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Aus Sternenstaub geboren

Der Beginn der Horoskop-Schau war der Sündenfall der Sterndeutung

Hermann-Michael Hahn

Wer die Ergebnisse astronomischer Forschung seit Johann Kepler ernst nimmt, sollte an den Aussagen der Astrologie große Zweifel anmelden. Der Kölner Wissenschaftsjournalist Hermann-Michael Hahn über die Geschichte der Sterndeuterei von der Antike bis heute.

"Die zwölf heidnischen Philosophen mit ihren stellaren Konjunktionen." Böhmische Buchmalerei, aus einer astrologischen Bilderhandschrift, 14. Jahrhundert. (Foto: akg-images)
"Die zwölf heidnischen Philosophen mit ihren stellaren Konjunktionen." Böhmische Buchmalerei, aus einer astrologischen Bilderhandschrift, 14. Jahrhundert. (Foto: akg-images)

Lange Zeit hindurch galt der gestirnte Himmel unseren Vorfahren als Inbegriff der Ewigkeit. Anders als auf der Erde, wo Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Aufbau und Zerfall im ständigen Wettstreit miteinander stehen, präsentiert sich der nächtliche Sternenhimmel auch heute noch den meisten Menschen als dauerhaft, unveränderlich, ja unvergänglich. Jahrein, jahraus tauchen die gleichen Sterne und Sternbilder auf, zieht die Sonne ihre stets wiederkehrende Bahn über den Himmel und laufen Mond und Planeten auf ähnlichem Kurs durch die Figuren des Tierkreises. Wen wundert es da, dass unsere Altvorderen schon in frühester Zeit den Himmel als eine, ja die einzige würdige Wohnstatt für ihre Götter angesehen haben und entsprechend alle Gedanken an übernatürliche Wesen und Kräfte auf beziehungsweise in diesen Himmel projizierten.

Zweifellos spielten dabei die Planeten (und bis zum ausgehenden Mittelalter zählten Sonne und Mond mit zu diesen Wandelsternen oder Irrläufern des Himmels) eine besondere Rolle, denn auch für Beobachter mit bloßem Auge verändern sie ihre Positionen zueinander und zu den Sternen mehr oder minder auffällig: Mal ziehen sie in hohem Bogen über den Himmel (wie die Sonne im Sommer oder der Vollmond im Winter), dann wieder nur ganz flach (wie die Sonne im Winter oder der Vollmond im Sommer). Und weil die im Jahreslauf wechselnde Mittagshöhe der Sonne offenbar den Wechsel der Jahreszeiten mit all ihren Begleiterscheinungen prägte, lag für die Menschen der Frühzeit die Vermutung nahe, dass in ihrer von Geistern und Göttern beseelten Welt die Sonne - und in ihrem Gefolge auch Mond und Planeten - auch sonstige Einflüsse geltend machten und entsprechend verehrt werden mussten. So überrascht es nicht wirklich, dass die Zahl Sieben nicht nur in der christlichen Schöpfungsgeschichte eine besondere Rolle spielt: Die sieben Wandelsterne des Altertums sind auch die Namensgeber für unsere Wochentage, und sie gelten in den Augen der "Sterndeuter" noch heute als Tages- und Stundenregenten.

            Die Planeten spielen als "Wandelsterne"
                  eine besondere Rolle in der Sterndeutung

Auch die - nicht nur in der Bibel - bedeutsame Rolle der Zahl zwölf lässt sich aus der Beobachtung des Himmels ableiten, passen doch in der Regel zwölf Monde (die Zeit von einem Vollmond zum nächsten) in ein Jahr. Entsprechend teilte man den Mondweg durch die Sternbilder des Tierkreises in zwölf Abschnitte, damit der Vollmond in jedem Monat in einem anderen Sternbild stand und man aus seiner Stellung den Stand der "Jahresuhr" abschätzen konnte. Ganz genau passen Sonnen- und Mondlauf leider nicht zusammen, da zwölf Monde etwa 354 1/3 Tage dauern und damit 10 7/8 Tage kürzer als ein Sonnenjahr sind; entsprechend musste man zur Angleichung des Mondkalenders an das Sonnenjahr etwa alle drei Jahre ein Schaltjahr mit dreizehn Monaten einschieben - was dann auch die vermeintliche Unglücksbedeutung der Zahl dreizehn gleich mit erklärt.

Ursprünglich befassten sich die Sternkundigen allein mit der Zeit- und Kalenderrechnung: Ihre Aufgabe bestand zum Beispiel darin, das Auftauchen des neuen Mondes am Abendhimmel nach Tagen der Unsichtbarkeit festzustellen und damit den Beginn des neuen Monats zu verkünden. In gleicher Weise mussten sie den Jahreslauf der Sonne aufmerksam verfolgen, um besondere Termine wie Tagundnachtgleichen oder die Sonnenwenden zu bestimmen, die in den frühen Hochkulturen als wichtige rituelle Feiertage galten und meist mit besonderen Opferfesten verbunden waren. Ganz wichtig für das Überleben der jeweiligen Gemeinschaft war schließlich auch die Kenntnis der richtigen Zeitpunkte für Aussaat und Ernte, die - weil vom Jahreslauf der Sonne abhängig - natürlich auch aus der Stellung der Gestirne abgelesen werden konnten.

Von Opferfesten und Ernten

Damals wurden die Figuren des Tierkreises vor allem als Kalendermarken angesehen - und vermutlich auch genau für diesen Zweck geformt. Das Sternbild Stier zum Beispiel, das schon vor mehr als viertausend Jahren bei den Bewohnern des Zweistromlandes gebräuchlich war, ist sicher noch um einiges älter und wahrscheinlich "kreiert" worden, weil diese Region ursprünglich um die Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche vor Sonnenaufgang über den Osthorizont stieg und damit die Zeit der Vorbereitung für die Feldbestellung ankündigte (die in vielen Entwicklungsländern ja heute noch mit Hilfe von Rindern erfolgt). Wir "sehen" in diesem Sternbild heute die Umrisse eines Stierkopfes, dessen lange Hörner weit nach Osten reichen. Man kann darin aber auch einen Pflug erkennen, wenn man den Stier "bei den Hörnern packt" und die V-förmige Gruppe als Pflugmesser in den Boden rammt.

Solches Wissen um die kosmischen Zusammenhänge machte die Sternkundigen zweifellos zu wichtigen Beratern der Herrschenden. Dass sie dabei aufgrund ihres Wissens auch regelmäßig wiederkehrende himmlische Ereignisse gleichsam vorhersagen konnten, wertete ihre Stellung zusätzlich auf. Dies galt vor allem für das scheinbar willkürliche Auftreten von Sonnen- und Mondfinsternissen, die viele Menschen immer wieder in Angst und Schrecken versetzten. Tatsächlich erschließt sich eine gewisse Regelmäßigkeit in ihrer Abfolge erst aus der Auswertung jahrhundertelanger Aufzeichnungen und konnte entsprechend als Geheimwissen für sich behalten werden. Wer aber Finsternisse voraussagen konnte, musste mit den Göttern im Bunde stehen und empfahl sich daher ganz von selbst als Mittler zwischen Himmel und Erde - getreu dem Motto "Wissen ist Macht".

Macht aber verleitet zum Missbrauch, und so war der Sündenfall nicht weit. Von welcher Seite der entscheidende Anstoß kam, lässt sich angesichts der dürftigen Beweislage nicht mehr rekonstruieren: Vielleicht war es ein weltlicher Herrscher, der die Vision hatte, aus der Stellung der Gestirne auch seine eigene Zukunft zu erfahren; vielleicht war es aber auch einer der Sterndeuter, der hoffte, mit der Horoskop-Schau seine eigene Machtstellung ausweiten zu können.

Allerdings konnten für diese Horoskop-Schau die aktuellen Stellungen von Sonne und Mond allein nicht ausreichen, weil die ja für alle Erdbewohner identisch sind und somit eine gleiche Zukunft verheißen würden. Individuelle Zukunftsaussichten brauchten mehr Einflussfaktoren, wie sie zum Beispiel aus den ständig wechselnden Stellungen der übrigen Planeten abgeleitet werden konnten. Mit sieben Planeten, beliebig verteilt auf zwölf Tierkreiszeichen, ergeben sich bereits knapp 36 Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Unterteilt man - wie mitunter praktiziert - die Tierkreiszeichen noch in drei Bereiche (Anfang/Mitte/Ende), schnellt diese Zahl auf 78 Milliarden.

Im Laufe der Zeit immer komplexeres Gedankenkonstrukt

Aber damit nicht genug, denn schließlich musste man die unterschiedlichen himmlischen Einflüsse ja noch auf die typisch menschlichen Aspekte wie zum Beispiel Charakter, Besitz, Intellekt, häusliche Umgebung, Liebesleben und sonstige Vergnügungen, Gesundheit, Beziehungen und so weiter fokussieren. Hierzu dienen die ohne himmlisches Vorbild angelegten - ebenfalls zwölf - Häuser, die gleichsam an die Erde gebunden sind und entsprechend mit der Erddrehung jeden Tag einmal unter dem Himmel herumgeführt werden. Die Kunst der Sterndeuter bestand am Ende darin, aus diesem ihrem eigenen, im Laufe der Zeit notwendigerweise immer komplexer gewordenen Gedankenkonstrukt mit seiner schier endlosen Fülle von Kombinationen die vermeintlich individuelle Himmelsbotschaft herauszulesen. 

Natürlich konnte man aus der Stellung der Gestirne auch verwertbare Angaben gewinnen, etwa über die eigene Position auf dem Meer. Deshalb waren die ernsthafteren Himmelsbeobachter daran interessiert, immer genauere Angaben über die Stellung der Planeten im Tierkreis zu erhalten. Nur so konnten sie diese auch über längere Zeiten im Voraus berechnen und tabellieren.

Vor gut vierhundert Jahren erhielt zunächst der Däne Tycho Brahe als wohl bester Beobachter seiner Zeit - und nach dessen Tod Johannes Kepler - den Auftrag, für Kaiser Rudolf II. in Prag neue Planetentafeln zu erstellen. Im Zuge dieser Arbeiten fand Kepler die heute nach ihm benannten "Gesetze der Planetenbewegung", die er 1609 in seinem Buch Astronomia Nova veröffentlichte. Im gleichen Jahr hörte der italienische Naturforscher Galileo Galilei von der Erfindung des Teleskops in den Niederlanden, baute sich selbst ein solches Gerät und richtete es erstmals auf den Himmel. Beide Ereignisse gemeinsam gelten heute als Geburtsstunde der modernen Astronomie - und wurden von der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur UNESCO zum Anlass genommen, das kommende Jahr 2009 zum Internationalen Jahr der Astronomie zu erklären.

Galilei gelangen mit seinem bescheidenen Teleskop zahlreiche bahnbrechende Beobachtungen, von den Kratern auf dem Mond über Flecken auf der Sonne bis zu den Monden des Jupiters und der wahren Natur der Milchstraße, die sich als Ansammlung zahlloser einzelner Sterne erwies. Vor allem aber lieferte er eine Reihe klarer Beweise für die Berechtigung des Kopernikanischen Weltbildes, das die Erde aus ihrer vermeintlichen Mittelpunktsstellung im Universum herausgelöst hatte und fortan als einen der nunmehr nur noch sechs Planeten (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn) um die Sonne ziehen ließ.

Eigentlich hätte diese Erkenntnis allein ausreichen müssen, um der im geozentrischen, ja homozentrischen Weltbild der Antike verwurzelten Sterndeuterei die Basis zu entziehen. Wenn die Erde nicht länger ruhend im Zentrum stand, wie sollten sich dann die geheimnisvollen Wirkungen der übrigen Planeten in stets gleicher Weise auf die Erde beziehungsweise die auf ihr lebenden Menschen fokussieren können?

Im Zeitalter der Raumsonden
ist die Astrologie obsolet.

Noch prekärer wurde die Lage, als Isaac Newton 1687 zeigen konnte, dass die anziehende Wirkung der Sonne und der übrigen Himmelskörper mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt - eine Gesetzmäßigkeit, die übrigens auch für die Intensität des Lichtes zutrifft. Wäre die Erde doppelt so weit von der Sonne entfernt, so würde sie nur ein Viertel ihrer derzeitigen Anziehungskraft spüren und nur ein Viertel ihrer augenblicklichen Strahlungsmenge in Form von Licht und Wärme empfangen - mit unübersehbaren Konsequenzen: In doppeltem Abstand würde ein Umlauf um die Sonne fast drei Jahre dauern und die mittlere Temperatur auf der Erde deutlich unter den Gefrierpunkt sinken. Zwar bleibt der Abstand zwischen Erde und Sonne auch im heliozentrischen Weltbild des Nikolaus Kopernikus nahezu unverändert, aber die Entfernung zwischen Erde und Mars kann im Laufe von rund 26 Monaten zwischen knapp 56 Millionen und mehr als 400 Millionen Kilometern schwanken.

Wäre die von den Sterndeutern lediglich behauptete, aber nicht wirklich nachgewiesene Wirkung des Planeteneinflusses in gleicher Weise entfernungsabhängig wie die messbaren Größen von Anziehungskraft und Strahlungsintensität, so bliebe Mars im erdfernsten Punkt rund 50 mal schwächer als in Erdnähe. Doch selbst in einem "modernen" Horoskop, dessen grundlegende Daten mit Computerhilfe berechnet wurden, ist von solchen Wirkschwankungen nichts zu erkennen.

Gänzlich haltlos ist die Situation der Astrologen spätestens in den vergangenen fünf Jahrzehnten geworden, in denen die Planeten durch Raumsonden aus nächster Nähe erforscht und als Geschwister der Erde identifiziert werden konnten. Angesichts detailreicher Bilder der Planetenoberflächen und aufschlussreicher Daten über das Innere dieser Nachbarwelten ist die antike Vorstellung völlig obsolet geworden, die den vermeintlich von Göttern geführten kosmischen Lichtern Einflüsse auf Charakter und Schicksal der Erdenbewohner zubilligen wollte. Umso erschreckender ist da, dass die Sterndeuterei bei vielen Zeitgenossen, darunter nicht wenigen Entscheidungsträgern, noch immer hoch im Kurs steht. 

Anhänger und Verfechter astrologischer Praktiken weisen solch rationale und andere an allgemeingültigen wissenschaftlichen Maßstäben orientierte Kritikansätze gerne als am Kern der Sache vorbeiführende Scheinargumente zurück. Stattdessen verweisen sie darauf, dass die Planetenstellungen die vermeintlichen Einflüsse gar nicht selbst auslösen, sondern lediglich anzeigen, während die Wirkungen selbst von imaginären "Feldern" stammen, die unser Sonnensystem - und vermutlich auch den restlichen Kosmos - durchdringen. Da ist es dann schon erstaunlich, dass es gerade so viele Planeten wie Einflüsse geben soll. Und verwunderlich bleibt auch, dass kein Sterndeuter die Existenz der in der Antike unbekannten Planeten Uranus und Neptun vorausgesagt hat - schließlich müssen deren Wirkungen in früheren Horoskopen unberücksichtigt geblieben sein, was zwangsläufig zu einer höheren Fehlerquote führen musste.

Dies gilt in noch viel stärkerem Maße für die Planeten, die inzwischen in der Umgebung anderer Sterne gefunden wurden. Wenn es die von den Sterndeutern postulierten kosmopsychischen Felder wirklich gäbe, dann müssten auch die Planeten um ferne Sterne solche Felder anzeigen können, beziehungsweise "dürfen". Mehr als dreihundert solcher Exoplaneten sind mittlerweile bekannt, und in den meisten Fällen sind ihre Positionen von der Erde aus weder messbar noch berechenbar. Damit aber würde eine aussagekräftige, aus der Stellung der Planeten ablesbare "Geburts-Konstellation" endgültig hinfällig.

Es gäbe noch viele andere Argumente gegen den Irrglauben, die Gestirne nähmen in der von den Sterndeutern behaupteten Weise Einfluss auf uns Menschen. Sie alle aufzuführen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen - und vermutlich dennoch in vielen Fällen wirkungslos bleiben.

Dabei sind unsere kosmischen Bezüge unbestritten und gerade auch durch die Wissenschaft aufgedeckt worden, aber sie sehen völlig anders aus. Die wohl spannendste, ja aufregendste Entdeckung der Astronomen (Sternforscher) ist die Erkenntnis, dass wir alle - ebenso wie unsere Umwelt, in der wir leben - zu einem sehr großen Anteil aus Materie (Atomen und Molekülen) bestehen, die erst im Innern von Sternen aus der Verschmelzung leichterer Atomkerne entstanden sind. Die Sterne haben ihren einstigen Status der Unsterblichkeit längst verloren, und am Ende geben sie einen Großteil der Elemente, die sie in ihrem langen Leben erbrütet haben, an die Umgebung ab. Auf diesem Wege wurden auch unsere Bausteine wieder freigesetzt, so dass sie bei der Entstehung von Erde, Sonne und Planeten vor rund 4,5 Milliarden Jahren mit verwendet werden konnten. So sind wir alle Kinder des Weltalls, aus Sternenstaub geboren und Erben längst verloschener Sterne.

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

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