Fundgrube

Neue Soziale Arbeit
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Die Autoren und Autorinnen des Bandes wollen die jahrzehntelange Abstinenz der Sozialarbeitstheorie und -forschung gegenüber der Religion und menschlicher Religiosität beenden.

Viele kirchlich-diakonische Träger Sozialer Arbeit stellen sich die Frage nach dem besonderen Profil im Wettbewerb mit anderen. Zudem gerät die Unternehmensidentität immer stärker in den Fokus, die anstelle formaler Kirchenmitgliedschaft von den Mitarbeitenden zu bejahen ist. Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeitende der Hamburger Stiftung „Das Rauhe Haus“ und Lehrende der zugehörigen Evangelischen Hochschule diesen Sammelband zur Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit herausgegeben. Zudem wollen sie damit den Impuls setzen, die jahrzehntelange Abstinenz der Sozialarbeitstheorie und -forschung gegenüber der Religion und menschlicher Religiosität zu beenden.

Die Herausgeber sehen sich nach den Säkularisierungsdebatten vergangener Jahrzehnte durch die Wiederkehr des Religiösen ins öffentliche Bewusstsein gefordert. Ausgangspunkt ist dabei die Luhmannsche Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz. Der Sinn, den Menschen existentielle Erfahrungen geben, kann so als implizite Religiosität verstanden werden. Ein Transzendenzglaube deutet die Erfahrungen dann aus einem transzendenten Wirklichkeitsverständnis heraus, während ein Konfessionsglaube die Verbindung mit einer theologischen Vorstellung koppelt. So entstehen drei aufeinander aufbauende Dimensionen individueller Sinnkonstruktionen, für deren Verständnis sensibilisiert werden soll. Dieses geschieht, indem sich Soziale Arbeit für die religiöse Erfahrung von Menschen öffnet, deren Bedeutung differenziert wahrnimmt und sie schließlich in professionelle Handlungskonzepte zu integrieren weiß.

Über dreißig Beiträge entwickeln nun höchst unterschiedliche – theoretische wie handlungspraktische – Perspektiven und machen den Band zu einer großartigen Fundgrube, die je nach eigener Profession und Interesse genutzt werden kann. Dabei werden so unterschiedliche Themen wie Religion in der Einwanderungsgesellschaft, das Konzept der Lebensbewältigung, Religionssensibilität in der Jugendhilfe, Meditation als Bildung bis hin zum Überzeugungspluralismus als Gestaltungsaufgabe für diakonische Unternehmen oder Plädoyer für eine Sinn-suchende Psychiatrie behandelt.

Gegliedert sind die Beiträge in fünf Teile, die mit einer Diskussion zur Religion in der Gesellschaft beginnen. Forschungsstände und theoretische Modelle einer religionssensiblen Sozialen Arbeit werden ebenso beschrieben wie Handlungskonzepte und Methoden. Die Religionssensibilität bezieht sich nicht nur auf den Einzelnen und die Gruppe, sondern vielmehr auch auf die Organisationen und Handlungsfelder Sozialer Arbeit, in denen diese Sensibilität entwickelt und gelebt wird. Schließlich spielt aus dieser religiösen Perspektive auch die Konfessionalität eine wichtige Rolle, die in den abschließenden Erfahrungsberichten aus Gemeinschaftserleben deutlich wird.

Offensichtlich stehen Begrifflichkeiten und methodisches Instrumentarium bereit, die Theoriebildung, die sozialarbeiterische Fachlichkeit und schließlich die Organisationsstrukturen auf Religionssensibilität hin zu entwickeln. Der lesenswerte Band ist herausragender Meilenstein auf diesem Weg. Weitere müssen nun folgen. Dabei wird die Interdisziplinarität von entscheidender Bedeutung sein, welche sich aus dem Zusammenspiel aus Sozialarbeitswissenschaft, konfessionell geprägter theologischer Reflexion und interreligiösem Dialog ergibt.

Jens Beckmann

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