Versöhnlich

Neues in der Religionspädagogik
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Ist es Aufgabe des Religionsunterrichtes, Traditionen zu vermitteln?

Joachim Kunstmann hat ein sympathisches Buch geschrieben - engagiert und angriffig, deshalb auch interessant und anregend. Zugleich ist es ein überraschendes Buch, weil es sich so gar nicht auf die Herausforderungen bezieht, die heute weithin mit Religion und Religionen verbunden werden - also religiöse Pluralisierung, Fundamentalismus oder auch das Unscharf-Werden religiöser Grenzen angesichts von Synkretismus oder religiöser Hybridisierung.

Stattdessen stellt die zunehmende Religionsdistanz den Bezugshorizont des Buches dar, im Sinne von Säkularisierung und nachlassender religiöser Sozialisation. Vor allem aber steht Kunstmann vor Augen, dass der Religionsunterricht weithin persönlich bedeutungslos sei. Wo immer Religion als Traditionsbestand präsentiert werde, müsse das auch so bleiben. Überhaupt könne es nicht Aufgabe des Religionsunterrichts sein, Traditionen zu vermitteln - vielmehr gehe es um ein „neues Modell“, „das das religionspädagogische Plädoyer für den Erfahrungsbezug einlöst und Religion primär als subjektive Erfahrung versteht“. Denn Religion sei „Lebensdeutung“, die „nicht mehr von traditionellen Inhalten“ ausgehen könne, „sondern von den Lebensfragen und Erfahrungen der Subjekte“. Die christliche Tradition solle als „Medium und Resonanzbereich“ genutzt werden - auf diese Weise könne sie gewinnbringend eingesetzt werden.

Kunstmann bezeichnet seinen Ansatz als „existenzielle Religionspädagogik“. Gemeint ist, dass nun die Lernenden selbst der „zentrale Inhalt der Religionspädagogik“ sein sollen. Darin komme die in der Religionspädagogik auch sonst weithin als Konsens anzusprechende Subjektorientierung an ihr Ziel. Dieser Grundgedanke wird hier aspektreich durchgespielt - bis hinein in die Unterrichtsgestaltung, für die „existenzielles Erleben“ den „Dreh- und Angelpunkt“ bilden soll.

Man kann dem Autor nur zustimmen: Subjektorientierung und die Erfahrung, dass es um existenzielle Wahrheiten geht, ist für den Religionsunterricht essenziell. Doch wird man sich auch fragen müssen, ob deshalb die Inhalte einfach in den Hintergrund treten sollten. Existenziell werden Erfahrungen im Religionsunterricht ja eben dadurch, dass sich Inhalte der christlichen Tradition neu und persönlich erschließen.

Irgendwie scheint dies auch dem Verfasser am Ende klar zu sein. Ohne Rückgriff auf religiöse Tradition, also allein und ausschließlich von den Kindern und Jugendlichen her, kann religiöse Bildung nicht gelingen. Insofern bleibt die zugespitzte Forderung, dass nunmehr allein die Kinder und Jugendlichen den Inhalt des Unterrichts ausmachen sollten, eben was sie ist: eine Zuspitzung, die bewusst ein hohes Maß an Einseitigkeit in Kauf nimmt. Und so endet das Buch denn doch ganz versöhnlich. Der Autor will „auch die religiöse Tradition wieder plausibel machen“.

Auch nach der Lektüre des Buches bleibt es dabei: Subjektorientierung ja, aber eben nur so, dass die Subjekte sich dabei Inhalte und damit die Welt erschließen, die immer mehr ist als sie selbst. Zudem würde es dem Religionsunterricht, gerade unter dem Anspruch einer „zeitgemäßen religiösen Bildung“, nicht gut bekommen, wenn er sich allein auf existenziell-persönliche Fragen beschränken und den weiteren Horizont der religiösen Gegenwartssituation mit ihren nicht immer einfachen Herausforderungen aus dem Blick verlöre.

Friedrich Schweitzer

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Foto: Jörg Winter

Friedrich Schweitzer

Friedrich Schweitzer ist Professor für Praktische Theologie/Religionspädagogik an der Universität Tübingen.


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