Jenseits von „Africa Rising“

Über falsche Bilder und vereinfachende Schlagworte
Frank Adams (rechts) entwickelt Solar-Heimanlagen und verkauft sie unter der Marke „Mobisol“ in ganz Tansania. Foto: epd/ Tillmann Elliesen
Frank Adams (rechts) entwickelt Solar-Heimanlagen und verkauft sie unter der Marke „Mobisol“ in ganz Tansania. Foto: epd/ Tillmann Elliesen
Ist Afrika ein Kontinent der Krisen oder Chancen? Beide Erzählungen würden der komplexen Lage nicht gerecht, meint der auf Afrika-Themen spezialisierte Journalist Peter Dörrie. Er beschreibt die unterschiedlichen Entwicklungen und die politischen Konsequenzen, die sich unter anderem für Deutschland daraus ergeben.

Optimismus ist in der deutschen Afrikapolitik in Mode. Entwicklungsminister Gerd Müller bezeichnet den europäischen Nachbarn am liebsten als „Chancenkontinent“, Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht in Afrika dank des angeblich starken Wirtschaftswachstums einen „Zukunftsmarkt“ für deutsche Unternehmen. Und nicht nur in Deutschland werden solche positiven Schlagworte für Afrika gern genutzt. „Africa Rising“ (Afrika im Aufbruch) prangte 2011 auf dem Cover des Wirtschaftsmagazins The Economist. Das Pikante: Dieselbe Publikation veröffentlichte im Jahr 2000 eine Afrika-Ausgabe unter dem Titel „The hopeless continent“, der hoffnungslose Kontinent. 2013 wurde man sich des Widerspruchs offensichtlich bewusst und titelte als Kompromiss „Aspiring Africa“, zu deutsch: Ehrgeiziges Afrika.

Der Economist spiegelt in seiner Titelwahl die allgemeine Unsicherheit der vergangenen Jahrzehnte darüber, wie Afrika einzuordnen ist. Auf die Bürgerkriege und Hungersnöte der Achtziger- und Neunzigerjahre folgte eine Phase des Optimismus, gefördert durch Friedensverträge, demokratische Wahlen und rasantes Wirtschaftswachstum. Und heute? Auf der einen Seite gibt es die Bilder von ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer und durch Islamisten entführten Schulmädchen. Auf der anderen Seite stehen die in vielen Ländern immer noch hervorragenden Wachstumszahlen und das zunehmend positive Image Afrikas in der Popkultur, dass sich in Filmen wie dem Superhelden-Blockbuster „Black Panther“ spiegelt.

Dass die Bundesregierung die positive Perspektive auf Afrika hervorhebt, verwundert nicht. Stärker als je zuvor ist deutsche Politik um ein gutes Verhältnis zu afrikanischen Regierungen bemüht, von denen sie sich eine bessere Kontrolle der Migrationswege nach Europa erhofft. Deutschland ist zudem in Afrika militärisch und entwicklungspolitisch stark engagiert. In Mali sind ähnlich viele deutsche Soldaten wie in Afghanistan in Einsatz. Politisch verkaufen lässt sich ein solches Engagement natürlich viel besser für einen Kontinent „im Aufbruch“ als für einen „hoffnungslosen“ Teil der Erde.

Die Wahrheit ist allerdings: Egal ob „hopeless“ oder „rising“, die populären Narrative zum Zustand und zur Zukunft Afrikas waren und sind ziemlicher Blödsinn. Sie leiden alle an demselben fatalen Fehler, denn sie versuchen die Entwicklung von 54 Staaten und 1,2 Milliarden Menschen über den selben Kamm zu scheren.

Übergreifende Dynamiken

Staaten wie Äquatorialguinea mit einem Bruttosozialprodukt von knapp 10.000 Dollar pro Kopf in den selben Topf wie die Zentralafrikanische Republik mit einer Wirtschaftsleistung von weniger als 500 Dollar pro Einwohner zu schmeißen, kann keinen Erkenntnisgewinn bringen. Genauso wenig sinnvoll ist es, Eritrea und die Kapverdischen Inseln in dieselbe Schublade zu stecken. In dem einen Land wird die Bevölkerung in einem ähnlichen Ausmaß wie in Nordkorea unterdrückt, in dem anderen gelten dagegen politische Freiheiten wie in Frankreich. Und diese Betrachtung berücksichtigt noch nicht einmal, dass die Unterschiede innerhalb vieler afrikanischer Länder noch extremer sind als die Unterschiede zwischen ihnen.

Dennoch gibt es natürlich länderübergreifende Dynamiken, die eine genauere Betrachtung wert sind und bei denen Afrika eine gewisse Sonderrolle einnimmt. Dazu zählt leider auch das Thema Armut. Der Anteil der Menschen, die von weniger als 1,90 Dollar am Tag leben müssen und damit der Definition der Weltbank nach als extrem arm gelten, beträgt in Subsahara-Afrika immer noch 41 Prozent. Weil das seit 1990 nur einer Reduktion um 13 Prozent entspricht, die Bevölkerung des Kontinents sich im gleichen Zeitraum aber verdoppelt hat, ist die absolute Zahl der extrem armen Menschen damit gestiegen. In allen anderen Erdteilen ist das Gegenteil der Fall, weltweit beträgt der Anteil der extrem Armen an der Gesamtbevölkerung etwa zehn Prozent. Andauernde Konflikte, bis in die Kolonialzeit zurückreichende strukturelle Herausforderungen wie eine schlechte Infrastruktur, weiterhin hohe Geburtenraten und schlechte Regierungsführung werden dafür sorgen, dass extreme Armut 2030 ein fast ausschließlich afrikanisches Phänomen sein wird.

Eine genaue Betrachtung der Daten macht allerdings deutlich, dass afrikanische Länder keinesfalls zur ewigen Armut verdammt sind. Länder wie Ghana bewegen sich nahe des globalen Durchschnitts. Und Äthiopien konnte seit 1995 den Anteil der in absoluter Armut lebenden Bevölkerung von 67 Prozent auf unter 26 Prozent mehr als halbieren und war damit erfolgreicher als beispielsweise Indien. Genauso wie im Rest der Welt wird Armut auch in afrikanischen Staaten zunehmend eine Verteilungsfrage, vor allem wo, wie im statistisch reichsten Land des Kontinents, Äquatorialguinea, die Gewinne aus dem Export von Rohstoffen von einer kleinen Elite abgeschöpft werden.

Afrika ist auch ein Kontinent der Migration. Allerdings nicht in dem Sinne des rechtspopulistischen Schreckgespenstes einer Menschenwelle, die angeblich Europa überrollt. Auf die Gesamtbevölkerung gerechnet verlassen jedes Jahr weniger Menschen den afrikanischen Kontinent, als etwa aus Südasien oder Lateinamerika auswandern. Innerhalb des Kontinents und vor allem zwischen Ländern in unmittelbarer Nachbarschaft gibt es dagegen bedeutende Wanderungsbewegungen. Dabei spielt saisonale und dauerhafte Arbeitsmigration eine herausragende Rolle. Und anders als in anderen Erdteilen strebt die Politik eine weitere Öffnung der Grenzen an. 27 afrikanische Staaten haben ein Protokoll der Afrikanischen Union unterschrieben, das mittelfristig zur umfassenden Freizügigkeit und einem einheitlichen afrikanischen Reisepass auf dem gesamten Kontinent führen soll.

Das oft beschworene Wirtschaftswachstum, auf das sich auch die Bezeichnung „Chancenkontinent“ durch Bundesminister Müller bezieht, eignet sich dagegen kaum zur Beschreibung Afrikas. Zwar stellt der Kontinent seit einiger Zeit einen beachtlichen Anteil der im jeweiligen Jahr am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Noch stärker sind afrikanische Länder aber am unteren Ende der Skala vertreten. Manche Länder halten ihre Position in diesem Ranking konstant über Jahre, in anderen sind die wirtschaftlichen Rahmendaten von der Preisentwicklung eines bestimmten Rohstoffs wie Kupfer oder Erdöl auf dem Weltmarkt abhängig. Einen Zusammenhang zwischen dem Wachstum des Bruttosozialprodukts und der Eignung eines Landes als Investitionsziel, oder als Partner deutscher Außenpolitik lässt sich ohnehin kaum erkennen.

Vereinfachende Schlagworte

Es ist darum schade, dass auch die deutsche Politik auf Karikaturen Afrikas als Ursprung von Migrationswellen oder Investitionsparadies setzt. Unnötig ist es obendrein, denn Argumente für die Formulierung und konsequente Durchsetzung einer deutschen Afrikapolitik lassen sich auch ohne vereinfachende und beschönigende Schlagworte finden. Die Ereignisse überschlagen sich in vielen Teilen des Kontinents. Der Sahel wird von Milizen, kriminellen Organisationen und terroristischen Gruppen destabilisiert.

Eine ganze Generation alternder Alleinherrscher klammert sich gegen den Widerstand einer jungen Bevölkerung an die Macht und scheitert dabei teils spektakulär, wie zuletzt Robert Mugabe in Simbabwe oder Yahya Jammeh in Gambia. In diesem Jahr werden sich in Nigeria, Senegal und Südafrika die angeschlagenen Präsidenten der drei vielleicht wichtigsten Demokratien Afrikas den Wählern stellen müssen. In Äthiopien versucht sich der junge Premierminister Abiy Ahmed an einigen der radikalsten demokratischen Reformen der jüngeren Weltgeschichte, während die herrschende Elite in vielen anderen Ländern den Einsatz scheinbar freier und gleicher Wahlen zum eigenen Macherhalt perfektioniert.

Gleichzeitig sind die USA, Großbritannien und Frankreich angesichts interner politischer Debatten immer weniger dazu bereit, international Verantwortung zu übernehmen. Einer engagierten Bundesregierung würde das ermöglichen, auf dem Kontinent eine „Afrikapolitik der demokratischen Werte“ zu gestalten, die individuelle Länder in ihrer jeweiligen Entwicklung ernst nimmt, kontinental aber dem langfristigen Ziel gerechter Gesellschaften und partizipativer Politik verschrieben ist. Formal ist das natürlich schon jetzt ein ernstes Anliegen Deutschlands, in der Praxis versteht sich deutsche Außenpolitik auf dem Kontinent aber vor allem als Schutzwall gegen Migration und als Außenhandelsförderung.

Dabei könnte ein breiter aufgestelltes deutsches Engagement in Afrika, das sich nicht nur an eigenen Ängsten, Prioritäten und vereinfachenden Begriffen orientiert, auch bei uns zu wertvollen gesellschaftlichen und technologischen Impulsen führen. Denn zur afrikanischen Realität gehört auch eine junge Generation hervorragend ausgebildeter Unternehmer und Aktivisten, die zum Beispiel in Nairobi eine innovative IT-Szene geschaffen haben und in Westafrika bei der Verschmelzung zwischen politischem Protest und Kunst neue Wege gehen. Einige der interessantesten gesellschaftlichen Experimente der Gegenwart finden auf dem Kontinent statt. In Kenia erhalten bald tausende zufällig ausgewählte Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und die nigerianische Regierung hat 2012 in einem aufsehenerregenden Versuch bis zu 50.000 Dollar an 1.200 junge, teils zufällig ausgewählte junge Unternehmensgründer verteilt.

Mobile Geldbörsen

Die Lotterie, durch die unter anderem mehr als 7.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, gilt heute als eine der erfolgreichsten wirtschaftlichen Fördermaßnahmen, die je intensiv wissenschaftlich begleitet wurden. Hier und nicht in einer abstrakten Wachstumszahl sind die wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten des Kontinents zu suchen. Die von Deutschland durchlaufenden Entwicklungsschritte von Industrialisierung zur Dienstleistungsgesellschaft, einhergehend mit einem stetigen Ausbau des Staatswesens, sind für die meisten afrikanischen Länder unrealistisch. Die zur Armutsbekämpfung notwendige Wirtschaftsentwicklung muss anders erzeugt werden, vor allem weil die natürlichen Ressourcen des Kontinents schon heute an vielen Stellen übermäßig genutzt werden.

Wie das funktionieren kann, dafür gibt es einige konkrete Beispiel. Schon jetzt hat der Kontinent praktisch geschlossen das gute alte Festnetztelefon zugunsten mobiler Kommunikation übersprungen. Mobile Geldbörsen auf dem Handy sind in einigen Ländern auch auf dem letzten Dorfmarkt Alltag. Ein ähnlicher Prozess bahnt sich im Energiesektor an, wo die Elektrifizierung weiter Teile der Gesellschaft durch erneuerbare Energien erfolgen wird, teilweise durch dezentrale Netze. Nicht jedem Land wird es auf Anhieb gelingen, diese Herausforderungen zu meistern. Von den Erfolgen werden wir aber viel lernen können.

So betrachtet entzieht sich Afrika der Einordnung in eine einzige Schublade. Wer den Kontinent wirklich auf ein Schlagwort reduzieren will, der sollte vielleicht vom „komplexen Afrika“ reden: eine Weltregion jenseits von Klischees und einfachen Erklärungen, in der Chancen und Risiken vor allem von einer genauen Betrachtung der Umstände getrennt werden.

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Peter Dörrie

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