Bestmöglich

Einstimmung ins Karl-Barth-Jahr
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Insgesamt ein Kabinettstück theologischer Zeitgeschichte.

Von einem Studienbuch über das Werk eines Theologen wird man zweierlei erwarten: Es soll dessen Gesamtduktus, Grundentscheidungen und wesentliche Pointen verlässlich und nachvollziehbar herausarbeiten und zum Selberlesen animieren. Beides ist dem emeritierten Theologieprofessor Michael Weinrich in überzeugendem Maße gelungen. Dabei profitieren die Leser nicht zuletzt von dem großen didaktischen Geschick, mit dem der Autor den umfangreichen Stoff aufbereitet hat.

Der Autor setzt ein mit zwölf „Blitzlichtern“, die jeweils einen markanten Aspekt der Theologie Barths aufscheinen lassen. Für den eiligen Leser ein erster, hilfreicher Überblick auf das „Ganze“, zudem eine Leseanleitung für alles Weitere, weil angezeigt wird, wo sich in den folgenden Kapiteln weitere Ausführungen und Vertiefungen finden lassen.

Das zweite Kapitel „Lebensweg“ lässt die Bezogenheit von Barths theologischer Entwicklung auf die Fragen, Herausforderungen und vor allem Abgründe der jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Gemengelage anschaulich werden: Wer je der Falschmeldung aufsaß, Barths Theologie sei abstrakt, selbstverschlossen oder unpraktisch, wird hier eines Besseren belehrt: Vom „roten Pfarrer in Safenwil“ über sein Engagement im Kirchenkampf bis hin seinen Stellungnahmen im Ost-West-Konflikt oder seinen Impulsen in Richtung Ökumene – stets drängt eine der „Menschlichkeit Gottes“ nach denkende Theologie auf orientierte Wahrnehmung dessen, was der Fall ist und in entsprechendes Handeln. Der Nachzeichnung des Lebensweges Barths korrespondiert das Schlusskapitel über „Aspekte der Wirkungsgeschichte“, insofern die positive wie kritische Rezeption Barths entlang seiner Entwicklungsphasen und damit im Kontext der je virulenten Diskurslagen dargestellt wird – insgesamt ein Kabinettstück theologischer Zeitgeschichte.

Dazwischen, gleichsam als Herzstück auf etwa 270 Seiten, zunächst eine Draufsicht auf Barths Weise, Theologie zu betreiben, um danach entscheidende theologische Perspektiven (der Gliederung der Kirchlichen Dogmatik folgend) zu entfalten. Dazu nur drei Unterstreichungen: „Gott kann nur erkannt werden, wo er sich selbst zu erkennen gibt.“ Die Grundeinsicht Barths, Theologie konsequent als Nachdenken über die in der Offenbarung uns ansprechende und ergreifende Wirklichkeit Gottes zu bestimmen, befreit von der Gefahr, auf dem Wege eigener Erkenntnisanstrengungen am Ende nur wieder bei sich selbst zu landen – und somit der Feuerbachschen Religionskritik immer neue Nahrung zu liefern. Ja, es ist unmöglich, dass wir uns zur Erkenntnis Gottes aufschwingen, aber als Antwort auf Gottes Selbstkundgabe ist sie, wie Weinrich es in Umkehrung der berühmten Formel Franz Overbecks ausdrückt, eine „mögliche Unmöglichkeit“.

Zum Zweiten: Der beziehungsreiche (trinitarische) Gott will nicht unter sich bleiben, weshalb sich sein Wesen als „Immanuel“ (Gott-mit-uns) vor allem in der – heute oft vernachlässigten – von Barth strikt christologisch formatierten Erwählungslehre erschließt. In seiner Erwählung erweist Gott sich als der Menschenfreundliche; in ihrem Licht erscheint die Ekklesia als die Gemeinde von Israel und Kirche „unter dem Bogen des einen Bundes“ (Eberhard Busch) – mit weitreichenden Konsequenzen nicht nur im Blick auf die Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen (Kirche und Israel), sondern auch für die Ökumene, die erst an dieser Stelle mit ihrem Ernstfall in Kontakt käme; schließlich begründet die Freundlichkeit Gottes des Menschen Freiheit und eröffnet ihm einen weiten Raum, der dann in der Schöpfungslehre als dem „äußeren Grund des Bundes“ abgeschritten und konkretisiert wird. Und drittens: Die in Christus geschehene Versöhnung ist als Gottes Erfüllung seines Bundes „die Mitte aller christlichen Erkenntnis“. Indem Weinrich die „Schönheit“ der Architektur von Barths Versöhnungslehre nachzeichnet, vermag er zugleich anzuzeigen, wie hier der Wirklichkeitsraum erschlossen wird, in dem wir heute nicht nur zur heilsam-ungeschminkten Erkenntnis unserer Abgründe geführt, sondern auch und viel mehr befähigt werden, in der Gegenwart des Auferstandenen tätige Zeugen und Boten zu werden. Insgesamt eine bestmögliche Einstimmung in das Barthjahr und gewiss eine Animation, Barth selber neu zu lesen.

Peter Bukowski

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