Fontanes Wanderungen mit der App

Auf Entdeckungstour zu seinen literarischen Orten
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Mit einem kostenlosen Download aus dem App Store hat der Fontaneinteressierte mehr als 120 Orte in Berlin und Brandenburg zur Auswahl.

Karwe, ein kleines Dorf mit knapp 320 Einwohnern, zehn Kilometer südlich der Fontanestadt Neuruppin, liegt an der Südspitze des Ruppiner Sees. Auf einer seiner ersten Wanderungen 1859 erkundete Theodor Fontane (1819-1898) den kleinen Ort mit der Dorfkirche, dem Kirchhof, Kastanien und Lindenbäumen und mit dem prunkvollen Herrenhaus, das heute nicht mehr besteht.

„Trotz dieser Farbenpracht macht alles einen ernsten und beinahe düstern Eindruck und läßt uns auch ohne praktische Probe glauben, daß das Karwer Herrenhaus ein Spukhaus sei“, schreibt der Dichter in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Und trotzdem besuchte er Karwe und seinen Besitzer Alfred von dem Knesebeck mehrmals, fertigte Zeichnungen und Notizen an.

Und heute? Den Weg nach Karwe weist die neue Fontane-App, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg entwickelt hat. Mit einem kostenlosen Download aus dem App Store hat der Fontaneinteressierte heutzutage mehr als 120 Orte in Berlin und Brandenburg zur Auswahl, die er über eine Karte - für jeden Ort ein roter Punkt - oder eine alphabetisch nach Orten sortierte Liste ansteuern kann. Es sind biographische Orte zwischen Elbe und Oder, Orte aus dem „Stechlin“, aus „Effi Briest“, aus den „Poggenpuhls“ oder den Wanderungen. Oder er wählt Fontane-Themen wie „Kirchen der Mark“, „Mord und Totschlag“, „Schlösser und Adel“ oder „Krieg und Frieden“. Ein kleiner Vorspann führt ein; ein Originalzitat und eine ausgewählte Passage aus den Wanderungen durch die Mark Brandenburg folgen, oft auch Videos oder Hörstücke, die selbst schon historische Zeitdokumente sind. Das alles ist sehr ansprechend und übersichtlich gestaltet.

Wer also mehr zu Karwe im Fontanejahr wissen will, startet das vierminütige Video und erfährt Wissenswertes zur Ausstellung „Fontane trifft Knesebeck“ im restaurierten Alten Pferdestall: zum Beispiel über die Arbeitsweise des Dichters und über seinen Umgang mit seinen Quellen an einem authentischen Schauplatz.

Ein anderer Ort, der dazu einlädt, auf Fontanes Spuren zu wandern, ist die pittoreske Inselstadt Werder im Havelland. Die „Werderschen“ bringt ein vierminütiges Hörbeispiel, gelesen vom „König der Vorleser“ Gert Westphal aus den Achtzigerjahren, dem Besucher nahe, ein Stück Rundfunkgeschichte. Wer Werder an der Havel kennt, weiß um die zigtausenden Kirsch- und Apfelbäume, die den Ruhm des Havellandes als Obstanbaugebiet begründen. Fontane schrieb von „ganzen Kirschbaumwäldern“, erklärt die App.

Und vielleicht besucht der Nutzer, während er in dem havelländischen Städtchen auf Fontanes Spuren wandelt, die Stadtkirche, die heute noch so erhalten ist, wie sie der märkische Dichter damals schilderte - auch wenn sie in der App keine Erwähnung findet. Das beschriebene ehemalige Altargemälde aus den Wanderungen findet man im Kirchraum: Es zeigt Christus im roten Gewand als Apotheker. An einem „Dispensiertisch“, eine Waage in der Hand, vor ihm Apothekergefäße mit Schildern wie Glaube, Hoffnung, Liebe, Friede, Gnade.

Sicherlich erhebt die App keinen Anspruch auf Vollständigkeit: Literaturwissenschaftler und Fontaneinteressierte werden den einen oder anderen Lieblingsort vermissen. Und doch bietet sie eine Fülle von Informationen: Wander- und Radrouten, Links zu den Veranstaltungen im Fontanejahr, eine Kurzbiographie und eine Liste der Werke. Und: Die App „wächst mit“ im Laufe des Jubiläumsjahres, das heißt Audio- und Videobeiträge werden aktualisiert und Neues kommt hinzu.

Viele der Orte sind zu einer Art Genius Loci geworden, literarische Orte, die durch Beschreibungen in den Wanderungen und Fontanes späteren Romanen mit einer besonderen Atmosphäre umwoben sind, wo Geschichte geschrieben wurde und sich menschliche Schicksale erfüllten. Die App stimmt darauf ein.

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Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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