Gedankliche Tiefe

Russische Entwicklung
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Der Schlüssel zum Verständnis von Putins Erfolg liegt im sowjetischen Erbe.

Das totalitäre System der Sowjetunion hatte in den siebzig Jahren seines Bestehens einen fügsamen, ausführenden, mitmachenden Menschentyp hervorgebracht, den der Soziologe Gudkow als Homo Sovieticus bezeichnete. Chance und Aufgabe der Reformer um 1990 bestanden darin, mit diesen Menschen einen Staat, der durch Kommandowirtschaft und Einparteiensystem geprägt war, in eine funktionierende Demokratie zu verwandeln. Die durch Gorbatschow ausgelöste Aufbruchstimmung schlug bald in Unsicherheit, Zukunftsangst und Minderwertigkeitsgefühle um.

Aus der Weltmacht Sowjetunion waren einzelne kleinere Staaten entstanden, die in der Weltpolitik, wenn überhaupt, nur noch eine untergeordnete Rolle spielten. Besonders die Einwohner Russlands fühlten sich vom Westen gedemütigt. Der starke Mann Putin gab ihnen Nationalstolz zurück und wiederum ideologische Vorgaben. Er versprach wirtschaftliche Sicherheit und schränkte dafür bürgerliche Rechte ein. Nicht nur die Medien, sondern weite Bereiche von Staat und Gesellschaft brachte er wieder unter die Kontrolle der Exekutive. Bereits unter Jelzin schlug die geistige Offenheit in Nationalismus um. Wie zu Sowjetzeiten beziehen viele Einwohner Russlands ihr Identitätsgefühl aus der Vergangenheit, aus dem Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg. Der Hass auf die USA, der in der Sowjetunion zu den politischen und gesellschaftlichen Grundlagen gehörte, wurde im nachsowjetischen Russland, vor allem nach dem 11. September 2001, wiederbelebt. Inzwischen ist Russland zu einem der Führer der antimodernen Welt geworden.

Der Wert der Nation, die Berufung auf die Vergangenheit und auf traditionelle Werte sowie das Heraufbeschwören einer Bedrohung von außen und durch eine so genannte Fünfte Kolonne im Inland bilden die Hauptbestandteile der neu-alten russischen Ideologie. Hinzu kommt eine Geringschätzung des einzelnen menschlichen Lebens. Was kritische sowjetische Soziologen gehofft hatten, dass mit dem Untergang des totalitären sowjetischen Staats der Homo Sovieticus ebenfalls verschwinden würde, ist nicht eingetreten. Sie mussten im Gegenteil die deprimierende Erkenntnis machen: Die Gesellschaft ist im Wesentlichen unverändert geblieben. Viele Russen hatten sich darauf eingelassen, wieder in einer Art Diktatur zu leben, und dafür, scheinbar, stabile Verhältnisse zu haben.

Der Schlüssel zum Verständnis von Putins Erfolg liegt im sowjetischen Erbe. Die 1967 in Moskau geborene, jetzt in den USA lebende Autorin analysiert und beschreibt diese Entwicklung und macht sie am Schicksal von vier um 1984 - Orwell lässt grüßen - geborenen Russen erlebbar. Sie verbrachten ihre Kindheit in einem Land, das sich öffnete. Und sie wurden erwachsen in einer Gesellschaft, die sich wieder verschloss. Für alle vier, die sich beim Aufbau einer offenen Gesellschaft engagierten, ist in Putins Russland kein Platz. Durch diese in einer lebendigen Sprache mit Sympathie erzählten Lebensläufe und durch den persönlichen Blick auf die Ereignisse bekommt das Buch eine emotionale und gedankliche Tiefe, die sowohl Leser von Romanen als auch von wissenschaftlich-publizistischen Texten erreicht und begeistert. Die Überlegungen der Autorin sind geprägt von den Gedanken Erich Fromms und Hannah Arendts und von der Psychoanalyse Sigmund Freuds.

Im März wird Masha Gessen für dieses Buch mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Vollkommen zu Recht, denn die Analyse der russischen Entwicklung weist auf eine weltweit zu beobachtende Erosion demokratischer Verhältnisse hin und schärft den Blick dafür, was Demokratie bedeutet.

Jürgen Israel

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