Abgründig und gut

Jan Zelenkas Geniestreiche
Eine Chance, die es zu nutzen gilt!

Im Jahr 2017 schwelgte alles in Telemann. Dabei hat es der früher als „Vielschreiber“ Geschmähte heute gar nicht mehr so schwer, sich zu behaupten - sowohl im Konzertgeschäft wie auf dem Tonträger-Markt. Seit Jahrzehnten spült das zuweilen exzessiv anmutende Alte-Musik-Business immer neue, angeblich wertvolle Helden der Musikgeschichte ans Tageslicht. Hier gilt es dann die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dass Bach und Mozart durch ihre Rezeptionsgeschichte für den Hochbarock beziehungsweise für Rokoko und Klassik landläufig und für den musikalischen Massenmarkt weiterhin das Maß aller Dinge sind, kann man bedauern, aber es ist halt so. Punkt.

Umso wichtiger also, Gelegenheiten beim Schopfe zu packen, bisher relativ unbekannte, ja verschollene Genies dem Dunkel der Musikgeschichte zu entreißen, wenn (!) sie denn Genies sind - selbst wenn kein Jubiläum ansteht.

Solch Gelegenheit ergibt sich jetzt im Fall von Jan Dismas Zelenka (1679-1745), denn gerade ist eine 10-CD-Box mit den Werken des aus Böhmen stammenden Komponisten erschienen, noch dazu zum unverschämt günstigen Preis von weniger als fünf Euro pro Silberscheibe (www.jpc.de). Zu hören sind Vokal- und Instrumentalwerke von berückender und fesselnder Schönheit.

Schade, das große Oratorium zu Ehren des Heiligen Wenzels (Melodrama de Sancto Wenceslao) wird sicherlich hierzulande mangels Anlass nicht aufgeführt werden, wobei schlicht die überaus phantasievollen, ins Herz treffenden Melodien und Harmonien samt besonderer Instrumentation das Werk genauso zu einem Juwel machen, wie die heilige Versammlung am Grabe des Herrn, zu dem sich in I Penitenti al Sepolcro del Redentore, zu Deutsch „Die Büßer am Grab des Erlösers“ Petrus, Maria Magdalena und aus den Tiefen der biblischen Geschichte auch König David einfinden. Sie ringen in phantastischen Arien um rechte Rückschau und Buße. Einfach hinreißend! Das gilt auch für die herrlichen Orchestersuiten, in denen teilweise sieben unterschiedliche Instrumente miteinander wetteifern - ganz wie Telemann, nur völlig anders.

Fast drei Jahrzehnte wirkte Zelenka am Dresdner Hof. Zu seinem Leidwesen rückte er nie an die Spitze des damals weltbesten Orchestra di Dresda. Schade eigentlich. Aber es ist ein großes Verdienst herausragender tschechischer Barockensembles, unter anderem auch des international renommierten „Collegium 1704“ mit Vaclav Lucs und des nicht nur marktfixierten Musikriesen jpc, dass diese Zelenka-Werkschau nun in einer vitalen Sammlung, deren Aufnahmen von 1994 bis 2011 entstanden, greifbar ist. Eine Chance, die es zu nutzen gilt. Tolle et audi!

Reinhard Mawick

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