Kurzweilig

Karl Barths Theologie heute
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Barths Gedankenwelt wird durch einen eigenwilligen Kunstgriff zugänglich gemacht.

Das kleine Buch des Nürnberger Systematischen Theologen Ralf Frisch hat seine Wurzeln in dessen Studentenzeit und ist gleichzeitig die Frucht seiner bisherigen akademischen Tätigkeit - einschließlich der Dissertation über Karl Barths und Theodor Adornos kritische Theorien der Moderne. Barths Theologie wird durch einen eigenwilligen Kunstgriff zugänglich gemacht, insofern Frisch den von Falk Wagner (1939-1998) gegen Barth vorgebrachten Einwand konsequent auf die Spitze treibt, auch seine Dogmatik sei Religion und also nicht in der Lage, von Gott her zu denken und zu sprechen. In Frischs Augen war Barth nämlich nicht ernsthaft davon überzeugt, was er von Gott sage, sei auch die Wahrheit über Gott. Barths Theologie verzichte vielmehr auf jeden Anspruch, eine außerhalb liegende Wahrheit einzufangen; sie könne - im Anschluss an George Lindbeck und Hans W. Frei - als linguistic turn, als sprachliche Wende gelesen werden und sei „Neuschöpfung der göttlichen Wirklichkeit durch Sprache“.

Frisch erzählt darum „Barths Gottesstory mit Happy End“, seinen „Offenbarungs-Dadaismus“, nach, der nur deshalb wahr ist, weil er so schön ist. Denn: „Geschichten sind Sprachereignisse. Sie sind Wirklichkeiten auch dann, wenn sie Fiktionen sind.“ Und wenn wir „unser Leben so sehen (können), als wäre es Teil einer großen Geschichte, über deren Happy End bereits von Anfang an entschieden ist …, würde das dem, was wir erleben, zweifellos seinen Schrecken nehmen“. Die Aktualität von Barths Erzählung liegt nach Frisch nicht in einer Kritik aller Verhältnisse, sondern darin, dass Welt und Mensch gut sind, „weil Gott alles gut gemacht hat“. Deshalb lasse Barths Theologie „den Menschen mit Theologie, Kirche und Gott in Ruhe“. Darin entspreche sie der Sehnsucht des heutigen Menschen und anerkenne mit ihrem Verzicht auf jede Plausibilisierung Gottes die modernen Erkenntnisbedingungen. Derart ästhetisch verstanden, trifft seine Theologie den Nerv unserer Zeit, gerade auch dort, wo sie quer zu ihr steht.

Frischs Text führt kurzweilig in Barths Theologie ein und macht plausibel, warum Barth davon erzählt, dass das Böse unwirklich und der Mensch zum Zuschauer eines Heilsgeschehens geworden ist, das er sich nur gefallen lassen muss. Am Ende steht eine „Ethik des Lassens“ und „der Verschonung“, die weder den Menschen noch die Welt besser machen will, und eine Beruhigung an die Kirche, sich nicht vor ihrem Bedeutungsrückgang fürchten zu müssen.

Es ist eindrucksvoll, wie Frisch Karl Barths großes Freilassen der Welt und des Menschen zur Geltung bringt. Über zweierlei könnte man vielleicht diskutieren. Zum einen: Ist wirklich alles gut, wenn auf Gott als Wirklichkeit jenseits der Erzählung verzichtet wird? Dem Theologen Ralf Frisch selbst gelingt dies ja auch nicht durchgängig, sondern er spielt Gottes Wirklichkeit an entscheidenden Stellen ein, unter anderem bei seiner Beruhigung der Kirche: Nur wenn Karl Barths Fiktion „wirklich die eigentliche Wahrheit über Gott und die Welt widerspiegelt, dann muss sich niemand Sorgen um die Zukunft von Theologie und Kirche machen“.

Und zum anderen: Ist der Mensch bei Barth so sehr in die Passivität entlassen, wie der Nürnberger Systematiker Frisch dies von seinem lutherischen Hintergrund her geltend macht? Auffallend ist, dass konkrete tagespolitische Auslassungen und andere um Weltgestaltung bemühte Aufsätze Barths kaum Erwähnung finden. Dabei wäre doch zu unterscheiden zwischen der von Gott gewirkten guten Wirklichkeit und dem, dass diese auch im Leben des Menschen ankommen muss. Nur wenn der Mensch dazu sein freies Ja sagt und dementsprechend lebt, ist wirklich alles gut.

Christiane Tietz

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