Auf Entdeckungsreise

Friedmar Coppoletta erforscht die biblischen Bezüge in Theodor Fontanes Romanwerk
Foto: Rolf Zöllner
Foto: Rolf Zöllner
Der Potsdamer Germanist Friedmar Coppoletta hat die Bibel und Theodor Fontanes Romanwerk gelesen. In seiner Dissertation deckt er die Bezüge auf.

Sicher, ein Dissertationsprojekt ist immer auch Teil der eigenen Biographie. Zum Ende meines Lehramtsstudiums für Deutsch und Politische Bildung in Potsdam entdeckte ich an der Berliner Humboldt-Universität ein Seminar mit dem Titel „Die Bibel für Literaturwissenschaftler“, das die Germanistin Andrea Polaschegg anbot. Faszinierend waren der überfüllte Seminarraum und das rege Interesse an der Frage: Was ist die Bibel? Und wo taucht sie in der Literatur auf? Es war von Anfang an klar, dass in dem Seminar eine Generation von Germanisten und Literaturwissenschaftlern saß, für die Bibelwissen alles andere als selbstverständlich ist. Ich selbst bin in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen. Und mich fragte ein literaturwissenschaftlicher Kommilitone, ob das Alte Testament das Katholische und das Neue Testament das Evangelische sei. Und natürlich ging mir auf, dass sich jetzt Studierende ohne biblisches Wissen über die klassischen Autoren der deutschen Literatur beugten, denen dieses noch bis ins 20. Jahrhundert geläufig war. Und die Schriftsteller konnten es auch bei ihren Leserinnen und Lesern voraussetzen. Dagegen laufen Wissenschaftler heute Gefahr, eine Entdeckung gleich zu stark zu gewichten. Vielleicht war dieses Germanistikseminar die heimliche Initiation für das Thema meiner Promotion, die ich vor drei Jahren abgeschlossen habe. Ich war mittlerweile wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Potsdam, als das Theodor-Fontane-Archiv direkt nebenan an den Potsdamer Pfingstberg zog. Im Studium hatte ich eher Kleist, Kafka und Brecht gelesen, nun stand Theodor Fontane vor der Tür. Und so begab ich mich auf eine Entdeckungsreise. Mit der Germanistin Andrea Polaschegg entwickelte ich die Idee, Fontanes Novellen und Romane auf Bibelbezüge hin zu lesen. Anders als Theologinnen und Theologen sonst auf Fontane schauen, habe ich mich nicht mit der Frage aufgehalten, wie religiös Fontane war. Konsequent habe ich mich auf den Text konzentriert. Das Problem war, dass ein reiner Text-Text-Bezug zu kurz greifen würde. Zum einen, weil der biblische Text an sich selbst mehrere Übersetzungen erfahren hat. Und zum anderen, weil die Bibel bei Fontane viel mehr ist als der zitierte Primärtext. Meine Doktormutter schlug vor, Bibelwissen als jeweils historisch geprägtes Wissen zu verstehen, das nicht im Wortlaut des Bibeltextes aufgeht, sondern ihm etwas hinzufügt. So wundert sich derjenige, der zum ersten Mal die Paradiesgeschichte in der Bibel liest, dass dort nichts von einem Apfel geschrieben steht. Der Apfel am Baum der Erkenntnis ist somit kein biblischer Wortlaut, aber doch historisches Bibelwissen, mit dem ein Romanautor wie Fontane auch Bezüge zur Bibel herstellen kann. Am Deutschen Literaturarchiv in Marbach konnte ich in der Familienbibel der Fontanes lesen, blättern und sehen, welche Spuren die Familie hinterlassen hat. Ein Holzschnitt aus der Familienbibel ist jetzt auf dem Titelbild meiner Dissertation Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde zu sehen. Damit hat das Thema vermutlich einen frommeren Anstrich bekommen, als Fontane eigentlich gerecht wird. Denn der Hugenottennachfahre Theodor Fontane (1819-1898) bekommt in der Schule das übliche Volkswissen über die Bibel gelehrt. Er besucht im Anschluss keine Hochschule und erhält somit keinen akademischen Zugang zum Wissen seiner Zeit. Vielmehr wird er zu einem Wanderer und Sammler, einem Autodidakten, Vielleser und Vielschreiber. Seinen Stoff findet der Journalist Fontane zuallerst in den Massenmedien, für die er selbst schreibt, um sich und seine Familie zu ernähren. Und auch die Bibel bietet ihm und seinen Lesenden einen wertvollen kulturellen Fundus, mit dem sich viel erzählen lässt. Ein Beispiel. Das Apostolikum war zur Zeit Fontanes, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, stark umstritten. Der Wortlaut hatte zu heftigen Kontroversen quer durch die preußisch-protestantische Gesellschaft geführt. Ein württembergischer Pfarrer weigerte sich, das Glaubensbekenntnis bei Taufen zu sprechen. Seine Entlassung aus dem Dienst wurde in ganz Deutschland auf allen Ebenen diskutiert. In meiner Doktorarbeit bin ich der Frage nachgegangen, ob Fontane mit Hilfe der Bibel diese Diskurse in seine Romane und Novellen hineinschreibt. Und das tut er. Die Novelle Ellernklipp zum Beispiel verfasste Fontane 1879 bis 1880, genau in dieser die Kontroverse prägenden Zeit. Der diskursive Kontext ist schon im dritten Kapitel offensichtlich, wenn Fontane Grissel Hilde in den Lehrsätzen des Apostolikums unterweisen lässt, nachdem Hilde sie um Aufklärung bezüglich der Jungfrauengeburt bittet. Fontane inszeniert Hildes Überforderung mit den Lehrsätzen des Glaubensbekenntnisses. Freilich kann es kindliche Naivität in Glaubensfragen sein, aber auch - und das wohl eher - subversive Ironie. In jedem Fall schafft Fontane mit Hilfe der Bibelbezüge einen Schauplatz, auf dem die Frage nach einem glaubhaften Glaubensbekenntnis verhandelt werden kann. Anschaulich wird der Gebrauch der Bibel im Roman Der Stechlin. Hier begegnet sie ihm als Requisite. Im Gästezimmer von Dubslav Stechlin liegt die Bibel im Regal unter einem Regalbrett mit einem Rokokopüppchen darauf. Indem sich die Figuren Czako und Rex, Melusine und Armgard, Dubslav und Adelheid der Bibel ganz unterschiedlich nähern und sie sich aneignen, entwirft Fontane ein Panorama zeitgenössischer Frömmigkeitspraxis. So ist Melusine nicht darauf aus, bestimmte Stellen im Neuen Testament zu lesen, sondern verlangt vielmehr nach einer Gattung von Lektüre, die der zeitgenössische Leser als Erbauungslektüre erkennen konnte. Die Pointe der Szene ist, dass Melusine die Bibel gar nicht zur erbaulichen Lektüre braucht, sondern sie sich stattdessen lieber von ihrer Schwester vorplaudern lässt, um besser einschlafen zu können. Damit wird die Bibel wieder zur Requisite, die auf den Nachttisch gelegt wird. Der Nichtgebrauch der Bibel sticht in diesen Szenen hervor. Fontanes literarische Darstellungen sind durch Leichtigkeit und Witz geprägt. Und sie weisen den Autor als feinsinnigen Beobachter des historischen Wandels von Bibellektüren und Frömmigkeitspraktiken aus. Das Promotionsprojekt „Fontane und die Bibel“ war für mich, aufs Ganze gesehen, vor allem ein Privileg: Zeit zu haben, um Fontanes Romanwerk und die Bibel gründlich zu lesen.

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

Friedmar Coppoletta

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