Geweitete Perspektive

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten in den kommenden Wochen stammen von Traugott Schächtele. Er ist Prälat in Schwetzingen.

Radikale Offenheit

2. Sonntag nach Epiphanias, 20. Januar

Freut euch mit den Fröhlichen,weint mit den Weinenden.(Römer 12,15)

Wieder einmal scheint hier ein ärgerlicher, weil vermeintlich christlicher Appell zur Anpassung zu erklingen. Nur nicht auffallen. Schon gar nicht dagegenhalten. So wird himmlische Homöopathie verabreicht, anstatt in der Freiheit eines Christenmenschen die Welt zum Besseren hin zu verwandeln. Die Tränen der Weinenden sollen doch an ihr Ende kommen. Da scheint der seelsorgliche Appell des Paulus zur Anteilnahme durch seelische Gleichschaltung fast überflüssig zu sein. Denn neurobiologisch betrachtet geht es meist gar nicht anders. Unser Hirn ist mit einem System von Nervenzellen ausgestattet, das auf Empfindungen und Erfahrungen anderer so reagiert, als wären wir selber betroffen. Wenn wir beobachten, wie sich jemand in den Finger schneidet, reagieren unsere Nervenzellen mit Schmerzempfindungen, so als hätten wir uns selber verletzt. Die Spiegelneuronen bilden die biologische Voraussetzung von Empathie und Mitgefühl. Wer Tränen seines Gegenübers wahrnimmt, reagiert mit eigener Trauer. Er kann gar nicht anders. Aber so entsteht mitnichten eine Endlosschleife negativer Gefühle. Denn wenn mein Gegenüber meine Freude spüren kann, wird auch diese ihn anstecken. Die Freude der einen und die Trauer des anderen stehen also in Konkurrenz zueinander. Aber es geht gar nicht darum, schneller zu sein und in der Konkurrenz möglicher Gestimmtheiten einen Stich zu machen. Es geht vielmehr darum, mich ganz bewusst auf den Menschen neben mir einzulassen und wahrzunehmen, was sein Leben im Moment ausmacht. Und wenn beide Beteiligten dieses Wagnis eingehen, gehen sie beide auch verändert aus der Begegnung hervor. Das gilt übrigens nicht nur für die Ebene der Emotionen. Wenn Paulus in einem anderen Brief schreibt, dass er den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche wird, scheint er die Wirkweise der Spiegelneuronen auch auf kulturelle und religiöse Prägungen beziehen zu wollen. Nicht kurzsichtig und besserwisserisch dagegensetzen, sondern durch radikale Offenheit zu verwandeln suchen, was ist, so ließe sich das paulinische Programm der Veränderung der Wirklichkeit zum Guten knapp zusammenfassen. Aber mit dieser Einsicht verhält es sich wie mit dem, was wir auf medizinischem Gebiet beobachten. Manchmal reichen die Selbstheilungskräfte einfach nicht aus. Dann muss ich auch den Mut aufbringen, es mit einem himmlischen Antibiotikum und mit mutigem Widerstehen zu versuchen.

Bewährte Einsicht

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 27. Januar

Der Herr sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (2. Mose 3,5)

Wenn ich eine Moschee besuche, komme ich nicht um das herum, was das 2. Mosebuch beschreibt. Ich muss die Schuhe ausziehen, bevor ich das Gotteshaus betrete. Schließlich ist es denen, die mich eingeladen haben, heilig. Den muslimischen Brauch einzuhalten, gebietet also der Respekt vor dem, was anderen wichtig und wertvoll ist. Dass Gott Menschen nur barfuß in seine Nähe lässt, entspricht ja nicht der Absicht mancher Sportmediziner, jemandem orthopädisch etwas Gutes zu tun. Schuhe sind zweifellos eine kulturelle Errungenschaft. Sie schützen Füße nicht nur vor schlechter Witterung und schwer begehbarem Untergrund. Sie dienen vielmehr auch dem Wunsch, modisch stimmig und in einem schönen Outfit daherzukommen. Nicht nur Kleider machen Leute, auch Schuhe. Aber genau hier liegt der Grund dafür, dass Gott den Mose auffordert, die Schuhe auszuziehen. In Gottes Gegenwart geht es eben nicht mehr darum, was ich aus mir mache. Da genügt es vielmehr, so zu sein, wie Gott mich gemeint hat, lange ehe Kultur und Eitelkeit mich vor ihm und der Welt ansehnlicher machen wollen. Ohne Schuhe kommt der Mensch zur Welt. Und der von den Muslimen bewahrte Brauch, nur in Strümpfen ein Gotteshaus zu betreten, hat diese Einsicht in schöner Weise bewahrt. Ich betrete das Heilige eben nicht mit beschuhten Füßen. In unserem Alltag ist davon zumindest noch im privaten Bereich etwas übriggeblieben. Manchen ist Haus und Wohnung so heilig, dass auch Gäste sie nur in Strümpfen oder allenfalls in Pantoffeln betreten dürfen. Der Brauch, sich in bestimmten Situationen, an bestimmten Orten die Schuhe auszuziehen, gehört sicher nicht zu den Überlebensbedingungen der Menschheit. Aber dass mir etwas heilig ist, schon. Die Erfahrung des Heiligen ist der 1/2019 zeitzeichen 51 Ursprung aller Religion. Die Erfahrung, dass Gott mir nahekommt - manchmal kommt sie leise und zart daher, manchmal sogar so verborgen, dass ich sie erst im Nachhinein wahrnehme und verstehe. Ein anderes Mal ist diese Erfahrung so großartig, überwältigend, ja so umwerfend, dass es mir im übertragenen Sinn fast die Schuhe auszieht. Dann geht es mir nicht viel anders als Mose. Dann muss ich nichts mehr aus mir machen, weil ich mir meiner eigenen Würde auch so bewusst bin.

Moderner Apostel

5. Sonntag vor der Passionszeit, 3. Februar

Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus. (1. Korinther 1,4)

Das Wort "fremdschämen" bezeichnet ein neues Phänomen. Das Wort wurde erst vor zehn Jahren in den Duden aufgenommen. Und doch hat es sich innerhalb weniger Jahre fast schon zu einem Modewort entwickelt. Mit Fremdschämen ist gemeint: Weil immer mehr Privates an die Öffentlichkeit dringt, erfüllt mich vieles, was ich wahrnehme, stellvertretend für diejenigen mit Abscheu und Scham, denen fast nichts mehr peinlich ist. Fremddanken ist dagegen eine alte Tugend, obwohl es dieses Wort noch nicht in den Duden geschafft hat. Das Phänomen findet sich schon in den Briefen des Paulus. Ja, im Fremddanken ist der Apostel geradezu ein Meister. Eigenlob steht zu Recht im Verdacht, nur dem Selbstmarketing zu dienen. Bewerbungsschreiben sind eindrückliche Quellen der in unserer Gesellschaft geforderten Selbstwürdigung des Einzelnen. Und wer dieses Spiel nicht mitspielt, bleibt am Ende nicht selten außen vor. Dagegen mehrt das Fremddanken das Ansehen anderer. Der Erfolg, den ich bei ihnen wahrnehme, könnte bei mir ja Neid auslösen. Aber Paulus liefert eine überzeugende Alternative. Ich freue mich nicht nur über das, was anderen gelingt, sondern bin sogar dankbar dafür. Und so werde ich selber ein Teil des Gelingens, das anderen geschenkt ist. Das ist mehr als nur ein Zeugnis oder eine Referenz. Es verbindet vielmehr die Begabung, die ich bei anderen wahrnehme, mit der Geschichte meiner Beziehung zu Gott. So kann ich frohen Herzens zulassen, dass Gottes Großzügigkeit allen Menschen gilt. Ja, diese Einsicht lässt mich feiern - auch die unüberhörbare Anerkennung der anderen, vor allem derer, die oft übersehen werden. Diese im Fremddanken gefeierte Würdigung wird womöglich zu einer Haltung, die nicht nur Einzelne verändert, sondern die Welt um mich herum gleich mit. Der Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker (1912- 2007) hat als intelligente Feindesliebe die Bereitschaft bezeichnet, den Feind mit dessen Augen wahrzunehmen, um gemeinsam dem Frieden näherzukommen. In diesem Sinn wäre das Fremddanken die intelligente Form der Gottesliebe. Denn ich gelange zu ihr gerade dadurch, dass der Erfolg der Anderen mich auf Gott ausrichtet. Ich finde es einmal mehr erstaunlich, wie modern sich der Apostel Paulus immer wieder erweist. Auch das ist ein Anlass zum Fremddanken.

Wertvolle Fracht

4. Sonntag vor der Passionszeit, 10. Februar

Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und die Jünger weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? (Markus 4,38)

Wenn es eine Frage gibt, die dem lieben Gott in den Ohren klingeln muss, dann doch die, die die Jünger Jesus stellen. Das vorwurfsvolle "Siehst du denn nicht, wie schlecht es mir geht?" beschreibt doch eine der Hauptursachen, warum Menschen ihren Glauben an Gott aufgeben. Sie haben das Gefühl, dass ihre Bedrängnis Gott egal ist. Aber warum kommt man zu einer solchen Vermutung und Einstellung? Vermutlich ist es die Erwartung, wie mein Leben eigentlich laufen müsste. Sicher: Stürme gehören zum Leben. Aber bitte nicht so heftige. Und wenn sie schon unumgänglich sind, möge Gott doch bitte rechtzeitig eingreifen. Von dem, der auf einem Kissen ruht, erwarte ich bei einem Sturm keine Hilfe. Dann doch eher von demjenigen, der am Steuerrad steht. Dass mein Leben und die Zukunft der Welt in Gefahr geraten sind, sollte doch auch Gott nicht einfach ertragen. Dass Jesus auf einem Kissen liegt und schläft, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Während die einen um ihr Leben bangen, hat der, von dem sie die Rettung erwarten, sich einfach zur Ruhe begeben. Aber Panik erweist sich wieder einmal als schlechter Helfer. Denn davon wird der Sturm nicht ruhiger. "Habt ihr denn keinen Glauben?" Die Frage Jesu legt offen, woran es den Jüngern mangelt. Der Glaube ist nicht die überschüssige Fracht, die wir als erstes über Bord werfen, wenn die Stürme des Lebens unser Boot bedrohen. Er bewahrt Menschen vielmehr davor, dass es ihnen ergeht wie den Passagieren eines Schiffes, das für Stürme schlecht gerüstet ist und untergeht. Dass sich in der Geschichte, die Markus erzählt, das Meer tatsächlich beruhigt, lässt Jesus wie einen Wundermann erscheinen. Aber das ist nicht der Zielpunkt der Geschichte. Der liegt vielmehr darin, die Geschichte meines eigenen Lebens von hinten her wahrzunehmen. Die Geschichte vom großen Sturm hat sich als Geschichte von der "Stillung des Sturmes" in unser Gedächtnis eingeschrieben. Und so könnte ich auch auf mein Leben zurückblicken: dass ich mich an erfolgreich überstandene Stürme erinnere. Das weckt und stärkt die Zuversicht im Angesicht der Herausforderungen, die sich mir heute stellen und die ich bewältigen muss. Da ist es gut zu wissen, dass gerade die, die vieles verschlafen, am Ende zu den Garanten der Rettung und einer erfolgreichen Zukunft werden können. Und womöglich wäre es manchmal hilfreicher, wenn ich auf dem Kissen Gottes liegend wieder zur Ruhe fände, statt in Panik zu verfallen.

Traugott Schächtele

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