Bestes Slowfood

Mandolin Orange’s Wärme
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Hier schwelgen Stimmen und Instrumente in harmonischem Ineinander.

Gegessen wird immer, bloß wie? Wer bei McDonald’s ran fährt, kann sich auf den Big Mac verlassen. Selber kochen wollen ja die wenigsten. Bei der Musik ist das ähnlich, erst recht, seit Audiostreaming wichtigstes Marktsegment ist. Und da Anbieter wie Spotify oder Apple Music nur verdienen, wenn Hungrige mindestens 30 Sekunden dabei bleiben, schlägt sich das auch in deren Playlists für alle möglichen Stimmungen und Genres nieder, Label-/musikerseits auch in Produktion und Komposition. Big Mac eben. Also neben dem aktuellen Hybris-Spreizen der Hirnforschung ein weiterer Grund, Luthers Vom unfreien Willen mit bedenklicher Schlagseite neu zu lesen...

Doch gönnen wir uns getrost weiter die Illusion, wir selbst fänden etwas gut, nötig, unverzichtbar. Schwups, schon sind wir bei Mandolin Orange, dem wunderbaren US-Duo aus North Carolina, das auf Algorithmentrickserei so konsequent verzichtet wie Sterneköche. Zu Hause sind sie im Schnittfeld von Americana, Folk, Country und Bluegrass. Sie spielen, was dran ist. Mandolin Orange sind der Singer-/Songwriter Andrew Marlin (Gitarre, Mandoline), der alle Songtexte schreibt und erste Melodien dazu in den Prozess einbringt, in dem die Multiinstrumentalistin Emily Frantz sie weiter entwickelt. Seit zehn Jahren sind sie zusammen und verstehen sich musikalisch blind, sonst offenbar auch.

Emilys Ursprungsinstrument ist die Geige, die sie klassisch erlernte, dann aufbegehrte und von den Eltern immerhin erlaubt bekam, auf Bluegrass zu wechseln. Ein Glück, sagt sie heute. Beider Stimmen sind markant, genetisch melancholisch, so wirkt es, klingt Andrew. Zum Harmoniegesang kommt Emily meist hinzu, übernimmt auf ihrem vierten Album Tides of a Teardrop aber oft den Lead-Gesang. Klanglich ist das perfekt, schön und betörend - das komplette Gegenteil zur rauh zersetzenden, ebenfalls überzeugenden Country-Ästhetik eines Johnny Dowd etwa; das andere Ende der Skala sozusagen. Hier schwelgen Stimmen und Instrumente in harmonischem Ineinander und reißen mit in eine sättigende Auszeit, aus der man nie wegklickt, wenn man sie algorithmusunabhängig erst gefunden hat.

Mal verhalten, zumal die meisten Songs um den Tod von Andrews Mutter kreisen, die starb, als er 18 war; mal im herzhaften Country-Swing wie in der Mid-Tempo-Nummer Like You Used To („Love Me Like You Used To/Wayback When“), in der sie singt, zum Full-Band-Sound mit Bass und Drums. Live sind sie oft mit ganzer Band unterwegs und haben sich auf langen Touren in den Staaten eine verlässliche Fan-Basis erspielt. Auf Tides of a Teardrop jedoch spielen sie alles selbst. Ein begeisterndes, angenehm warmes Album. Und immer wieder darf man an Hank Williams denken - besonders bei Lonely All The Time, bei dem deutlich dessen I’m So Lonesome I Could Cry durchscheint. Leichtfüßig robuster Country-Beat, toller Harmoniegesang und instrumentale Details, die bezaubern. Definitiv kein Big Mac.

Udo Feist

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