Aktivität und Schicksal

Bis 2060 halbiert sich die Zahl der Kirchenmitglieder
Foto: Rolf Zöllner

Die Meldungen, dass sich die Zahl der Kirchenmitglieder in den kommenden vier Jahrzehnten in Deutschland halbieren wird und mit ihr auch die Kirchensteuereinnahmen, mögen Einige erschreckt haben. Für Andere, die sich mit der Materie regelmäßig beschäftigen, brachte die Hochrechnung einer Statistik-Studie der Universität Freiburg nicht viel Neues.

Unvermeidlich natürlich, dass es in den medialen Reaktionen zum einen zahlreiche gute Ratschläge gab, was „die Kirchen“ nun „vor Ort“ tun müssten, und zum anderen beseelte Hymnen, dass die sinkenden Zahlen den Kirchen an sich ja nur guttäten, weil dann irgendwann nur die wahrhaft Überzeugten übrigblieben. Beide Phänomene werden wahrscheinlich auch wieder in Kürze zu beobachten sein, wenn die Kirchen ihre jährlichen Austrittszahlen veröffentlichen, was vorzugsweise Mitte Juli geschieht, in der Hoffnung, dass das Sommerloch sie verschluckt.

EKD und Deutsche Bischofskonferenz stellten die Studie gemeinsam vor. Dieser ökumenische Aufschlag erhöhte die öffentliche Aufmerksamkeit, und ausnahmsweise schien genau das auch gewollt zu sein. Zum einen entlastet die Kernaussage der Studie, dass vieles an der Kirchenvolksschrumpfung in unseren Breiten nicht zu ändern ist, da sie demografische Ursachen hat, die Kirchenleitungen von revolutionärem Aktivismus. Zum anderen werden in der Studie zwei Phänomene identifiziert und hervorgehoben, die beeinflussbar scheinen und bei denen man halbwegs glaubhaft darauf verweisen kann, dass man sich darum kümmere: Erstens die immer ge-ringerer werdende Taufbereitschaft junger Eltern für ihre Kinder und zweitens die verstärkte Austrittsneigung im Alter von 25 bis 34 Jahren, also in der Berufseinstiegsphase. Letzteres verwundert nicht, denn dann beginnen die meisten Menschen, Geld zu verdienen und Kirchensteuer zu zahlen. Viele merken dann überhaupt erst, dass sie in der Kirche sind - und treten aus. Traurig, aber wahr.

Auf beiden Feldern aberwolle man nun seitens der Kirchen aktiv werden, so die Ankündigung, und es scheinen sogar Pläne zu existieren, den Kirchensteuersatz für jüngere Menschen zu ermäßigen. Vorsicht! Die Erfahrung lehrt, dass jede Änderung in Sachen Kirchensteuer, ja jedes vermehrte öffentliche Reden über Kirche und Geld überhaupt, die Austrittszahlen in die Höhe treibt. Die leidigen Erfahrungen mit der Kommunikation der Kirchensteuer auf Kapitalerträge in den vergangenen Jahren sollten da eine Lehre sein.

Dass die Teilnahme und die Mitgliedschaft in der Kirche quantitativ rückläufig sind, schmerzt besonders die vielen engagierten kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Andererseits ist diese Entwicklung fraglos auch eine Folge des günstigen Schicksals, dass unsere Breiten seit über siebzig Jahren von Krieg, Hunger und Gewalt in einem Maße verschont blieben, wie nie zuvor in der Geschichte Mitteleuropas. Die Zeitläufte meinen es gut mit uns, und das schlägt sich auch in mangelnder Teilnahme am kirchlichen Leben und in Austrittsneigung nieder. Aber sollen wir uns deswegen andere Verhältnisse - sprich Krieg, Elend, Not - wünschen? Nein, um Gottes willen, nein!

Reinhard Mawick

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Reinhard Mawick

Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.


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