Im Wandel

Kriegsbilder in der Bundeswehr
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Es ist ein enormes wissenschaftliches Verdienst Reichenbergers, die Entwicklungen in der deutschen Verteidigungspolitik nachgezeichnet und akribisch belegt zu haben.

Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge, Krieg wird vor allem dadurch bestimmt, wie Militärs ihn sich vorstellen: Entscheidend sind die so genannten Kriegsbilder, die hinter den Kriegen stehen. Der Autor Florian Reichenberger verfolgt diesen Wandel in der Bundeswehr: Als die Streitkräfte des Warschauer Paktes und der NATO sich in Europa direkt gegenüber lagen, entwarfen auch deutsche Generäle Szenarien eines künftigen Krieges. Reichenberger geht in seiner grundlegenden Untersuchung zuerst zu Kriegsbildern von 1871-1945 zurück.

Danach zeigt er, wie ausgerechnet in einem Kloster Überlegungen zum westdeutschen Verteidigungsbeitrag für die politische Führung unter Adenauer erdacht wurden. In Himmerod/Eifel hatten Zisterziensermönche seit fast 900 Jahren gemäß der Regel des Benedikt gebetet und gearbeitet. 1950 entstand hier die „Himmeroder Denkschrift“, die vielleicht wichtigste Ausarbeitung zur beweglichen Kriegsführung. Sie basierte auf der Vorstellung, einen sowjetischen Angriff strategisch aufhalten zu können. Im Kriegsbild spielte der Einsatz von Atomwaffen anfänglich noch eine untergeordnete Rolle, die Nuklearisierung der Kriegsführung besetzte aber schnell das Denken. Den Autoren ging es um eine „Vorwärtsverteidigung“, die praktisch einer aggressiven Vorwärtsstrategie der Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg gleichkam. Taktische Atomwaffen zur Unterstützung der Landstreitkräfte wurden schon wenige Jahre später zum Bestandteil eines gedachten Atomkrieges.

Richtig zieht Reichenberger als Fazit, dass die Bundesrepublik 1955 „vor dem Dilemma stand, trotz ihres Verteidigungsbeitrags im Verteidigungsfall von den eigenen Verbündeten nuklear zerstört zu werden“.

Doch dann trat in der Debatte Wolf Graf von Baudissin - der Vater der „Inneren Führung“ in der Bundeswehr - auf, der als überzeugter evangelischer Christ die Auffassung vertrat, „Gott wäre mehr zu gehorchen, als den Menschen“. Um die Schöpfung zu bewahren, wollte er die Dominanz der Atomwaffe im militärischen Denken brechen. Sein Kriegbild war: Ein Atomkrieg würde beim Versagen der Abschreckung in Europa so etwas wie „Kirchhofsruhe“ hinterlassen. Er war überzeugt davon, ein Soldat brauche gerade im Nuklearkrieg ein geistiges Rüstzeug, um selbständig Denken und Handeln zu können. Eine freiheitliche Grundhaltung, Recht und Menschenwürde stellte er oben an. Auf dem Gefechtsfeld der Zukunft gab es für Baudissin mehr Kooperation als Gehorsam, ein mitdenkender, verantwortungsfreudiger Gehorsam des Soldaten für seine Auftragstaktik.

Es ist ein enormes wissenschaftliches Verdienst Reichenbergers, derartige Entwicklungen in der deutschen Verteidigungspolitik nachgezeichnet und akribisch belegt zu haben.

Baudissins Vordenken in den Sechzigerjahren trug denn auch dazu bei, dass in der Führung der Bundeswehr ein Umdenken Raum griff: Das nukleare Dilemma - die USA hatten in Europa allein 7000 nukleare Sprengköpfe gelagert - wandelte sich zu einem Bild begrenzter Kriege und einer Strategie der „Flexible Response“. 1966 ging die militärische Führung der Bundeswehr davon aus, „dass ein Krieg mit uneingeschränktem Waffeneinsatz kein brauchbares Mittel der Politik mehr ist“, schreibt der Autor.

Die Kriegsbilder werden noch bis 1990 weiterverfolgt. Eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Blöcken des Ostens und des Westens war zwar nicht ausgeschlossen, doch hatten Entwicklungen der Hochtechnologie bei den Waffen zum Ergebnis, dass man damit defensiv umging, auch im Osten. Am Ende war der Sowjetunion beim Rüstungswettlauf die Luft ausgegangen, sie hatte sich „totgerüstet“. Es kann als glückliche Fügung gelten, dass der Abbau von Feindbildern, den Gorbatschow vorangetrieben hatte, zur Vereinigung der Bundeswehr mit der Nationalen Volksarmee (NVA) geführt hat. Eine Einheit zweier Armeen, die eigentlich in kein Kriegsbild passt.

Roger Töpelmann

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