In der Nische

Die Rolle der Christlichen Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland
Gründung der Christlichen Gewerkschaftsbewegung im Jahr 1955 in Essen. Vier Jahre später entstand der CGB. Foto: dpa/ Bernhard Frye
Gründung der Christlichen Gewerkschaftsbewegung im Jahr 1955 in Essen. Vier Jahre später entstand der CGB. Foto: dpa/ Bernhard Frye
Nicht nur der Deutsche Gewerkschaftsbund feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Auch der Christliche Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB) begeht ein Jubiläum, am 27. Juni wird er sechzig Jahre alt. Doch in der Öffentlichkeit wird man das kaum wahrnehmen, was nicht nur an den geringen Mitgliederzahlen liegt.

Das Image der christlichen Gewerkschaften ist - gelinde gesagt - verbesserungsfähig. Wenn man überhaupt über sie in den Medien liest, gelten sie als „Scheingewerkschaften“, die zum Lohndumping beitragen. In den klassischen Gewerkschaften ist man nicht gut auf sie zu sprechen, DGB-Chef Reiner Hoffmann lehnt eine Kooperation mit ihnen ab. „Das sind für mich keine Gewerkschaften“, sagt er sogar im zeitzeichen-Interview. Adalbert Ewen ist Bundesvorsitzender des CGBs und Vorsitzender der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM). Er weiß um das Bild, das in der Öffentlichkeit von den christlichen Gewerkschaften gezeichnet wird. Es sei schwer, als vergleichsweise kleine Organisation dem entgegenzutreten, sagt er im Gespräch mit zeitzeichen. „Es sind Fehler gemacht worden“, räumt er ein. „Einzelne Haustarifvertragsabschlüsse hatten nicht das Niveau, das wir hätten sicherstellen müssen.“ Aber es habe auch „beispielhafte“ Verträge gegeben, wie etwa den Tarifvertrag „Phönix“, den der Arbeitgeberverband Ostmetall und die cgm 1998 aus der Taufe gehoben hatten. Die IG Metall bezeichnete ihn wegen recht weit gehenden Flexibilisierungen als „Tarifvertrag light“. Ewen hält diesen Vertrag noch immer für eine „gute Sache“, weil er etwa Erfolgsbeteiligung und Arbeitszeitregelungen vorsah, die bis damals noch nicht möglich und wegweisend gewesen seien.

Christliche Soziallehre

Jenseits der Frage, wie man konkret Phönix und andere Tarifabschlüsse der christlichen Gewerkschaft bewerten mag, zeigt sich in ihnen ein grundlegend anderer Ansatz als bei den DGB-Gewerkschaften. Ewen ist geprägt von der christlichen Soziallehre, schon sein Vater sei Mitglied einer christlichen Gewerkschaft gewesen. Als vor etwa vierzig Jahren eine Stelle bei einer christlichen Gewerkschaft zu besetzen war, habe er sich daher beworben. „Mein Grundverständnis von Wirtschaft folgt nicht dem kollektivistischen Denkansatz, wie er vor zwanzig Jahren bei Ver.di und IG Metall vorherrschend war.“ Er spricht von einer „partnerschaftlich ausgerichteten Wirtschaftsethik“, die der katholischen Soziallehre entspreche. „Man darf den anderen auch nicht überfordern.“ Ist das eine positive Suche nach Konsens oder zu große Nähe zum Arbeitgeber?

Wolfgang Schroeder ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kassel und Herausgeber des Handbuch Gewerkschaften in Deutschland. Für ihn stellt die Neu-Gründung der christlichen Gewerkschaften in den Fünfzigerjahren eine Zäsur dar. Denn seit dem Krieg dominiert bei den Gewerkschaften das Prinzip der Einheitsgewerkschaft, was auch von den Erfahrungen der Nazi-Zeit herrührt. Tatsächlich beginnt die Geschichte der christlichen Gewerkschaften nicht erst nach dem Krieg. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie als Reaktion auf die freien Gewerkschaften mit ihrer sozialistischen Ausrichtung gegründet. Bestehende Einzelgewerkschaften der Arbeiterschaft schlossen sich 1901 zum Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands (GCG) zusammen. Die Aufspaltung der Arbeitnehmerschaft in weltanschaulich unterschiedlich ausgerichtete Organisationen habe aber ihren Preis gehabt, sagt Schroeder. „Der Untergang der Weimarer Republik hatte auch etwas damit zu tun, dass es auch auf Seiten der Gewerkschaften große Pluralisierungen gegeben hatte.“ Deshalb habe es nach dem Krieg gegolten, „Einigendes voranzustellen und Vielfalt intern abzubilden“. Diesen Grundsatz haben die christlichen Gewerkschaften gebrochen, tun es bis heute und werden dafür von den Einheitsgewerkschaften abgestraft. Wobei ihre Bedeutung in der Gewerkschaftswelt nicht überschätzt werden darf. Zwar gebe es noch immer eine Nähe zum vom politischen Katholizismus und Protestantismus mit stark antisozialistischer antikommunistischer Haltung geprägten Milieu. Sie deckten politisch das rechts von den sozialdemokratisch geprägten DGB-Gewerkschaften stehende Spektrum ab. „Sie waren stets bemüht um einen wirtschaftsfriedlichen Kurs, der eine gewisse nationale Komponente beinhaltete.“ Ihre Position in der gesamten (tarif-)politischen Landschaft sei aber schwach geworden. Auch in der Industrie hätten die christlichen Gewerkschaften keine bedeutende Rolle gespielt, eher im Handwerk oder auf regionaler Ebene.

Ventilfunktion

Etwas bedeutender sei eine andere Funktion: „Sie bieten ein Ventil für diejenigen, die mit den DGB-Gewerkschaften nicht einverstanden sind, vor allem auf betrieblicher Ebene“, sagt Schroeder. Das sei durchaus sinnvoll und habe sich positiv in den Betrieben ausgewirkt. Deshalb spricht er sich auch dafür aus, die christlichen Gewerkschaften nicht auszugrenzen. „Ich bin für Integration, weil so keine Repräsentationslücken entstehen. Diese sind der Humus, auf dem Radikalisierung wächst.“ Allerdings müssten sich alle an die Spielregeln halten, und nicht „im Zuge wechselseitiger Instrumentalisierungen Positionen einnehmen, die keine eigentliche Legitimation bei den Betroffenen beanspruchen können“. Reicht die „Ventilfunktion“ zum Überleben der christlichen Gewerkschaften? Rund 280.000 Mitglieder seien noch im CGB organisiert, sagt Ewen. Sechs Millionen sind es bei den DGB-Gewerkschaften. Genau wie bei diesen sinkt die Zahl der Mitglieder, die von den Kritikern sowieso schon mit Skepsis betrachtet wird. Ewen verweist darauf, dass das Bundesarbeitsgericht die angegebenen Mitgliederzahlen überprüft habe. Er weiß aber auch um die Herausforderungen der Zukunft. Sind die christlichen Gewerkschaften überhaupt überlebensfähig? „Wir werden in der Industrie nie die Tarifführerschaft erreichen. Aber wenn wir stärker am Mitglied agieren als die Konkurrenz, dann haben wir eine Überlebenschance.“ Das bedeutet zum Beispiel Arbeitszeitkonten, wie sie etwa im Elektrohandwerk geschaffen worden seien, damit Zeit für Familien, Pflege und Fortbildung angespart werden kann. „Wir brauchen Tarifverträge, die bei der persönlichen Lebensgestaltung Flexibilität ermöglichen, aber nicht nur dem Arbeitgeber dienen.“ Denn Sozialpartnerschaft bedeute, dass man stets die Situation des anderen mit einbeziehe.

Stephan Kosch

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