Briefmarken

Nelson Goerners neue CD
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Musik für besondere Stunden...

Eine Stunde mit Nelson Goerner und Debussy ist eine besondere. Sie braucht ein Ein- und ein Auftauchen. Dazwischen ist die Welt eine andere. Gleich der versunkenen Landschaft von Paul Klee. Nelson Goerner hat sich für diese CD keine komplette Einspielung etwa beider Bücher der Bilder oder der kompletten Etüden Debussys vorgenommen. Er hat ausgesucht und dies ganz nach der Art, wie er ihn liest und spielt - mit impressionistischer Leichtigkeit, ekstatischer Kraft und impulsiver pianistischer Eleganz.

Die drei „Estampes“, die drei „Images“ (Livre I) und das „L’isle Joyeuse“, das eines der Hauptwerke des Impressionismus überhaupt ist, stammen aus den Jahren 1903 und 1904, die in der Mitte platzierten sechs „Études“ (Livre II) von 1915. Dadurch ergibt sich ein klanglicher Kreis. Alle Werke schweben gleich Rilkes Buch der Bilder (1902/1906) auf der sphärischen Höhe eines eben begonnenen Jahrhunderts im symbolhaft träumerischen, dionysisch taumelnden Spiel der Töne, das flötenflüchtige Kantilenen und flirrende Harfenarpeggien mit donnernden Kadenzritten und atemloser kontrapunktischer Hatz verbindet.

Dynamisch fegt Nelson Goerner Debussys Geniestreiche wie der Gott der Winde: Im zartesten ppp fallen Blätter wie von weit in schwebend-still, verneinender Gebärde, mit stahlkühler, mutiger Grandezza durchbrechen krachende fff deren regenschwere Einsamkeit und blasen unverwundbar zum Sturm.

Der schimmernde Glanz, den das Werk Claude Debussys ausmacht, erschließt sich in der Trias des Beginns der CD: Inspiriert von der großen weiten Welt, an der Debussy, in einer Weltstadt wohnend, selbst kaum teilhaben konnte, schrieb er voller Sehnsucht nach der blauen Ferne die „Estampes“, drei „Briefmarken“ als Fantasieweltreise für Klavier solo. In „Pagodes“, dem ersten Stück, geht es auf die indonesische Insel Java, die Debussy auf der Weltausstellung 1889 durch das von dort stammende Gamelan-Orchester kennenlernte. Im zweiten Stück, der „Soirée dans Grenade“, erzählt er rhythmisiert von einem Abend in der südspanischen magischen Stadt Granada mit ihrer maurischen Architektur und der königlichen Alhambra. Mit „Jardin sous la Pluie“, dem dritten Stück, kehrt Debussy wieder nach Frankreich in den Pariser Park Bois de Boulonge zurück, in einen barfüßig leichten, regnerischen Nachmittag im Sommer … Kleine Briefmarken, große Bilder. Nelson Goerner beweist fingerfertig, wie farbig Debussy ist - und wie Klänge duften.

Klaus-Martin Bresgott

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