveräußerlichen Menschenrechte, die Gewaltenteilung, die Herrschaft des Rechts und die repräsentative Demokratie.

Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, sprach Willly Brandt den berühmten Satz aus: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört." (20) Er bezog dieses Wort nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Europa. Zum Zusammenwachsen gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Auch das gilt für Deutschland und Europa. Diese Auseinandersetzung verlangt viel Zeit, aber sie darf nicht auf die lange Bank geschoben werden. Blicken wir auf das 19. und 20. Jahrhundert zurück, so hat kein europäisches Land so viel Grund,
selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, wie Deutschland. Es schuldet diese Anstrengung sich selbst, aber auch allen, die zu den Betroffenen der deutschen Geschichte gehören.

Anmerkungen

(1) Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Stuttgart 1959.
(2) Leonard Krieger, The German Idea of Freedom. History of a Political Tradition, Boston 1957, S. 5
(3) Reinhart Koselleck, Deutschland „eine verspätete Nation“? [1998], in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer, Frankfurt 2000, S. 359 – 379 (Zitate:
S. 362f., 367).
(4) Belege bei Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. 1. Band: Vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. München 20056, S. 214.
(5) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundriß, in: ders., Sämtliche Werke, Bd. 7, Stuttgart 1952, S. 241ff. (§§ 257 ff.; Zitat: 241).
(6) Lorenz von Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsere Tage, 3 Bde., Bd. 3: Das Königtum, die Repu­blik und die Souveränität der französischen Gesellschaft seit der Feb­ruarrevolution 1848 [1850]. Neuausgabe Darmstadt 1959, S. 40f.
(7) Johann Plenge, 1789 und 1914. Die symbolischen Jahre in der Geschichte des politischen Geistes, Berlin 1916, S. 82.
(8) Friedrich Naumann, Die Freiheit in Deutschland. Werke, politische Schriften, Bd. 2: Schriften zur Verfassungspolitik, Opladen 1964, S. 445–461 (Zitate: 458–460).
(9) Belege bei Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen.
2. Bd.: Vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung, München 20056, S. 55ff., 83ff.
(10) Adolf Hitler, An das deutsche Volk!, in: Der großdeutsche Freiheitskampf, Reden Adolf Hitlers, 1. Bd., München 1940, S. 32f.
(11) Thomas Mann, Deutschland und die Deutschen, in: ders., Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Bd. 11, Frankfurt 1990, S. 1126–1148.
(12) Jürgen Habermas, Eine Art Schadensabwicklung, in: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 62–76 (75).
(13) Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus, in: ders., Verfassungspatriotismus. Schriften, Bd. 10, Frankfurt 1990, S. 13–16.
14 Karl Dietrich Bracher, Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln 19796, S. 544 (Nachwort zur 5. Aufl.).
(15) Oskar Lafontaine, Die Gesellschaft der Zukunft. Reformpolitik in einer veränderten Welt, Hamburg 1988, S. 186f., 189.
(16) Dazu Winkler, Weg (Anm. 9), Bd. 2, S. 471ff.
17 Protokoll vom Programm-Parteitag Berlin, 18. 20.12.1989, Bonn 1990, S. 127–130.
(18) Markus Meckel / Martin Gutzeit, Opposition in der DDR. Zehn Jahre kirchliche Friedensarbeit – kommentierte Quellentexte, Köln 1994, S. 266–274 (Zitat: 272).
(19) Texte zur Deutschlandpolitik, Reihe III, Bd. 8 b, Bonn 1991, S. 717–731.
(20) Bernd Rother, Gilt das gesprochene Wort? Wann und wo sagte Willy Brandt „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“? in: Deutschland Archiv 23 (2000), S. 90–93.

Erschienen in zeitzeichen 02/2009.

 

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