Über Babel

Ischtartor und Rizinusöl
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"Babel" ist keine Forscherbiographie, eher eine zugleich nach vorn wie zurückschauende und so immens verdichtete Momentaufnahme.

Hure, Hybris, Übermacht: Bibellesern, zumal protestantischen, bot Babylon stets bloß üblen Klang, bis sich im 19. Jahrhundert europäisches Imperialgebaren vor größerem Rahmen bespiegeln und dazu vorzeigbar Antikes wollte. Die Ära der Ausgrabungen begann. Babylon am Euphrat, die Urmetropole des orientalisch-okzidentalen Kulturraumes, wo Hammurabis Gesetzeskodex vor nahezu 4000 Jahren aufgeschrieben worden war, Bauwerke wie der Turm zu Babel oder das Ischtartor mit seinen bunten Kacheln standen und Israels Elite im Exil gewesen war, lag jedoch weiter unter Lehm und Schutt. Der Name bedeutet Tor Gottes. Ausgegraben hat es dann von 1899 bis 1917 der Architekt Robert Koldewey, im Auftrag der Deutschen Orientgesellschaft, und viel gründlicher, als die es wollte. Ihr kam es wie Franzosen und Briten auf Funde an, vor allem Keilschrifttafeln, um sie übersetzen und publizieren zu lassen. Ihm waren Befunde wichtiger - finden, freilegen, begreifen -, und reinreden ließ er sich in der sicheren wie auch strapaziösen Ferne nicht.

Koldewey ist die Hauptfigur in Kenah Cusanits Debutroman Babel. Die Altorientalistin und Ethnologin, wie er im Harz in Blankenburg geboren, bringt den eigensinnigen Mann darin fesselnd nahe. Und es ist geradezu emblematisch, wie sie ihn in einer Rückblende bei einem Berlin-Besuch ins hektische Gewühl am Lehrter Bahnhof stellt, wo „alle um Koldewey herumlaufen mussten, der so tat, als sei es für die Stabilität der eisernen Bogenbinderdachkonstruktion hoch über ihren Hüten und über den weit vor den Ausgängen vorauseilend gehorsam aufgespannten Regenschirmen zwingend erforderlich, dass er hier stand, ohne die Absicht, sich zu bewegen“. So begegnet er auch im Buch: Von Motiven und Aufgeregtheiten seiner Zeitgenossen nie mitgerissen, allenfalls umspült.

Eine Haltung, die er sich als grandioser Mann in seinem Fach leisten kann und die ihn, wohl mit Absicht, gerade heute sympathisch macht. Das Buch spielt 1913, und es passiert wenig. Koldewey sitzt, liegt, ergeht sich in Betrachtungen, liest, beantwortet Briefe und steht kurz vor einem Blinddarmdurchbruch. Anstatt, wie vom Mediziner empfohlen, zu ruhen, experimentiert er jedoch mit Rizinusöl und bewegt sich erneut über das riesige Grabungsgelände - voller Gedanken. Auch der Erzähler denkt und betrachtet viel. Konzentration und Stille prägen die Stimmung, auch Zeitlosigkeit und zugleich doch ein historisches Mittendrin: Die aktuelle türkische Oberherrschaft, imperiale Winkelzüge und die dort lebenden arabischen Stämme stehen auf der einen Seite, die weit davor liegende Welt des auszugrabenden Babylons auf der anderen. Im Roman verschmelzen sie.

Babel ist keine Forscherbiographie, eher eine zugleich nach vorn wie zurückschauende und so immens verdichtete Momentaufnahme: Historisch und archäologisch kenntnisreich, informativ, unterhaltsam, auch subtil humorvoll, gedankenreich und nachdenkenswert - nicht zuletzt darüber, wer wir sind. Das Ausgrabungssetting mit Lehmstaub, Gräben, Scherben und drückender Hitze bietet gleichsam Raum dafür, den Cusanit im Wechsel von erzählerischen und essayistischen Schichten fesselnd ermisst. Und Robert Koldewey wird dabei en passant dann doch dem Vergessen entrissen.

Er erscheint als einer mit den richtigen Fragen, rational, kritisch, gewitzt, mitunter aber auch fast mystisch: Ein Zeitenwanderer, dessen Gründlichkeit und zweifelnde bis grüblerische Wissbegier ihn jedoch nie zur Ruhe kommen lassen. Unglücklich wirkt er dabei nicht, eher seiner Existenz gelassen bewusst. Und am Ende trifft er die auch als „Queen of the Desert“ bekannte britische Abenteurerin und Forscherin Gertrude Bell. Mit ihr hat er bereits ausgehandelt, wie die Funde im Kriegsfalle noch nach Berlin gelangen. Die Frage, ob sie da auch hingehören, traktiert dieser starke Roman zu Recht nicht.

Udo Feist

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