Edles Duell

Weltwunder Brumel-Messe
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Selten hat man Musik dieser Epoche so edel, so weich und doch überaus plastisch gehört wie in dieser Aufnahme.

Martin Luther ging einen schweren Gang, als er 1519 zur Disputation mit dem Theologen Johannes Eck schritt. Der Reformator selbst räumte später selbstkritisch ein, dass sein Widersacher bei dem insgesamt fast drei Wochen währenden Schlagabtausch besser abgeschnitten habe, was Luthers Anhängerschaft jedoch ganz anders bewertete, und die Reformation gewann an Fahrt. Aber das ist eine andere Geschichte, hier geht es um Musik: Im Eröffnungsgottesdienst anlässlich der Disputation am 26. Juni 1519 sangen die Thomaner unter Leitung ihres damaligen Kantors Georg Rhau eine zwölfstimmige (!) Messe. Lange Zeit meinte man, dass Rhau die Messe selbst komponiert habe, doch das ist sehr unwahrscheinlich, denn das Komponieren eines zwölfstimmigen polyphonen Satzes beherrschten selbst im goldenen Zeitalter des Kontrapunktes nur Wenige. Und ob gerade Thomaskantor Rhau zu dieser erlesenen Schar gehörte, ist stark zu bezweifeln, seine praktischen Fähigkeiten lagen eher auf anderem Feld. Dafür spricht zumindest, dass Rhau sein Kantorenamt schon nach vier Jahren aufgab, 1522 nach Wittenberg übersiedelte und dort eine Buchdruckerei gründete. Seit einigen Jahren ist sich die Fachwelt ziemlich sicher, dass es sich bei dem damals aufgeführten Werk um die 12-stimmige Messe über das Osterantiphon "Et ecce terrae motus" des französischen Meisters Antoine Brumel (ca. 1460 -1513) handelt. Ein Stück, bei dem in der Tat die Erde bebt ob der harmonischen Kühnheit und satztechnischen Kunstfertigkeit der Komposition. Anlässlich des 500. Jubiläums der mutmaßlichen, wenn auch sehr wahrscheinlichen Leipziger Aufführung haben sich mit dem Calmus Ensemble und dem Ensemble Amarcord zwei herausragende deutsche A-cappella-Solistenquintette zusammengetan und verstärkt mit zwei Gastsängerinnen dieses Wunderwerk neu eingespielt. Um es kurz zu machen: Eine phantastische CD! Selten hat man Musik dieser Epoche so edel, so weich und doch überaus plastisch gehört wie in dieser Aufnahme. Die im Brumel vereinigten Ensembles heben sich wohltuend von der zuweilen hohl anmutenden Knarzigkeit anderer Renaissance-Ensembles ab: Blitzsauber, klar konturiert, mit überlegt-überlegener Gestaltung und das alles mit einem warmen, anziehenden Gesamtklang. Glückwunsch! Neben dieser beglückenden Gemeinschaftsleistung bereichern die Ensembles, die beide einst aus den Reihen der Thomaner hervorgingen, zwischen den einzelnen Sätzen der Messe die CD mit anderen erlesenen Werken der Epoche, u.?a. von Johann Walter, Josquin des Préz, Thomas Stolzer und Nicolas Gombert. Auch hier bleiben keine Wünsche offen. Fazit: Alle, die bisher meinten, Renaissancemusik sei langweilig, werden nach Hören dieser Aufnahme bekehrt sein.

Reinhard Mawick

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