Kundig

Schleiermacher zum Geburtstag
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Ein genaues Buch, das sich an theoriemäßig Vorbelastete richtet.

Das Schleiermacher anlässlich seines 250. Geburtstages geehrt wurde, ist nur recht und billig. Und vielleicht können wir Evangelischen ihn heute unbeschwerter ehren als zu irgendeinem Zeitpunkt seit seinem Tod 1834: Die allzu Traditionsgebundenen unter seinen Kritikern sind verstummt, ihre Nachfahren sind aus der Sicht der modernen Protestanten in den Obskurantenwinkel verbannt, die Sympathien für Revolution und Fortschritt sind zu bloßen Abnickposten geworden. Oder letzteres vielleicht nicht ganz? Jedenfalls setzt hier Andreas Arndt an, Professor für Philosophie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und Leiter der Schleiermacherforschungsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Ihn interessiert in diesem Buch weniger, ob der „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ wirklich noch der ultimative Grund für modernes - wahlweise auch: „aus den Ketten der Dogmatik befreites“ - Christentum sein kann. Es stört ihn auch nicht, dass Schleiermacher das Christentum in etwas Unbestimmt-Größerem namens Religion aufgehen ließ, diesem Passepartout für jedes Weltverhältnis, das den Sinn des Ganzen erfühlt - religionssoziologisch betrachtet möglicherweise nur das maßgeschneiderte Gewand für westlich-urbane Protestanten. Arndt untersucht in erster Linie, wie es Schleiermacher mit einem auf die Veränderung unhaltbar-stabiler Zustände gerichtetem progressivem Denken hält - das heißt, vom Zeitkontext her: Wie hielt er es mit der Französischen Revolution? „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern“, das stammt zwar nicht von Schleiermacher, aber vermutlich würde der Autor Marxens 11. Feuerbachthese unterschreiben.

Arndt zeichnet den philosophischen Werdegang Schleiermachers nach, ohne seine religiöse Sozialisation zu vernachlässigen, und er weist mit Akribie nach, dass die im 19. Jahrhundert gern gepflegte Ansicht, Schleiermacher sei im Grunde doch ein großer Patriot - nach heutiger Terminologie also ein großer Reaktionär - gewesen, so und auch nicht anders stimmt: Schleiermacher habe die Revolution immer positiv gewertet, abgerechnet das obligatorische Abscheuschütteln angesichts ihrer Gräuel.

Doch auch, wenn nicht zu verkennen ist, auf welcher Seite das Herz des Autors schlägt, so ist er doch ein viel zu genauer Wissenschaftler, um die Schwächen Schleiermachers zu verschweigen. In seinem Schlusswort heißt es, die scharfen Konturen, die man beim ersten Blick auf Schleiermachers Werk zu erkennen meine, verschwömmen bei näherem Zusehen: Schleiermacher sehe „die Idee des Fortschritts in der Konstruktion der Geschichte a priori festgeschrieben“, ein Scheitern sei „theoretisch nicht vorgesehen“. Dabei blieben die „historischen Bedingungen und Mittel des Handelns“ unbestimmt. Mit anderen Worten: Schleiermacher sei von der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts zu überzeugt gewesen, um noch viel Geistesenergie in den Handlungsbedarf zu investieren. Jeder „spekulative Gedanke“ schlage so unmittelbar in „kritiklose Hinnahme von Bestehendem“ um - das ist wirklich nicht gelinde gesagt.

Arndt selbst zeigt sich selbst wenig überzeugt vom eigenen halbherzigen Rettungsversuch im vorletzten Abschnitt, nämlich von dem Hinweis auf das Bleibend-Utopische bei Schleiermacher.

Es gelte vielmehr, „die Unbestimmtheit aufzuheben, die den blinden Fleck“ von Schleiermachers Theorie bilde. Ein kundiges, ein genaues Buch, doch seiner Anlage und Absicht nach keine Einleitung in Friedrich Schleiermachers Leben und Werk, sondern eines, das sich gewissermaßen an theoriemäßig Vorbelastete richtet.

Helmut Kremers

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