Fusionen im Norden

Sebastian Dittmers schildert den langen Weg zur Nordkirche
Foto: Boris Rostami-Rabe
Die vielfältigen und verschlungenen Wege der einst vielen lutherischen Kirchen in Norddeutschland zur Nordkirche beschreibt Sebastian Dittmers in einer spannenden Promotionsarbeit.

Vor meinem Theologiestudium kannte ich eigentlich nur meine Kirchengemeinde und natürlich unsere polnische Partnergemeinde in Stettin. Die landeskirchliche Ebene dagegen war mir völlig fremd. Also ging ich gleich im ersten Semester in Kiel in die Fakultätsbibliothek und fragte nach einem Buch über meine Landeskirche – damals war es ja noch die Nordelbische Kirche.

Aber es stellte sich heraus, dass es so eine ausführliche Darstellung der Nordelbischen Kirche noch gar nicht gab. Da fasste ich in mir den Entschluss: „Gut, wenn es dieses Buch nicht gibt, dann schreibe ich es eben selbst!“

Nach dem Grundstudium wechselte ich für drei Jahre nach Kanada an die Toronto School of Theology, eine Ausbildungsstätte, in der sich sieben unterschiedliche konfessionelle Träger zusammengeschlossen hatten, unter anderen Anglikaner, Presbyterianer, Unierte und Katholiken – eine große Vielfalt! Dort habe ich auch die quantitative Religionssoziologie als Möglichkeit entdeckt, die Bedingungen von kirchlicher Arbeit realistisch einschätzen zu können.

Nach meinem Ersten Examen in Hamburg wollte ich dann endlich das Buch schreiben, das ich schon im ersten Semester vermisst hatte, und begann meine Promotion. Schon bevor ich mit der Arbeit begann, zeichnete sich ab, dass es die Nordelbische Kirche so nicht mehr lange geben würde, sondern dass sie durch eine Fusion mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs und der Pommerschen Evangelischen Kirche zur Nordkirche werden würde. Deshalb habe ich das Thema von „Geschichte der Nordelbischen Kirche“ auf „Entstehung der Nordkirche“ verändert und hatte insofern das seltene Glück, den Gegenstand meiner Dissertation als Zeitzeuge mitverfolgen zu können.

Von dem Fusionsprozess, aus dem die Nordkirche 2012 entstanden ist, handelt das letzte Kapitel meiner Arbeit. Um bei dieser Analyse der Fusionsverhandlungen verständlich zu machen, warum zum Beispiel Pommern unbedingt in der EKU bleiben wollte, Mecklenburg seine Propsteien nicht aufgeben konnte und für Nordelbien eine Kündigung von Tarifverträgen mit den Gewerkschaften nicht in Frage kam, fasse ich im ersten Kapitel der Arbeit die (Verfassungs-)Geschichte der drei Vorgängerkirchen der Nordkirche zusammen.

Bereits im 19. Jahrhundert, als sich die evangelischen Landeskirchen langsam aus der vollen Kontrolle des Staates zu lösen begannen, gab es Bestrebungen, die norddeutschen lutherischen Kirchen zu vereinigen. Damals wurde die Bildung eines gemeinsamen Landeskirchenamtes für Hannover und Schleswig-Holstein erwogen. Doch dem widersetzte sich damals Schleswig-Holstein, das als kleinerer Fusionspartner Angst hatte, assimiliert zu werden. Diese Angst ist bei (versuchten) Fusionen häufiger bei kleineren Partnern zu beobachten.

Ab 1933 versuchten die Nationalsozialisten, massiv Einfluss auf die evangelische Kirche zu nehmen und drängten auch in Norddeutschland Landeskirchen zur Fusion. Erfolg hatten sie jedoch nur in Mecklenburg, wo die beiden Landeskirchen Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz in nur vier Monaten fusionierten. Die eigentlich schon entmachteten Synoden, die ihre Kompetenzen bereits an so genannte Landeskirchenführer abgegeben hatten, traten am 13. Oktober 1933 nur zu diesem Zwecke zusammen, und das Protokoll legt nahe, dass die ganze Sache sehr schnell durchgezogen wurde: „Ich bitte die Mitglieder, die nicht einverstanden sind, sich zu erheben. Ich stelle fest, dass niemand sich erhoben hat …“ Erst in der späteren Überarbeitung des Protokolls liest sich der Vorgang so, als ob alles nach dem üblichen Procedere – Einbringung, Gelegenheit zur Debatte, Frage, Gegenfrage, Enthaltungen – verlaufen wäre.

Deutlich mehr Zeit wurde für die Fusionsverhandlungen zur Nordelbischen Kirche verwendet. Durch das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 hatte sich die Fläche Hamburgs um 80 Prozent vergrößert. Kirchlich gehörten diese Teile aber weiterhin zur Schleswig-Holsteinischen oder Hannoverschen Landeskirche. Die Hamburgische Landeskirche hätte sich diese Gebiete 1937 gerne einverleibt. Für Schleswig-Holstein wäre der Verlust dieser Gemeinden mit hohem Kirchensteueraufkommen jedoch schmerzlich gewesen. Eine Fusion dagegen konnte (finanziell) nicht im hamburgischen Interesse sein, da Hamburg dann sein hohes Kirchensteueraufkommen mit ganz Schleswig-Holstein hätte teilen müssen. Durch die Ansiedlung der ausgebombten Hamburger Bevölkerung und weiterer Flüchtlinge in den seit 1937 neuen Gebieten Hamburgs sowie durch den Zuzug wohlhabender Bevölkerungsteile in den flach bebauten Stadtrand wuchs das Kirchensteueraufkommen in diesen Gebieten weiter, während es auf dem Gebiet der Hamburger Landeskirche kontinuierlich abnahm.

Die dadurch abnehmenden Vorbehalte Hamburgs gegen eine Fusion und der Wunsch, kirchliche Arbeit für eine Stadt nicht zwischen zwei Landeskirchen abstimmen zu müssen, waren dann die wesentliche Triebfeder für einen komplizierten Fusionsprozess der vier Landeskirchen Schleswig-Holstein, Lübeck, Eutin, Hamburg und des Kirchenkreises Harburg, aus dem 1977 die Nordelbische Kirche hervorging. Finanzielle Aspekte spielten auch für die Bildung der Nordkirche eine entscheidende Rolle. Pommern war durch die sinkende Kirchenmitgliedschaft und die damit sinkenden Kirchensteuereinnahmen in eine Finanzkrise geraten und suchte Fusionspartner.

Da diese Veränderungen der Kirchenmitgliedschaft der entscheidende Auslöser für die Entstehung der Nordkirche waren, interessierte mich natürlich, warum die Mitgliedschaft so stark abnahm. Das war dann eine Frage an die Religionssoziologie. In Toronto hatte ich noch gedacht, die Kirchen müssten einfach bessere Arbeit machen, dann würden die Leute schon wieder kommen. In einem eigenen Kapitel meiner Arbeit weise ich anhand religionssoziologischer Daten nun aber nach, woran man erkennt, dass dies ein Trugschluss ist und wieso kirchliches Handeln den Mitgliederschwund weder verursacht hat noch aufhalten kann.

Was diese Einsicht, die für kirchliche Akteure sowohl entlastend als auch entmutigend sein kann, für kirchliches Handeln in den nächsten Jahrzehnten bedeuten kann, soll Thema meines nächsten Forschungsprojektes sein.

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

Sebastian Dittmers: Entstehung der Nordkirche. Lutherische Verlagsgesellschaft Kiel 2015, 222 Seiten, Euro 14,95. Das Buch kann versandkostenfrei direkt beim Autor bezogen werden, E-Mail: sebastiandittmers@web.de.

Sebastian Dittmers

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