Wichtige Debatte

Kirche und Künstliche Intelligenz
Bild
Gut, eine solche Stimme aus der Kirche zu hören...

In Science-Fiction-Filmen wie I, Robot (2004) erscheint Künstliche Intelligenz (KI) meist als düstere Utopie: Selbstständige Roboter werden zu einer Gefahr für die Menschen. Doch Technikvisionäre wie Ray Kurzweil erwarten bis 2045 tatsächlich, dass sich KI-Systeme derart selbst verbessern können, dass sie völlig autonom werden. Gegen die Sorge, dass die weitere Entwicklung für die Menschen dann nicht mehr vorhersehbar sei, setzt er seine (Erlösungs-)Hoffnung, menschliche Grenzen - auch die des Todes - durch Technik zu überschreiten, den sogenannten Transhumanismus.

Andere KI-Systeme verändern das Leben dagegen schon heute: im smart home wie in der smart city, in der Arbeitswelt, der Mobilität und der Medizin. Staaten rüsten auf mit halbautonomen Waffen, die, nebenbei gesagt, international dringend zu ächten sind. Das zeigt: Der Digitalisierungsprozess ist in vollem Gange - und es geht nicht nur um die Frage, ob eine leistungsstarke digitale Infrastruktur bis an jede Milchkanne notwendig ist. Angesichts des tiefgreifenden Wandels, der durch die Digitalisierung realistisch erwartbar ist, geht es zunehmend auch um die Frage: Was ist der Mensch?

Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN und Aufsichtsratsvorsitzender des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP), hat mit seinem lesenswerten Buch Digital Mensch bleiben einen konstruktiven Debattenbeitrag dazu vorgelegt. Beeindruckend ist Jungs gründliche und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Pragmatisch erkennt er die Digitalisierung als Realität an; benennt Risiken und auch Chancen. Gut, eine solche Stimme aus der Kirche zu hören, die ihre digitale Beweglichkeit erst noch erweisen muss. Jungs Angebot an die Leserschaft, nach der Lektüre „besser zu verstehen, was durch die Digitalisierung geschieht, und klarer zu erkennen, wo und wie wir handeln müssen“, wird von ihm in besonderer Weise eingelöst und sollte unbedingt angenommen werden.

Mit Prognosen ist der leitende Geistliche zurückhaltend, aber eindeutig. Er schildert, was sich ihm - unter anderem nach einem Besuch im Silicon Valley - als realistisch oder als überzogen dargeboten hat. So ist er zu der Überzeugung gelangt, dass die Digitalisierung nicht nur ethisch reflektiert werden müsse, sondern dass die globale Politik den digitalen Wandel intensiver wahrnehmen, gestalten und gegebenenfalls regulieren müsse.

Schwerpunkte legt Jung in seinem Buch zum Beispiel auf die ethischen Herausforderungen bezüglich autonomer Mobilität, des Wandels in Industrie und Arbeit sowie der digitalen Medizin. Dass, wie noch 2018 bekannt wurde, He Jiankui erstmals die DNA menschlicher Embryonen durch die Genschere Crispr/Cas9 verändert hat, verlangt ethische Aufmerksamkeit. Jung betont bereits die Ambivalenz der Verbindung von digitaler Technologie und Biotechnologie. Noch klarer skizziert er, dass hochleistungsfähige Diagnosesysteme bald medizinischen Fortschritt bringen, zugleich aber die Frage nach dem Datenschutz verschärfen und menschliche Arbeitskraft ersetzen werden. Letzteres zeigt in nuce: Es ist auch nötig, über Arbeitsmodelle, soziale Absicherung und Beteiligungsgerechtigkeit neu nachzudenken. Es wird digitale Arbeit in Fülle und Arbeitslosigkeit geben.

Theologisch ist Jung skeptisch gegenüber Kurzweils und nun auch Hes Fortschrittsoptimismus, der dem Menschen göttliche Fähigkeiten verheißt und ihn zum Homo deus (Yuval Harari) erhebt. Er fragt: Was macht mich als Person aus? Wie verstehe ich den Grund meiner Existenz? Mit Psalm 8 erinnert der hessische Kirchenpräsident etwa daran, dass der Mensch wenig geringer gemacht ist als Gott. Die Verantwortung der Menschen ist es, das Maß zu finden zwischen der Anerkennung dieser Begrenztheit und der Ausschöpfung ihrer Fähigkeiten. Herauszufinden, was ihnen schadet und was ihrem Leben dient, ist nach Ansicht von Volker Jung ihre Aufgabe im digitalen Wandel. Die Menschen müssen entscheiden, „welche Möglichkeiten wir nutzen wollen und ob und wo wir Grenzen ziehen“. Sie darin zu begleiten, sei auch die Sache der Kirche, die gerade keine „digitalfreie Gegenwelt“ darstellen soll (siehe auch Jonas Bedford-Strohm in zz 9/2017). Zwar kann sie ihnen aus ihrer religiösen Überlieferung nicht für alle Fragen direkte Handlungsanleitungen geben, aber sie kann die Frage nach dem Menschen wachhalten und ihnen im digitalen Wandel Orientierung geben. Jung ruft dazu Luthers prägende Einsicht ins Gedächtnis: „Wir sollen Menschen und nicht Gott sein. Das ist die Summa.“

Dominik Weyl

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Dominik Weyl

Dominik Weyl war Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Zürich. Im September beginnt er das Vikariat in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen