Schlüsselwort Kooperation

Binnenlogiken machen blind und taub
Foto: Hermann Bredehorst

„Was für ein Vertrauen!“ Die Losung des Kirchentags in Dortmund fordert nicht nur das Mainstream-Misstrauen in unserer Gesellschaft heraus. Auch in der evangelischen Kirche kommt der Ausruf zur rechten Zeit.

Denn auch wir brauchen Vertrauen. Und: Einfallsreichtum. Mag sein: Die so genannten fetten Jahre in Kirche und Diakonie sind vorbei, doch das ist ja nicht das Ende der Welt. Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, unser Gemeinwesen ruht auf einem Grundgesetz, das auch nach siebzig Jahren ein verlässliches Fundament bietet. Soziale Marktwirtschaft und Rechtsstaat rahmen eine offene und vielfältige Gesellschaft, die das Individuum schützt. Das ist nicht selbstverständlich in dieser Welt! Deutschland wird mit großer Geschwindigkeit ethnisch, kulturell und religiös vielfältiger, wird trotz Migration immer älter, es wird sozial ungleicher und digitaler. Damit müssen wir umgehen. Gemeinsam.

Was bedeutet Arbeit in Zukunft? Wie finanzieren wir den Sozialstaat? Wie gelingt es uns, allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen? Und noch kein Wort vom Klimawandel. Es gibt wirklich viel zu tun.

Wir brauchen Vertrauen - und frische Ideen. Beides werden wir nur gemeinsam entwickeln können. Die Herausforderungen sind zu komplex, um sie mit Binnenlogiken und vorgefassten Konzepten oder gar im politischen Alleingang teilhabeorientiert gestalten zu können. Unsere Binnenlogiken machen uns taub und blind für neue Gedanken. Sie hindern uns, ungewohnte Wege zu betreten: Kooperation heißt das Schlüsselwort der Zukunft. Und Kooperation setzt Vertrauen voraus.

Die Bestsellerautorin Dörte Hansen hat kürzlich in einem Interview die neue Frage gestellt: „Was kann uns verbinden, wenn wir nicht aneinander gebunden sind?“ Schritt eins auf dem Weg zur vertrauens-vollen Zusammenarbeit ist das Zuhören. Der Austausch auch mit Menschen, die anders ticken: Was verbindet die Bürgerin mit Sorgen mit dem besorgten Bürger? Zum Beispiel verbindet uns alle die Fürsorge für unsere Kinder und unsere Alten, egal, woher wir kommen und was wir denken. In einer auf vielfältige Art diverser werdenden Gesellschaft wird es darauf ankommen, mehr Gemeinsamkeiten zu entdecken und systematisch zu stärken.

Das lässt sich üben. Zum Beispiel am 15. Juni, dem dritten Tag der Offenen Gesellschaft (www.tdog19.de). Zu dem ruft wieder ein breites zivilgesellschaft-liches Bündnis auf. Alle können mitmachen, Tische und Stühle auf den Gehweg stellen, ein Mitbring-Buffet anregen und fremde Menschen einladen. In Düsseldorf kooperieren Diakonie und Stadt und laden zu einer langen Tafel an den Rhein. In Schwerin feiert die Diakonie schon zum zweiten Mal mit Partnern der Zivilgesellschaft vor Ort. Die gemeinsame Aufgabe, die direkte Nachbarschaft verantwortlich mit zu gestalten und dann gemeinsam davon zu profitieren, verbindet. Über ein gemeinsam ausgehandeltes Ziel wächst eine neue gemeinsame Identität. Die Basis für all das bildet eine konsequent kooperative Haltung: Vertrauen zu wagen, lohnt sich.

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Ulrich Lilie ist Präsident der Diakonie Deutschland und Herausgeber von zeitzeichen.

Ulrich Lilie

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